Christian Wulff: Peinliches Interview im TV

Christian Wulff: Das Ende nach TV Interview?
© dpa, pool

Christian Wulff macht sich selbst zum Opfer

Ein Bundespräsident spricht im Fernsehen- und alle gucken gebannt zu. Ja, wann gab es denn so was das letzte Mal? Herzlichen Glückwunsch Christian Wulff. So schnell so bekannt zu werden - das hätte Ihnen niemand zugetraut. Sogar bei den Jugendlichen! "Wulffen" ist der neue Begriff für Mailbox vollquatschen. So einer muss natürlich im Amt bleiben. Findet er selbst! Sonst eigentlich keiner. Nicht mal Frau Merkel. Warum die den Präsidenten für seinen Wehr-Wulff Auftritt am liebsten aus den Palast werfen würde, aber leider nicht kann.

Von Dagmar Baumgarten

Eine der ganz wenigen Aufgaben des Bundespräsidenten ist das Gnadenrecht. Und das übt Christian Wulff pflichtbewusst aus. Indem er sich selbst begnadigt. Warum? Das hat er gestern versucht zu erklären. Wie das mittlerweile üblich ist, machte er sich natürlich erst mal zum Opfer. Die böse Presse wollte ihm und seiner Familie ans Leder. Die er natürlich schützen müsse. Hört sich immer gut an. Stimmt halt nicht, da es bei ihm weniger um Familie als um Finanzen ging. Nette Ironie, dass er diese Mitleids-Tour ausgerechnet von Herrn Guttenberg kopiert hat! Aber nicht nur das hat Wulff sich vom Copy-King abgeguckt. Guttenberg hat damals ausgewählte Pressevertreter zu sich eingeladen. Und Christian Wulff fährt ins ARD-Studio, um sich lediglich zwei Journalisten zu stellen! Das Ganze auch noch in einer Aufzeichnung. Also mit jeder Möglichkeit der Einflussnahme vor Ort! Glaubwürdige Vorgehensweise wäre gewesen: Er stellt sich der Bundespressekonferenz und damit der gesamten Presse, und zwar life!

Aber das Risiko von kritischen Fragen und ungeplanten Verhasplern ist natürlich groß. Also spricht er gestern zwar vom hohen Gut der Pressefreihet, meint aber, dass er so frei ist, der Presse zu sagen, wo es langgeht. Dass er das auch gerne mal etwas lauter auf diversen Mailboxen macht, räumt er als "schweren Fehler" ein. Um gleich eine Lüge hinterherzuschieben. Denn er wollte ja keine Berichte über sich verhindern, sondern nur um einen Tag verschieben.

Warum hält Merkel an Christian Wulff fest?

Ansonsten gab es keine Fehler zu entschuldigen.

Alles andere war höchstens ein "nicht ganz richtig gemacht!" Und das ja auch nur, weil er sich erst in sein Amt als Präsident reinfinden muss.

So erklärt er auch seine Salami-Taktik, Informationen über seinen "subventionierten Kredit", und seine gesponserten Urlaube nur nach und nach preiszugeben, und dann auch noch unwahr.

Zum Beispiel erklärt Wulff am 15. Dezember schriftlich, dass der Kreditvertrag mit der BW Bank in ein langfristiges Darlehen umgewandelt sei. Leider falsch, weil der Kreditvertrag erst am 27. Dezember unterschrieben wurde.

Das sollte sich mal ein normaler Arbeitnehmer wagen, seine Verfehlungen bei seinem Chef zu entschuldigen mit den Worten "achso, man muss hier ehrlich sein - woher sollte ich das wissen? Na ja vielleicht lerne ich das ja noch in den nächsten Jahren!"

Staatsmännisch war sein Auftritt gestern nicht. Das ist sicherlich auch Frau Merkel nicht entgangen. Der Wulff wehrte sich gegen die braven Fragen gestern so halbherzig, dass man ihm echtes Bedauern nicht abnimmt - höchstens darüber, dass seine Verfehlungen rausgekommen sind. Wulff will unbedingt Präsident bleiben. Auf seiner Internetseite steht: "Die Persönlichkeit des Amtsinhabers prägt zwangsläufig die Amtsführung in besonderem Maße!"

Da muss es doch selbst Frau Merkel eiskalt über den Rücken laufen. Warum hält sie trotzdem an ihm fest?

Warum fordert die SPD nicht viel vehementer seinen Rücktritt? Weil beide Parteien eine Riesen-Angst vor einem neuen Wahltheater haben.

Also nehmen sie einen Bundespräsidenten in Kauf, der alles, wofür dieser rein repräsentative Posten steht, mit Füßen getreten hat. In der Öffentlichkeit verkommt er im besten Fall zur Witzfigur. Viele winken ihn ab, mit der resignierten Begründung: "Sind doch eh alle so." Ausgerechnet der Bundespräsident, die moralische Instanz des Staates, demoralisiert die Bürger, und leistet einen weiteren Beitrag für die Politikverdrossenheit. Liebe Frau Merkel: Dass Sie ihn aus egoistischen Gründen in seinem Amt halten, ist sicher ein Fehler. Oder wie es auf bundespräsidentisch heißt "Nicht alles ganz richtig gemacht!"

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