LIEBE LIEBE

Casual Sex: Eine Beziehung ohne Erwartungen, aber mit Leidenschaft

Birgit Ehrenberg
Liebesexpertin Birgit Ehrenberg

Liebe ohne Erwartungen und feste Bindung

In diesen Wochen vor Weihnachten dreht sich alles um die Liebe, noch mehr als sonst. Man spürt regelrecht die Sehnsucht der ganzen Menschheit nach diesem Zustand der Liebe. Wobei ich als Liebesexpertin weiß, dass es keinen statischen Liebes-Zustand gibt. Das ist ja das Problem. Liebe ist im Wandel begriffen, das zeichnet sie aus. Das heißt nicht, dass sie vergehen muss, die Liebe, aber sie verändert sich. Damit ist zu rechnen.

Diese Tatsache steht im Widerspruch zum Bestreben der Liebenden, ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen, einen Beziehungstand wie zum Beispiel die Ehe (oder eine gemeinsame Wohnung) zu installieren, an der erst einmal nicht so schnell zu rütteln ist. Was man hat, das hat man.

Es gibt nun Lieben, die sind von vornherein nicht in ein Korsett zu bringen. Sie beginnen bei den Liebenden mit den üblichen großen Gefühlen, die nach und nach eine tiefe Bindung entstehen lassen. Unterschied: Man weiß genau, dass daraus kein Beziehungsstand wird. Weil einer oder beide keine Beziehung wollen, warum auch immer, das tut hier nichts zur Sache. Nun höre ich schon die Beschwerden, dass das dann doch keine Liebe sein kann. Meine Erklärung dazu: Doch – das kann Liebe sein. Liebe hat viele Gesichter.

Und gerade die Liebe, die keine Statik anstrebt, die also Erwartungen ausschließt, ausschließen möchte, ist eine besonders liebevolle Form von Liebe, lässt sie doch dem anderen sehr viel Freiheit, und das ist etwas wirklich Schönes, ein Geschenk.

Ich verurteile die Liebe, die nach Statik drängt, nicht, wie könnte ich. Doch sie ist eben in einer gewissen Hinsicht pragmatisch, nicht idealistisch. Man liebt, aber man will auch handfest etwas vom anderen, man stellt Besitzansprüche, man will Exklusivität, man will Treue. Man will und will, macht innerlich Strichlisten, was geht und was nicht, ob sich die Liebe „lohnt“. Erwartungen spielen eine große Rolle, das geliebte Du muss diesen Erwartungen entsprechen.

„Casual Love“: Eine Beziehung ohne Bindung

Wenn ich jetzt ankomme und behaupte, dass es schon sehr cool und zugleich liebevoll und romantisch ist, vom geliebten Du rein gar nichts zu erwarten und zu verlangen, könnte man mir vorwerfen, dass ich Menschen dazu auffordere, alles hinzunehmen, was jemand mit ihnen macht oder nicht macht. Und das sei mit der guten alten Selbstliebe nicht zu vereinbaren, die schließlich auch eine veritable Form der Liebe sei.

Doch auch die Selbstliebe kann verschiedene Gesichter haben. Sie kann einschließen, dass man Selbstliebe derart versteht, dass man sich selbst genügt, dass man keinen anderen braucht, ergo also keine Erwartungen an andere stellt. Tja, so leicht lassen sich Einwände aushebeln.:-)

Auf jeden Fall ist es eine große Sache, wenn man es sich zum Ziel gesetzt hat, mit einem Menschen in Liebe verbunden zu sein, ohne eine „richtige“ Bindung mit ihm zu leben.

Ruft der Mensch zwei Wochen nicht an, hat man keine Handhabe, kann sich nicht beschweren. Denn es kann keine Regeln geben in der Regellosigkeit, das ist die Regel. Eine heftige Regel.

Es gehört viel gebende Liebe und Mumm dazu, mit dieser Regel klarzukommen. Mir fällt ein, dass man das „Casual Love“ nennen könnte – passend zum Casual Sex. Auf jeden Fall ist es gut, dass solche bindungslosen Bindungen nicht an der Tagesordnung sind. Wer hält das schon aus auf Dauer.

Das Praktische und Nützliche an dieser anstrengenden Art Liebe ist, dass sie einen schult, was die Liebesfähigkeit angeht: Bei der nächsten „richtigen“ Beziehung ist man auf jeden Fall unverkrampfter, gibt dem anderen mehr Raum und Zeit, man hat schließlich schon einiges auf dem Buckel.

So macht dann ein schwieriges Lieben die „normale“ Liebe wieder leicht. Und alles ist gut.

Eure Birgit

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