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Bundesjugendspiele abschaffen: Ja oder Nein?

Bundesjugendspiele abschaffen: Ja oder Nein?
Das Werfen gehört zu den Disziplinen bei den Bundesjugendspielen. © picture-alliance / Eibner-Presse, Eibner-Pressefoto

Kommentar zur Online-Petition zur Abschaffung der Bundesjugendspiele

Die Bundesjugendspiele abzuschaffen - das wünscht sich die Bloggerin Christine Finke, Mutter eines Sohnes, dem bei den Bundesjugendspielen „nur“ eine ‚Teilnehmerurkunde‘ ausgehändigt wurde. Aus diesem Grund hat sie eine Online-Petition zur Abschaffung der Bundesjugendspiele ins Leben gerufen.

Von Tamara Groß

Den Wettkampf, die Bundesjugendspiele, gibt es schon seit Jahrzehnten und es wird sich wohl jeder daran erinnern können, in seiner Schulzeit daran teilgenommen zu haben. Mit gemischten Gefühlen. Denn für die einen waren das Sprinten, Werfen und der Weitsprung das reinste Vergnügen, für die anderen eine Qual. Denn Sport ist nunmal nicht jedermanns Sache. Sich dann mit anderen messen zu müssen und im schlimmsten Fall auf der ganzen Linie zu versagen, ist für viele Kinder schwer zu verkraften. Dabei sollte eigentlich der Spaß an der Bewegung im Mittelpunkt stehen. Doch aus Spaß wird für manche bitterer Ernst. Denn die Bundesjugendspiele sind ein Leistungskampf, in dem es darum geht, besser als sein Vorspringer, -läufer oder -werfer zu sein, besser als die Konkurrenz, besser als seine Klassenkameraden.

Ist das der Sinn eines Spiels? Es sieht ganz danach aus. Aber ehrlich gesagt, ‚Mensch ärgere Dich nicht‘ ist auch ein Spiel - und darüber hinaus bei Groß und Klein sehr beliebt. Auch hier geht es darum, schneller als die anderen zu sein. Und das ist ja auch der Witz an der Sache. Zugegeben: Dabei spielt das Glück ein bedeutende Rolle. Oder nicht? Denn wer die falsche Taktik anwendet, ist auch hier ganz schnell wieder auf seiner Ausgangsposition angelangt und erreicht zu spät - nach den anderen - das Ziel.

Im Spiel des wahren Lebens stellt sich also die Frage: Wo gibt es keinen Konkurrenzkampf, keinen Leistungsdruck? Wenn man bei Gesellschaftsspielen überhaupt von Leistungsdruck sprechen kann. Und kann man das bei den Bundesjugendspielen? Denn eigentlich geht es ja auch darum, die Kinder anzuspornen, ihr Bestes zu geben, ihren Ehrgeiz zu wecken, zu sagen: "Ich schaffe das!" - und nach Möglichkeit Bestätigung zu finden, sich selbst und seine Fähigkeiten besser kennenzulernen und Selbstvertrauen aufzubauen. Auch wenn es nicht so toll klappt, ist das Dabeisein dann nicht alles? Auch wenn es nicht für die super Zeit im Sprinten gereicht hat. Man war dabei, hat es versucht, hat etwas über seine eigenen Kräfte gelernt und vielleicht gemerkt, dass es doch besser geklappt hat, als man dachte? Das macht doch stolz und stärkt den Glauben an sich selbst. Und das ist eine Leistung.

Die umgekehrte Erfahrung, eine ‚Niederlage‘, kann natürlich das genaue Gegenteil bewirken. Die Bewertung der Leistung lässt Druck entstehen und Tränen fließen. Eine ‚Teilnahmeurkunde‘ ist keine ‚Siegerurkunde‘. Und ein ‚befriedigend‘ in Mathe ist kein ‚sehr gut‘. Womit wir beim springenden Punkt wären: Sollen wir jetzt das Schulnotensystem abschaffen? Darüber würden sich aber jede Menge Kinder freuen, die keine Mathe-Asse sind und ein ums andere Mal wegen einer (vermeintlich) schlechten Note beziehungsweise wegen einer Note, mit der sie oder ihre Eltern (!) nicht zufrieden sind, weinend nach Hause kommen. Und das ist der Alltag – Bundesjugendspiele finden in der Regel alle zwei Jahre an einem Tag statt. Mathe verfolgt einen das ganze Leben, Schulnoten stellen Weichen für das ganze Leben. Wen interessieren Bundesjugendspiele?!

Wie wäre ein Leben ohne Wettbewerb?

Alternativ zu den Bundesjugendspielen wird an manchen Schulen eine Olympiade veranstaltet, bei der die Klasse als Gemeinschaft teilnimmt und eine Gesamtbewertung bekommt. Jeder einzelne absolviert die verschiedenen Disziplinen und sammelt Punkte für die ganze Klasse. Doch auch dieses Prinzip hat Nachteile, da es auch hier Sieger und Verlierer gibt. Trotz herausragender Leistungen einzelner, kann es im Vergleich mit anderen Klassen zu einer schlechteren Gesamtbewertung kommen. Das ‚Verlieren‘ ist zwar erträglicher für die, deren ‚Ding‘ es ohnehin nicht war, schade aber für diejenigen, die wirklich gut waren. Und ist es nicht ebenso enttäuschend die Loser-Klasse zu sein? Ist es besser gar keine Beurteilung und Einstufung vorzunehmen? Dann ist es sinnlos für solche, die sich gerne mit anderen messen und fatal im Hinblick auf die Vorbereitung für das Leben in einer Leistungsgesellschaft.

Vorteile bei einem sportlichen Wettkampf haben natürlich meistens die sportlichen Kinder. Solche, denen die Natur die passende anatomische Ausstattung mitgegeben hat oder solche, die in ihrer Freizeit schon seit Kindergartentagen im Sportverein sind und gewisse Fertigkeiten mitbringen. Das Talent geborener Sportskanonen wird in den meisten Fällen schon früh gefördert - dementsprechend gut schneiden sie im Wettbewerb ab. Und sie freuen sich. Wie der Matheschüler, dem das logische Denken in die Wiege gelegt wurde, sich über eine gute Note freut. Oder der angehende Pianist, der im Musikunterricht glänzen kann. Jedem das Seine. So ist das Leben. Wir alle stehen in irgendeiner Form im Wettbewerb zueinander. Und nicht alle empfinden diese Situation als Druck. Für die kleine Sportskanone ist es vielleicht sogar die Chance, zu zeigen, was sie kann und Anerkennung zu bekommen. Gerade weil sie vielleicht in Mathe eine Niete ist. Sollte man also die Bundesjugendspiele, die für manche ein ‚Highlight‘ sind, tatsächlich abschaffen? Sollte man generell Wettbewerbe abschaffen? Dann aber auch die Schulnoten - denn die quälen uns ein Viertel unseres Lebens. Oder auch nicht. Je nachdem, was man kann und besser kann als andere.

Also: Was wäre ein Leben ohne Wettbewerb? Ohne Fußball-WM, ohne Nobelpreis, ohne Schulabschluss, ohne zu wissen, wer was wie gut kann. Wie würde unsere Gesellschaft dann funktionieren?

PS: An alle, die wegen einer ‚Teilnahmeurkunde‘ weinen und die nächsten Bundesjugendspiele fürchten: Denk dran, Du bist dabei, Du versuchst es und Du gibst Dein Bestes. Genieße die frische Luft, die Sonne und vergiss nicht, dass Du eigentlich im staubigen Klassenzimmer hocken und Matheaufgaben lösen müsstest. Und wenn Du das lieber machen würdest, sei beruhigt, das kannst Du an den restlichen Schultagen der nächsten zwei Jahre wieder tun. Mach mit, pack deinen Groll in die Beine, in Deine Arme, lauf so schnell und wirf so weit Du kannst. Und wenn’s nicht ‚ausreicht‘ für die Maßstäbe der Kampfrichter, dann ist das eben so. Wenn Du willst, dann trainiere in Zukunft, damit Du besser wirst. Wenn nicht, denk dran, dass Du andere Dinge kannst. Denn Du bist einzigartig. Auch das zeigen Wettbewerbe.

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