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Chronische Schmerzen im Unterleib: Das hilft!

Chronische Schmerzen im Unterleib
Rund 15 Prozent der Frauen kennen den chronischen Schmerz im Unterbauch. Die Ursachen sind vielfältig.

Chronische Schmerzen: Unterschiedliche Ursachen

Experten schätzen, dass rund 15 Prozent aller Frauen ihn kennen, den chronischen Unterbauchschmerz. Zwar handelt es sich dabei um eine schwer fassbare Erkrankung mit unterschiedlichsten Ursachen, aber eines erleben alle betroffen Frauen gleichermaßen: regelmäßig wiederkehrende oder ununterbrochene, starke Schmerzen, die mindestens ein halbes Jahr andauern und unabhängig von der Monatsblutung auftreten. Das Leiden tritt meist in der fruchtbaren Lebensphase auf. Überwiegend erkranken Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren.

Von Daniele Erdorf

Mirjam quälte sich fast zehn Monate lang: "Darm, Blase oder Eierstöcke - ich konnte gar nicht zuordnen, wo es genau im Bauch wehtat. Wenn die Schmerzen kamen, strahlten sie in den gesamten Unterleib aus." Anfangs dachte die 27-Jährige, dass die Verdauung ein bisschen durcheinander geraten war und alles andere in Mitleidenschaft gezogen hatte. "Ich wollte nicht direkt zum Arzt. Außerdem war es nach ein paar Tagen besser und ich habe stärker auf meine Ernährung geachtet."

Aber dann kamen die Schmerzen immer häufiger und gingen irgendwann gar nicht mehr weg. Mirjam fing an, sich echte Sorgen zu machen: "Auch weil ich immer mehr Schmerzmittel eingenommen und mich richtig krank gefühlt habe." Schließlich sprach sie mit ihrer Hausärztin und die schickte sie nach einer ersten Untersuchung weiter zum Gynäkologen.

Suche nach der Schmerz-Ursache ist schwer

Die Gründe für den chronischen Unterbauchschmerz herauszufinden, ist eine nahezu detektivische Herausforderung für den Arzt. "Wenn keine gynäkologische Ursache vorliegt, müssen andere Spezialisten aus den Bereichen Innere Medizin, Urologie oder Gastroenterologie hinzugezogen werden", erläutert die Frauenärztin und Psychologin, Dr. Friederike Siedentopf. Die Expertin, die als Oberärztin in den DRK-Kliniken Westend in Berlin arbeitet, hat federführend an der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zum Thema chronischer Unterbauchschmerz mitgearbeitet. In diesem Papier wurden die aktuellen Erkenntnisse zur Erkrankung und deren Behandlung aus verschiedenen Facharztbereichen zusammengefasst.

"Leider", so Dr. Friederike Siedentopf, "lässt sich das Schmerz auslösende Moment nicht immer sofort ermitteln. Vor allem, wenn die Symptome auf ganz unterschiedliche organische Ursachen hindeuten. Dann lässt sich nur über eine gründliche Befragung der Patientin und die Ausschöpfung der verschiedenen Diagnosemöglichkeiten in den einzelnen Fachbereichen ein Befund sichern."

Das tückische am chronischen Unterbauchschmerz ist, dass er auch ganz ohne körperliche Grunderkrankungen auftreten kann. Siedentopf: "Auch seelische Störungen wie Depressionen oder traumatische Erlebnisse können sich in einem chronischen Schmerzempfinden manifestieren." Ein weiterer Umstand, der die Diagnose schwierig machen kann: Organische und psychische Komponenten können gemeinsam als Verursacher in Frage kommen.

Häufigste Ursache: Endometriose

Mirjam blieb langes Rätselraten und der Weg durch verschiedene Facharztpraxen zum Glück erspart. "Bei der gynäkologischen Untersuchung kam der Verdacht auf, dass eine Endometriose der Grund für die Schmerzen sein könnte“, erzählt sie. Der Arzt riet ihr zur Bauchspiegelung, um das genau abzuklären. Bei dem Eingriff bestätigte sich dann die Vermutung, dass es sich um eine Absiedelung von Gebärmutterschleimhaut in der Bauchhöhle handelte. Das Problem wurde noch während des Eingriffs beseitigt und danach hatten sich auch Mirjams Schmerzen erledigt.

Dr. Friederike Siedentopf: "Die Endometriose gehört zu den häufigsten Ursachen des chronischen Unterbauchschmerzes". Aber auch Myome (gutartige Muskelgeschwulste in der Gebärmutter) oder chronische Entzündungen der Eierstöcke können immer wiederkehrende Schmerzen mit sich bringen. "Im Bereich der urologischen Erkrankungen ist das Bladder-Pain-Syndrome zu nennen, unter dem verschiedene Störungen der Blasen- und der Harnleiterfunktion zusammengefasst sind." Aber auch der Reizdarm oder chronische entzündliche Darmerkrankungen (beispielsweise Colitis Ulcerosa, Divertikulitis oder Morbus Crohn) sowie Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems, des Bindegewebes oder des Nervensystems können permanente Unterbauchschmerzen hervorrufen. "Wichtig ist", so Dr. Friederike Siedentopf, "abzuklären, ob ein organisches Leiden vorliegt und wenn ja, welches."

Therapie des chronischen Unterbauchschmerzes

Schmerzmittel bei chronischen Schmerzen im Unterleib
Bei chronischen Unterleibschmerzen besteht die Gefahr, dass man zu viele Schmerzmittel einnimmt © Tania Zbrodko

Bei einer körperlichen Grunderkrankung, wird diese zuerst mit den üblichen, spezifischen Therapien behandelt. "Damit hat sich das Schmerzproblem - so wie bei Mirjam - oft auch erledigt", erläutert die Gynäkologin. Allerdings rät sie schmerzkranken Frauen, nicht zu lange mit dem Gang zum Arzt zu warten: "Immer wiederkehrende oder lang andauernde Schmerzimpulse können sich auf Zellebene verfestigen. Es bildet sich ein biologisches Schmerzgedächtnis. Dann bleibt das Problem bestehen, auch wenn die ursächliche Erkrankung auskuriert oder die Patientin bei chronischen Leiden therapeutisch gut eingestellt ist."

Dr. Friederike Siedentopf weist außerdem auf die Gefahren einer Selbstmedikation hin: "Von häufiger oder gar regelmäßiger Schmerzmittel-Einnahme ist unbedingt abzuraten. Die Nebenwirkungen dieser Präparate können erheblich sein. Nur weil es sie rezeptfrei in der Apotheke gibt, heißt das nicht, dass sie nicht langfristig Nieren, Leber oder andere Organe schädigen können. Außerdem besteht das Risiko, dass die Dosis laufend erhöht werden muss, weil der Körper sich an den Wirkstoff gewöhnt oder es gar zu einer Abhängigkeit kommt." Also lieber dem Schmerz auf den Grund gehen und sich ärztlich beraten lassen. 

Schmerzen: Ist die Psyche schuld?

Hat der Schmerz sich bereits verfestigt oder besteht der Verdacht auf eine psychosomatische Störung, ist das tiefergehende Gespräch mit dem Arzt besonders wichtig. Die Frauenärztin und Psychotherapeutin dazu: "Viele Patientinnen wissen nicht, dass Gynäkologen - anders als andere fachärztliche Spezialisten - schon in der Ausbildung eine intensive psychosomatische Schulung erhalten." Der Tipp von Dr. Friederike Siedentopf: "Fragen Sie Ihren Gynäkologen nach einem gesonderten Gesprächstermin, wenn er Ihnen diesen nicht schon angeboten hat."

In solchen Gesprächsterminen besteht die Möglichkeit herauszufinden, ob es bestimmte Schmerzauslöser, die sogenannten Trigger gibt, oder ob die Schmerzen immer in einem bestimmten, sozialen oder emotionalen Kontext auftreten. Bei psychosomatischen Problemen, wie Spannungs- oder Unruhezuständen, können Medikamente auf Johanniskraut-Basis als Therapeutikum eingesetzt werden. "Überhaupt", so Siedentopf, „Entspannung und Ruhe hilft, mit dem Schmerz fertig zu werden oder seine Entstehung sogar punktuell zu blockieren." Empfehlenswert sind spezielle Relax-Programme (beispielsweise Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation) oder Wärme und Bäder.  

Bleibt der der chronische Unterbauchschmerz bestehen, wenn organische Faktoren ausgeschlossen wurden oder die Grunderkrankung auskuriert ist, kann über das Gespräch mit dem behandelnden Arzt hinaus eine Psychotherapie sinnvoll sein. Das gilt insbesondere dann, wenn seelische Ursachen wie eine Depression oder ein traumatisches Erlebnis im Verdacht stehen, Schmerzauslöser zu sein. Der Gynäkologe hat die dann Möglichkeit - ohne den Umweg über den Neurologen oder Psychiater - direkt an einen Psychotherapeuten zu überweisen. "Patientinnen mit chronischem Unterbauchschmerz brauchen Geduld", fügt Dr. Friederike Siedentopf hinzu, "schnelle Hilfe gibt es nur selten und manchmal müssen Betroffene sogar lernen mit dem Schmerz zu leben."

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