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'Club der Töchter' - Bin ich eigentlich eine gute Tochter?

'Club der Töchter' - Bin ich eigentlich eine gute Tochter?

'Club der Töchter' zeigt das unterschiedliche Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern

„Stellen Sie sich vor, Sie stünden am Grab Ihrer Mutter und hätten keine Schuldgefühle…“ Natasha Fennels Buch beginnt mit einem Schlag in die Magengrube. Kaum eine Tochter stellt sich gerne vor, am Grab ihrer Mutter zu stehen. Ich lasse die Worte in geschwungenen Buchstaben wirken und muss schlucken. Will ich das lesen? Ich blättere um.

Für die Autorin des Buches 'Der Club der Töchter' ist der Tag vom Tod ihrer Mutter von heute auf morgen in greifbare Nähe gerückt, als diese lebensgefährlich erkrankt. „War ich eine gute Tochter? Weiß sie, wie dankbar ich ihr für alles bin? Was habe ich in all den Jahren für sie getan?“ Diese Fragen kreisen in Natascha Fennells Kopf herum – und plötzlich auch in meinem.

Von Lisa Rduch

Das Verhältnis zur eigenen Mutter ist für viele so selbstverständlich wie Brötchen kaufen – besonders, wenn es ein gutes Verhältnis ist. Es ist eine Instanz, die immer da gewesen ist und deren Existenz wir meistens nicht hinterfragen – bis sie uns zu entgleiten droht. Als Natascha Fennell von dem fragilen Bild ihrer Mutter spricht, die nicht weniger liebevoll, dafür umso schwächer wird, muss ich das Buch immer wieder weg legen. Automatisch versetze ich mich in ihre Situation und das ist zunächst nur schwer auszuhalten. Doch die Autorin schöpft daraus den Antrieb, das Verhältnis von sich und ihrer Mutter zu hinterfragen, um die Zeit, die sie noch mit ihr hat, wirklich zu nutzen. Und ich will die Antworten auf ihre Fragen wissen.

Also gründet sie zusammen mit der Redakteurin Roísín Ingle den 'Club der Töchter': Schnell finden sie Frauen aus ganz Irland, ihrer Heimat, die über das Verhältnis zu ihren Müttern sprechen wollen. Sie treffen sich, um genau das zu tun – ohne zu verurteilen, ohne Scham. Das Spektrum reicht von einem Extrem zum anderen: Von der Tochter, die wird wie ihre Mutter, über die Tochter einer narzisstischen Frau, der sie es nie recht machen konnte, bis hin zu einer Tochter, die sich keine Zeit für ihre Mutter nimmt. Jeder der neun Frauen sind dabei zwei Kapitel gewidmet: Das erste schildert ihre Ausgangssituation, das zweite die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Mutter und Tochter durch den Club.

Ich bin gefesselt von den sehr aufrichtigen und authentischen Erzählungen der Frauen. „Ich traure um meine Mutter, obwohl sie noch nicht tot ist. Wenn ich sie ansehe, erfüllt mich diese Liebe, die ich schon als Kind, als aufmüpfiger Teenager und als junge Frau mit Liebeskummer empfand. Meine Mutter hat sich so sehr verändert, dass ich sie nicht wiedererkenne. Aber meine Liebe für sie bleibt dieselbe.“, schreibt die Tochter, die ihre Mutter an die Demenz verliert. Die gemeinsamen Erinnerungen – sie kann sie nicht mehr teilen.

Viele Töchter werden sich in den Geschichten wiederfinden

Eine andere findet kaum positive oder gar liebevolle Attribute, die ihre Mutter beschreiben. "Ich fürchte mich nicht vor dem Tod meiner Mutter, sondern davor, dass ich vor ihr sterben und die Freiheit, ein Leben ohne sie zu führen, nie erleben könnte.“ Der 'Club der Töchter' beschließt eine To-Do-List zu erstellen mit möglichen Unternehmungen mit ihren Müttern: Kurzreisen, Geduldsübungen, Verabredungen zum Essen. Alles, um das Verhältnis zu ihren Müttern zu verbessern. Ob das allen gelingt, sei an dieser Stelle noch nicht verraten.

Schuld, Enttäuschung, Versagensangst, der Wunsch nach Anerkennung und vor allem Liebe sind Bestandteil jeder einzelnen Geschichte. Jede Tochter sollte irgendwann mal dieses Buch zur Hand nehmen, denn viele werden sich in den Geschichten wiederfinden. Und selbst wenn nicht, kann es nicht schaden, sich über das Verhältnis zur eigenen Mutter bewusst zu werden und das wert zu schätzen, was man hat. Dabei muss man sich nicht gleich wie die Autorin in ein Todesszenario hinein versetzen und über Schuldgefühle am Grab nachdenken.

Das Buch von Natasha Fennell und Roísín Ingle gibt mir auf jeden Fall zu denken. Meine Kindheit sind Fruchtzwergeeis, Parcours aus Decken und Kissen, Kastanien sammeln und die Tatsache, dass wir immer über alles gesprochen haben. An einem hat es Zuhause nie gefehlt: Liebe. So kitschig das auch klingt. Der 'Club der Töchter' hat mir wieder bewusst gemacht, was das für ein Privileg ist. Nach der Arbeit rufe ich erst einmal meine Mutter an.

Über die Autorin:

Natasha Fennell leitet als Kommunikationsberaterin eine Werbeagentur in Irland. Für die Umsetzung ihrer Idee eines 'Clubs der Töchter' holte sie die Redakteurin und Kolumnistin Roísín Ingle mit ins Boot. Beide Frauen leben in Dublin.

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