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Carolin: alleinerziehende Zwillingsmama

Single Mom Carolin ist alleinerziehende Mutter von Zwillingen
Single Mom Carolin ist alleinerziehende Mutter von Zwillingsjungs © picture alliance / ZB, Waltraud Grubitzsch

Anstrengend - aber alles ist machbar!

Eine Wohnung mit zwei Toiletten musste es sein. "Zwillinge gehen nämlich immer gleichzeitig aufs Klo", sagt Carolin (28). Vor einem Jahr ist sie mit ihren beiden Jungs nach Köln gezogen. Ohne Papa. Der lebt nämlich schon seit sechs Jahre nicht mehr mit ihnen zusammen. Am Tag der Geburt von Leon Luca und Tim Philipp hat er Carolin verlassen. Morgens hat sie Zwillinge bekommen, abends den Laufpass. Am Anfang hat Carolin das für einen Scherz gehalten. Aber es war keiner. Sie zieht ihre eineiigen Zwillinge alleine groß. "Mama und Papa haben sich nicht mehr lieb, aber wir haben beide euch lieb." Das hat sie ihren Söhnen immer gesagt. Und sie haben es verstanden. Sie sehen ihren Vater sooft es möglich ist. Und sie lieben ihn. Allerdings lebt er im 300 Kilometer entfernten Oldenburg.

Von Kathrin Pleiss

Carolin ist nicht nur alleinerziehende Mama, sondern auch Studentin. Seit drei Semestern absolviert die 28-Jährige einen Bachelor-Studiengang zur Online-Redakteurin in Köln. Doppelbelastung. Der Umzug von Münster in die Domstadt war ziemlich chaotisch und anstrengend. Rund 60 Wohnungen hat Carolin sich innerhalb von drei Wochen angesehen. Oft traf sie auf Ablehnung: "Alleinerziehend? Zwei Kinder? Nein, danke!" Endlich hatte sie dann doch Glück. Eine 110-qm-Wohnung mit Garten in ruhiger Lage. Allerdings war die Traumwohnung nicht sofort verfügbar. "Wir mussten zwei Monate in einer 'Zeitwohnung' leben. 14 Quadratmeter für drei Personen. Es war schrecklich", erzählt Carolin. Täglich musste sie erst ihre Jungs in den Kindergarten bringen und sich dann ihrem Studium widmen. Doch diese beengten Zeiten sind für die Drei zum Glück vorbei. "Ich habe keine Existenzängste, aber manchmal stößt man an seine Grenzen. Mental und körperlich", sagt Carolin. Ihren stressigen Alltag zwischen Kindern und Uni beschreibt sie so: "Anstrengend – aber alles ist machbar!"

Ihr Studium ist zeitintensiv. Glücklicherweise hat Carolin einen Kindergarten gefunden, der flexible Abholzeiten hat. Wenn es nicht anders geht, werden ihre Söhne dort bis 18 Uhr betreut. Das erleichtert ihr Vieles. An der Uni gibt es Anwesenheitspflicht. Die Studenten dürfen nur zwei Mal pro Semester fehlen. "Das habe ich bisher auch geschafft", freut sich Carolin. Trotzdem ist die Organisation und Koordination von Kindern und Uni oft problematisch. Was Carolin sich dringend von ihren Kommilitonen wünscht, ist ein Funken mehr Verständnis für ihre Situation: "Sie wissen, glaube ich, gar nicht, was ich alles so leiste. Sie nehmen mich nicht als Mutter wahr."

Ohne Plan(er) läuft gar nichts

Wenn eine Besprechung verschoben wird, ist das für Carolin eben nicht so einfach, wie für ihre Mitstudenten. Manchmal hat sie das Gefühl, dass die Leute denken 'Tja, selbst Schuld, wenn du zwei Kinder hast. Hättest du ja nicht machen müssen!'. Sie hat schon öfters versucht, ihre Studienkollegen abends zu sich nach Hause einzuladen. Auf ein Kölsch. Leider gab es kein Interesse. Carolin findet das schade: "Ich bin doch trotzdem ein ganz normaler Mensch. Ein ganz normales Mädchen. Ein bisschen mehr Einfühlungsvermögen wäre schön!" Das ist eine der Sorgen, die sie abends mit ins Bett nimmt und darüber nachdenkt. Als sie sich am Kennenlerntag an der Uni vorstellte, war die Reaktion "Was? Zwei Kinder, keinen Mann? Das schaffen Sie doch nie!". Bis jetzt hat Carolin ihren Professoren und Kommilitonen das Gegenteil bewiesen.

Uni und Kinder unter einen Hut zu kriegen, ist nicht einfach. Hin und wieder, wenn sie abends nach Hause kommt, fällt es Carolin schwer den Schalter umzulegen - von Uni auf Mutter. Dann wollen die Kinder von ihrem Tag berichten und Mama denkt noch über das anstehende Projekt nach. Schwierig. Carolin weiß das. "Manchmal habe ich da Angst, den Kindern nicht gerecht zu werden. Das 'Umswitchen' klappt nicht immer reibungslos." Dazu kommt dann noch die Sorge, dass sie ihr Studium doch nicht so schafft, wie sie sich es vorstellt. "Letztes Semester war schon hart und es wird ja nicht weniger. Irgendwas ist immer. Da kommen dann doch schon mal Ängste hoch. Das Lernpensum ist hoch - das schaff ich jetzt schon kaum", sagt sie. Hinschmeißen kommt für Carolin auf keinen Fall in Betracht. Alles eine Frage der richtigen Planung und Organisation. Das einzige, was die 28-Jährige zur ihrem Bedauern aufgeben musste, ist der Sport. Zur morgendlichen Joggingrunde bleibt einfach keine Zeit mehr.

Um wenigstens einigermaßen den Überblick über ihre vielen Termine zu behalten hat Carolin sich einen Monats-Planer angelegt. In Din A4. Der Kalender ist randvoll. "Ohne das Ding geht gar nichts", lacht sie. Trotzdem vergisst sie manchmal was. "Ich bin froh, wenn ich die ganzen Haupttermine schaffe." Bei den täglichen To-Dos im Haushalt müssen Leon Luca und Tim Philipp auch mit anpacken, damit Mama ein wenig entlastet wird. "Ich habe ihnen zum Beispiel von Anfang an beigebracht, dass sie sich selbst anziehen und ihr Bett machen. Jeder hat bei uns so seine Aufgaben. Da bin ich konsequent", sagt Carolin. Ihre Jungs machen da gerne mit. Sie selbst kann sich dann morgens in Ruhe fertig machen und ihren Kaffee genießen. Carolin berichtet von einer süßen Tradition bei den Dreien, die ihren Zusammenhalt demonstriert: "Wir legen immer die Hände zusammen und sagen 'Wir sind eine Familie und wir schaffen das!' Sonst würde das hier nicht funktionieren."

Studentin und Zwillingsmama

Single Mom Carolin ist alleinerziehende Mutter von Zwillingen und Studentin
Single Mom Carolin ist alleinerziehende Mutter von Zwillingsjungs und Studentin © diego cervo

In Carolins Planer finden sich jedoch nicht ausschließlich Uni-Termine oder der nächste Besuch beim Kinderarzt. Mindestens ein Mal im Monat steht da ein Termin, der mit alldem nichts zu tun hat. Dann haben die Studentin und die Zwillingsmama in ihr Sendepause und Carolin geht ins Theater oder in die Oper. Einfach mal Abschalten - da kann kommen was will: "Ich hole mir schon vier Wochen vorher die Karte, besorg mir 'nen Babysitter und dann gehe ich dahin. Ich finde es total schön mal für zwei drei Stunden raus zu sein. Mal gar nichts zu hören und nichts zu sehen." Ab und an gönnt sich die 28-jährige auch ein ganzes Wochenende Auszeit und besucht eine Freundin, wenn Leon Luca und Tim Philipp bei Oma und Opa oder beim Vater sind. Viel länger als ein paar Tage hält sie es aber gar nicht ohne ihre Jungs aus. Dann kommt die Sehnsucht nach ihren beiden "Strahlemännern".

Die Drei kommen prima zurecht. Trotzdem wünscht sich Carolin einen neuen Partner. Und zwar nicht als Entlastungs-Hilfe, sondern nur für sich. Jemanden zu finden, gestalte sich jedoch schwierig, sagt die junge Mutter mit einem zwinkernden Auge. Oft scheitert ein Kennenlernen bereits nach den ersten zehn Minuten. "Das läuft dann so: 'Hallo, ich habe zwei Kinder!' 'Ok, tschüss'", weiß Carolin aus Erfahrung. Manchmal überkommt sie dann die Angst, nie wieder eine Beziehung zu haben. Carolin hat jedoch ihren ganz persönlichen Trick, um die Zukunftssorgen - egal ob Uni, Job, Männer oder Geld – wieder loszuwerden: Wenn sie abends zu sehr ins Grübeln kommt, geht sie einfach ins Kinderzimmer und sieht sich ihre „Strahlemänner“ an. "Das macht einen schlechten Tag wieder gut und alle Zweifel sind weg", schwärmt sie.

Zum Glück, so Carolin, seien ihre Kids pflegeleicht. Sie haben zwar Pfeffer im Po, aber sind dabei total unkompliziert. Und noch etwas ist von entscheidendem Vorteil: Da es Zwillinge sind, haben sie immer einen Spielkameraden. Die beiden Sechsjährigen können sich also prima miteinander beschäftigen. Und das tun sie auch. Lego, Eisenbahn - was Jungs eben so machen. Die Mama ist froh, dass die beiden sich so gut verstehen: "Der beste Freund ist immer dabei."

Der beste Freund ist immer dabei

Wenn es doch mal Zoff gibt, hat Mama den Zwillingen beigebracht, den Streit unter sich auszumachen. "Ich mische mich da oft gar nicht ein. Und dann ist es nach zehn Minuten wieder gut." Nur neulich, als es plötzlich ganz still in der Wohnung wurde, musste Carolin eingreifen. "Da haben sie Frisör gespielt. Standen sich gegenüber und haben sich gegenseitig die Haare geschnitten." Naja. Zwillinge haben eben diese ganz spezielle Verbindung. Das ist bei Leon Luca und Tim Philipp nicht anders. Die beiden ergänzen sich prima – auch charakterlich. "Der eine fängt die Schwächen des anderen auf", berichtet Carolin. Und die Jungs lernen voneinander: "Damals hat Tim Philipp sitzen gelernt und - zack - am nächsten Tag konnte der Bruder auch sitzen", erzählt Carolin. Mama muss da gar nicht sooo viel machen. Manchmal ist das allerdings auch gewöhnungsbedürftig. Wenn die Jungs zum Beispiel über die Straße laufen wollen, kann Mama sooft "Stopp!" rufen, wie sie will: "Wenn der eine stehen bleibt, hält der andere auch an. Sie orientieren sich oft an einander und nicht an mir", so Carolin.

Sie nage zwar nicht am Hungertuch, aber große Sprünge seien leider auch nicht drin, erzählt Carolin. "Geschenke bekommen die Kinder wirklich nur zum Geburtstag und zu Weihnachten." Es sei denn, Oma und Opa lassen mal was springen. Als Leon Luca und Tim Philipp Radfahren gelernt haben, gab’s zum Beispiel zwei Fahrräder von den Großeltern. Urlaub kann sich Carolin momentan ebenfalls nicht leisten - weder finanziell noch uni-technisch. Obwohl sie ihn dringend nötig hätte, wie sie sagt. Das letzte Mal war sie vor vier Jahren mit einer Freundin für eine Woche in Berlin. Endlich mal richtig lange schlafen. Das wäre auch schön, ist aber unmöglich. Um spätestens sechs Uhr wird aufgestanden. Auch sonntags. "Ich freue mich schon, wenn die Jungs in die Pubertät kommen. Dann wollen sie hoffentlich auch mal ausschlafen", grinst Carolin.

Hilfe abzulehnen hat die Alleinerziehende schnell abgelegt. Kurz nach der Trennung hat sie nur ihre Eltern und eine einzige sehr gute Freundin an sich heran gelassen. Letztere hat sogar von jetzt auf gleich ihr Studium in Wien unterbrochen und ist zu Carolin und den Zwillingen nach Münster geeilt. „Da habe ich höchsten Respekt vor und kriege heute noch Gänsehaut. Sie ist morgens aufgestanden und hat die Babys versorgt“, erzählt Carolin. Noch heute ruft diese Freundin fast täglich an und fragt wie es Carolin und den Kindern geht. Auch ihre Eltern waren und sind der Alleinerziehenden eine große Stütze. "Wir kriegen das hin", hat ihr Vater ihr vor sechs Jahren im Krankenhaus versichert, als die damals 22-Jährige plötzlich ohne Mann und mit zwei Säuglingen alleine dastand.

Und sie haben es hingekriegt. "Man muss lernen, um Hilfe zu bitten", sagt Carolin. Ihrer Meinung nach schöpfen viele Alleinerziehende ihre Möglichkeiten nicht aus. Wenn man beharrlich nachfragt und den Leuten die Probleme richtig erklärt, dann helfen sie auch, hat Carolin festgestellt. Sie fühlt sich von den Behörden und dem Staat nicht allein gelassen. "Wenn man sich rechtzeitig kümmert und informiert, kriegt man, was man braucht", sagt sie. Eigeninitiative heißt das Zauberwort. So hat sie selbst ihre Zwillinge bereits vor drei Jahren an einer Privat-Schule in Köln angemeldet. Im Sommer geht’s für Leon Luca und Tim Philipp dort los. Bis 18 Uhr abends werden sie dort betreut. Es gibt tolle Sportangebote und Lerngruppen. Hätte sich Carolin nicht so früh darum gekümmert, hätte sie den Platz vergessen können. Der frühe Vogel fängt eben den Wurm. Den Einstellungstest haben die Zwillinge auch bestanden. "Klar, die sind ja nicht doof", freut sich die Zwillingsmama. Für Carolin hat sich ihr Credo bis dato immer bewährt. "Probleme gibt es eigentlich nicht - man hat nur nicht immer sofort eine Lösung parat." Eben anstrengend - aber machbar!

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