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Burnout-Syndrom: Ausgebrannt und ausgepowert

Burnout-Syndrom: Ausgebrannt und ausgepowert
Burnout kann unabhängig vom Alter auftreten © Adam Gregor - Fotolia

Burnout-Syndrom: Schleichende Leere

Anna war 26 Jahre alt, als bei ihr das Burn-Out-Syndrom festgestellt wurde. Eigentlich ist das kein Alter für einen totalen körperlichen Zusammenbruch. Aber Anna weiß das besser. Mit Frauenzimmer.de sprach die heute 31-Jährige über den "Burn-Out" und was sich danach in ihrem Leben verändert hat.

FZ: Wie waren Deine Lebensumständen damals?

Anna: Ich hatte sehr lange Arbeitstage und sehr wenig Entspannung. Ich habe auch am Wochenende gearbeitet, stand immer zur Verfügung. Sogar im Urlaub. Alles war unglaublich stressig, viel Arbeit mit Termindruck, es gab Tage, da bin ich morgens ins Büro gekommen, sah meinen Schreibtisch und kam nicht mehr an mein Telefon ran, um die Rufumleitung rauszunehmen. Dazu musste ich erst viele Ordner beiseite schaffen und diverse Papierstapel. Und es war tatsächlich so schlimm, wie man sich das jetzt vorstellt.

Nach Feierabend habe ich immer noch lange über die Arbeit gegrübelt. Nachts bin ich wachgeworden, habe Notizen für den nächsten Tag gemacht. Ab einem gewissen Moment war ich ständig in Sorge, dass irgendwas untergegangen sein könnte.

Burnout-Syndrom: Cholerischer Chef und intrigante Büroleiterin prägten die Arbeit

FZ: Wie war denn das Arbeitsklima im Büro?

Anna: Das Arbeitsklima war durchwachsen. Der Chef war ein unglaublich cholerischer Despot, der meine Arbeit nie bis selten anerkannt hat. Er gab einem das Gefühl, einfach nur eine Arbeitsmaschine zu sein und als Mensch nicht zu zählen. Die Kolleginnen waren nett, aber die Büroleiterin war ein Biest. Intrigen, Lügen, Mobbing gehörten für sie einfach zum Alltag.

FZ: Wie sah denn dein Privatleben zu der Zeit aus?

Anna: Meine Familie war absolut keine Hilfe. Neben dem Arbeitsstress gab es immer wieder Stress in der Familie. Das einzige, was mich aufrecht gehalten hat über eine lange Zeit, das war die Beziehung zu meinem Freund. Der war immer da, die größte Stütze, die ich haben konnte. Aber wenn Du in Deinem Mist gefangen bist, dann merkst Du nicht, wie schlimm das für die Stütze ist. Er hat mich nie allein gelassen, enttäuscht oder ähnliches. Aber er war einfach nicht da, wo ich war.

Man merkt gar nicht, dass man sich verändert

FZ: Welche Veränderungen hast du an dir zunächst festgestellt?

Ich habe immer weniger unternommen. Wollte, wenn ich zu Hause war, lieber dort bleiben und gar nichts tun. Nicht nachdenken, nicht reden. Ich bin immer stiller geworden. Irgendwann habe ich Abends angefangen zu weinen. Einfach so. Ohne Grund. Mir war einfach danach. Ich bin nach Hause gekommen, habe mich aufs Sofa gesetzt und habe erstmal eine Runde geweint. Hat man mich gefragt, wieso ich weine, konnte ich keine Antwort geben. Später habe ich dann auch morgens angefangen. Und im Büro mal kurz auf der Toilette.

Ich konnte mich einfach nicht mehr bewegen

FZ: Wann kam der Punkt, an dem Du gesagt hast: "Ich kann nicht mehr"?

Als alles im Büro eskalierte und ich dachte, ich halte das nicht mehr aus. Irgendwann passierten viele Dinge auf einmal, da bin ich ausgeflippt, habe nach einem Aufhebungsvertrag verlangt. Weil ich einfach nicht mehr konnte. Als ich absehen konnte, dass ich aus dem Job rauskam, habe ich angefangen zu weinen und konnte nicht mehr aufhören.

Dann hat es noch ungefähr zwei Wochen gedauert, bis zum Supergau: Der Wecker klingelte morgens und ich konnte meinen Körper nicht mehr richtig fühlen. Ich war unglaublich schlapp, müde und niedergeschlagen. Mein Körper fühlte sich an wie 125 Jahre und durch eine Menge Gewichte beschwert. Ich war nicht in der Lage aufzustehen. Nicht weil ich nicht wollte, sondern weil ich mich einfach nicht bewegen konnte. Ich lag weinend im Bett und konnte mich nicht bewegen. Es ging einfach nicht.

Ich habe einfach nichts mehr gefühlt

FZ: Hast du selber gemerkt, dass etwas mit dir nicht stimmt oder bist du da von Freunden drauf aufmerksam gemacht worden?

Anfangs hab ich selber nicht gemerkt, wie ich mich verändert habe. Ich habe immer gesagt, dass ich einfach nur müde von der Arbeit bin und etwas Ruhe haben will. Man merkt selbst wohl am wenigsten, wenn man immer stiller wird, weil man die Stille um einen genießt. Als Ausgleich.

FZ: Was hast du dir gedacht, als die Diagnose "Burn Out" kam? Welche Gefühle und Gedanken kamen da auf?

Gar nichts. Ich habe nichts gefühlt und nichts gedacht. Ich habs einfach hingenommen. So wie ich vorher schon alles hingenommen habe. Ich hab da gesessen, geweint und auch gar nicht zugehört. Ich war gar nicht richtig dabei. Ich war so kaputt und leer, dass ich nichts denken oder empfinden konnte. Es war mir einfach egal. Ich dachte, wenn ich es nicht mehr aushalte, dann geh ich einfach. Für immer. Es war alles und jeder egal. Völlig. Und ich am meisten.

Man stellt sich die Frage, ob es einem wirklich besser geht

FZ: Musstest Du Medikamente nehmen?

Ja, Antidepressive. Es hat Monate gedauert, bis die gewirkt haben. Der Burnout war bei mir eine Folge aus Überlastung und latenter Depression. Wegen der Depression war ich schon vorher in Behandlung, aber das hat mich nicht vor dem Burn Out gesc. Die Absetzung der Medikamente hat ca. zwei Jahre in Anspruch genommen. Und da stellt man sich immer die Frage, ob es einem wieder besser geht, weil es wirklich so ist oder weil es die Tabletten sind. Die Frage kann einen wahnsinnig machen... dafür bräuchte man wieder Tabletten! ;-)

Ich kann jetzt besser mit meinen Kräften haushalten

FZ: Hast Du jetzt was in deinem Leben verändert in Folge des Burn Out?

Ich weiß jetzt, was ich mir zumuten kann. Ich weiß, wie es ist, wenn man ganz unten ist. Und ich weiß, wie lange es gedauert hat, bis ich da wieder rausgekommen bin. Und da will ich nie mehr hin. Für mich habe ich beschlossen, dass striktes Karrieredenken und sich für die Arbeit aufbrauchen völlig überschätzt wird. Ich bin ein Mensch mit einem Anrecht auf mein Leben. Mein Leben, nicht mein von der Arbeit bestimmtes Leben.

 

Es nützt mir nichts, ein Bomben-Gehalt und fantastische Nebenleistungen zu beziehen, wenn ich es nicht ausgeben kann. Ich bin nicht mehr bereit, große Teile meiner Freizeit zu opfern, damit ich sagen kann, dass ich es weit gebracht habe. Ich würde meinen Beruf eher ganz aufgeben und etwas komplett anderes machen. Denn man verliert mehr als man wirklich merkt. Man verliert Freunde, die wichtig für einen wären und das schlimmste ist: man verliert sich selbst aus den Augen. Ich habe gelernt, wo meine Grenzen sind. Ich bin sehr belastbar, aber ich habe meine Grenzen.

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