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Cilem Dogan: Darf man jemanden feiern, der einen Menschen tötete?

Darf man eine Frau feiern, die ihren Peiniger tötete?
Häusliche Gewalt gegen Frauen muss bekämpft werden © dpa, Maurizio Gambarini

"Ich habe es für meine Ehre getan"

"Dear past: Thanks for all the lessons. Dear Future: I am ready!" Liebe Vergangenheit: Danke für all die Lektionen. Liebe Zukunft: Ich bin bereit – dieses Statement geht zurzeit um die Welt. Es ist auf dem T-Shirt einer Frau zu lesen, die ihren Ehemann tötete, nachdem er sie jahrelang misshandelt hatte und sie dann in die Prostitution zwingen wollte. Cilem Dogan zeigt keine Reue: "Warum", fragte sie, "sollen immer nur die Frauen sterben? Ich habe es für meine Ehre getan".

Von Ursula Willimsky

Vielen gilt die 28-jährige Türkin als Sinnbild des Widerstands gegen häusliche Gewalt. Als eine, die sich endlich gewehrt hat, statt weiter zu leiden. Die ihr Schicksal in die Hand nahm, nachdem ihre Hilferufe – bis hin zur Anzeige – scheinbar ungehört verhallten. Die sich nun in trotzigem Mut ihrer Zukunft stellt.

Doch darf man jemanden dafür feiern, dass er einen anderen Menschen getötet hat? Mitgefühl für die Motive, Mitgefühl für die Täterin: Ja. Das auf jeden Fall. Kein Außenstehender kann beurteilen, welche Verzweiflung und welche Angst einen Menschen beherrschen, der jahrelang und nun schon wieder misshandelt wird. Unserem menschlichen Empfinden nach hat die Frau in Notwehr gehandelt: Ihr Mann hatte sie geschlagen, wollte sie zwingen, mit ihm nach Antalya zu ziehen, um sie dort als Prostituierte verkaufen zu können. In letzter Not – so Cilems Schilderung – griff sie zu der Pistole, die unter dem Kopfkissen des Ehebettes lag, und erschoss ihren Mann.

Cilem Dogan gilt unser Mitgefühl, für all das, was sie jahrelang erleiden musste. So wie Tausenden anderer Frauen. In der Türkei werden laut Presseberichten Jahr für Jahr etwa 1.000 Frauen getötet - meist von ihren Partnern. Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich etwa 28.000 Frauen von ihren Lebensgefährten angegriffen werden. In den Staaten der Europäischen Union wurde jede dritte Frau schon einmal das Opfer von Gewalt. Eine Studie der 'Agentur der Europäischen Union für Grundrechte' spricht von 62 Millionen Frauen, die von sexualisierter oder körperlicher Gewalt betroffen sind oder waren.

Eine Frau sollte gar nicht erst in die Lage kommen, sich wehren zu müssen

All diesen Frauen muss geholfen werden – und es muss dafür gesorgt werden, dass nicht noch mehr Frauen Opfer werden. Damit sie gar nicht erst in die Lage kommen, sich irgendwann wehren zu müssen.

Vielleicht haben wir uns mit der Frage "Darf man eine Frau feiern, die ihren Peiniger tötet?" die falsche Frage gestellt. Ein Sprichwort sagt: Wenn jedes Unrecht Auge um Auge zurückgezahlt wird, ist irgendwann die gesamte Menschheit blind.

Sollte die Frage, um die sich alles dreht, nicht vielmehr lauten: Was können wir tun, um Gewalt gegen Frauen zu verhindern? Hier ist die Politik gefragt mit klaren gesetzlichen Vorgaben, aber auch mit finanziellen Mitteln zum Beispiel für Ansprechpartner und sichere Räume für bedrohte Frauen. Die Schulen sind gefragt, um Kinder präventiv ein Rollenverständnis nahezubringen, das Gewalt gegen Menschen ausschließt. Und nicht zuletzt sind jeder Vater und jede Mutter gefragt: Wenn sie voller Respekt und Achtung miteinander umgehen, können sie durch ihr Vorbild den Grundstock legen für ein Erwachsenenleben, in dem nicht Gewalt und Angst, sondern Liebe und Achtsamkeit herrschen. "Liebe Zukunft: Ich bin bereit" - das Statement auf Cilems T-Shirt sollte uns in diesem Sinne auch ein Auftrag sein.

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