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Cadolle Dessous: BHs und Unterwäsche aus Paris

Cadolle Dessous aus Paris
Cadolle Dessous aus Paris © Astrid di Crollalanza

Luxus BH's aus dem Pariser Dessous-Haus Cadolle

Die Frauen der Kulturen der Welt? Niemand kennt sie intimer als Poupie Cadolle. Denn sie schneidert Luxus-Dessous… nach Maß. Vor ihr entblößen sich die Schönen und Reichen aller Kontinente und plaudern über kleine Nöte, große Sorgen und klare Vorlieben.

Von Christine Siebert

Und zwar in Sachen Hüften, Hintern, Busen und Oberschenkel. Die europäischen Frauen, erzählt Poupie Cadolle, wollen ihr Gesäß am liebsten wegradieren, während die Afrikanerinnen den Wertesten möglichst betonen! Die Japanerinnen hingegen lassen sich den Körper komplett ummodellieren: Brust vergrößert, Hintern nach oben gepresst, Taille auf Wespenmaß geschnürt. Im Orient sind wiederum großzügige Formen angesagt. Wie aber üppige Hüften mit einem Dior oder Chanel-Abendkleid in Einklang bringen? Diese und ähnliche Fragen bereiten Poupie Cadolle dann auch schon mal Kopfzerbrechen.

Für zu viel Hüfte ("zu viel" jedenfalls in den Augen der französischen Couturiers) sind Form gebende und eher unerotische Schläuche die Lösung. Nein, Bustiers, Corsagen, Korseletts, BHs und Miederhosen müssen nicht unbedingt verführerisch sein – es kommt auf den Zweck an. Soll das Dessous, wie sein Name es suggeriert, drunter sein und bleiben? Soll es enthüllt werden? Oder gleich drüber getragen werden? Das machen nämlich die Japanerinnen. Die finden Cadolles Spitzenträume in Pastellfarben viel zu schön, um sie zu verstecken. Aber "attention", betont Poupie Cadolle, verführen wollen die Japanerinnen nicht. Sondern einfach nur schön sein. Für sich selbst. Und am liebsten mit in Busenhöhe kräftig gefütterten Bustiers.

Von Christina Onassis bis Crazy Horse: Verrückt nach Cadolle

Cadolle Dessous: BHs und Unterwäsche aus Paris
© Astrid di Crollalanza

Cadolle nimmt sich Zeit für ihre Kundinnen: zuerst einmal fürs Gespräch. Das beginnt mit Poupies Frage: Warum wollen Sie einen BH kaufen? Weil Sie Ihren Busen feiern möchten? Oder weil er Komplexe verursacht? Oder suchen Sie einfach nur endlich DEN trägerlosen BH der nicht verrutscht?

Je nach Ziel und Herausforderung sind manchmal mehrere Anproben nötig, bis das gute Stück sitzt. Und auch die Kundinnen investieren Zeit, viel Zeit. Manche fliegen und flogen um die halbe Welt, wie Barbara Hutton, Christina Onassis oder die Damen der Rockefeller-Dynastie, andere kamen direkt von nebenan, wie Mata Hari oder Marlene Dietrich – oder heute die Tänzerinnen des berühmten Pariser Kabaretts Crazy Horse: die stehen besonders auf das von Poupie entwickelte Easy-to-lace Schnürkorsett.

Man könnte jetzt endlos weitermachen mit dem Namedropping, denn die Liste der berühmten Kundinnen ist so lang wie die Geschichte des Hauses.

Herminies Revolution: Der Büstenhalter

Und die beginnt vor 120 Jahren mit der jungen, abenteuerlustigen Pariserin Herminie Cadolle, die nach Buenos Aires aufbricht, um die alte Kunst französischer Dessous-Fertigung in das aufblühende Argentinien zu bringen. Herminie war "Corsettière". Sie fertigte also genau jene Korsetts an, die Poupie Cadolle heute wieder aufleben lässt, um zahlreichen Haute-Couture-Kundinnen aus der Bredouille zu helfen.

Cadolle Dessous: BHs und Unterwäsche aus Paris
© Astrid di Crollalanza

Nur fand Herminie damals, das Korsett enge die Frauen allzu sehr ein. Sie schnitt es kurzerhand ab, und erfand… den Büstenhalter. Und mit dem machte sie 1889 auf der Pariser Weltausstellung Furore. "Revolutionär" fanden Herminies Zeitgenossinnen die Erfindung.

In kürzester Zeit baute Herminie ein Dessous-Imperium auf, reiste zwischen Buenos Aires und Paris hin und her, transportiere Ideen von Buenos Aires nach Paris, und Pariser Wertarbeit nach Buenos Aires. Oft verkaufte sie ihre Ware schon am Hafen von Buenos Aires, erzählt Ururenkelin Poupie Cadolle: Die Argentinierinnen warteten ungeduldig am Kai auf das Schiff aus Paris, sie rissen sich geradezu um Cadolles Kreationen.

Haute Couture und große Bredouille

Cadolle Dessous: BHs und Unterwäsche aus Paris
© Astrid di Crollalanza

Nach dem zweiten Weltkrieg wird der BH zur Massenware, zugleich wird die Haute Couture geboren. Diesen Weg schlägt Cadolle ein: Früher wurden die Kleider den Frauen auf den Leib geschneidert, analysierte damals Marguerite Cadolle (Herminies angeheiratete Enkelin). Heute müssen diese sich – oft unter Qualen - den Haute-Couture-Kleidern anpassen. Und genau dabei wollte Marguerite den Damen helfen.

Dieser Tenor herrscht heute noch im Hause Cadolle vor. Ganz gleich welche Sorgen die Kundin hat, ganz gleich welche noch so ausgefallenen Wünsche sie vorbringt: Poupie und ihr Team, ein Dutzend ultraspezialisierte Dessous-Schneiderinnen, legen sich ins Zeug, um sie zu erfüllen. Und für die Nachfolge ist auch schon gesorgt: Poupies Tochter Patricia Cadolle ist unlängst mit ins Geschäft eingestiegen. Und sie ist mit Feuereifer dabei, sagt Poupie mit stolzem Mutterlächeln.

Von Christine Siebert

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