Bundesgerichtshof entscheidet: Kinderlärm kann Ruhestörung sein

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Spielende Mädchen
Kinder dürfen "singen, spielen und springen" © iStockphoto

Hilfe, die Nachbarn sind genervt!

Wieviel Kinderlärm ist zuviel? Bislang gar keiner, so die Gerichte. In besonderen Fällen gibt es aber Grenzen, so ein neues Urteil. Was bedeutet das für Eltern?

Mietminderung wegen Kinderlärm?

Von Jutta Rogge-Strang

Der Gesetzgeber hat Kinder unter einen besonderen Schutz gestellt. Auch in der Mietwohnung dürfen Kinder Krach machen: Rennen, Hüpfen, Schreien ist erlaubt, und besonders kleine Kinder dürfen ihren natürlichen Bewegungsdrang ausleben. Nun hat der Bundesgerichtshof (BGH, Beschluss v. 22.8.2017, VIII ZR 226/16) entschieden, dass auch Kinderlärm ein Grund für eine Mietminderung sein kann.

Stampfen, Springen, Poltern, Schreie und laute familiäre Auseinandersetzungen bei Tag und Nacht, dazu Erschütterungen, dass in der Küche die Töpfe aus den Regalen springen: In Berlin hat eine Familie mit zwei kleinen Kindern die unter ihr wohnende Mieterin dermaßen gestört, dass diese ihre Miete um 50 Prozent gemindert hat. Der Fall landete vor dem Berliner Landgericht und wurde zunächst abgewiesen. Nun hat der Bundesgerichtshof entschieden: Das Landgericht muss genau prüfen, ob die Mieterin nicht doch im Recht ist.

Kleine Kinder dürfen laut sein

Sie rollen mit dem Bobbycar über das Parkett, spielen schreiend im Flur und fangen nachts lauthals an zu weinen. Die Eltern versuchen natürlich, die Kleinen zu beruhigen: Und schreien ebenfalls das ganze Haus zusammen. Das war einer Berliner Mieterin zu viel. Zwar muss jeder einen gewissen „normalen“ Geräuschpegel des Nachbarn hinnehmen. Aber was ist schon "normal"?

Generell gilt: Je kleiner die Kinder, desto eher haben sie ein Recht darauf, gelegentlich Krach zu machen. Nächtliches Babygeschrei kann ohnehin nicht verboten werden. Oft gibt es auch Beschwerden, wenn Eltern ihre Kinder schon vor 7.00 Uhr morgens wecken müssen und so der übliche Kinderlärm nicht zu vermeiden ist. Aber auch dann sind die Eltern im Recht.

"Vater brüllt, Kind schreit."

Im Berliner Fall hat das Landgericht der Mieterin offenbar nicht genügend Gehör geschenkt: Eine Ortsbegehung und ein Sachverständiger sollen nun klären, ob sie nicht doch im Recht ist. Die Mieterin hatte genau festgehalten, welche Geräusche zu welcher Uhrzeit zu hören waren, zum Lärmpegel gehörte auch das laute Einschreiten der Eltern. Einen "normalen" Lärmpegel müsse sie hinnehmen, so der Bundesgerichtshof. Aber der habe eben auch Grenzen.

Normalerweise ist Kinderlärm kein Grund für eine übermäßige Lärmbelästigung und wird von den Gerichten deshalb auch regelmäßig abgewiesen. Gerade Baby- oder Kindergeschrei muss auch bei Nacht akzeptiert werden. Denn in dem Alter verstehen Kinder noch nicht, dass sie sich ruhig verhalten sollen, um die Nachbarn nicht zu stören. Für ältere Kinder gelten deshalb etwas strengere Regeln: Von ihnen kann man ein gewisses Verständnis erwarten.

Wenn zum Beispiel der zehnjährige Nachwuchs ab 22 Uhr auf die Idee kommt, seine neue Lieblings-CD in voller Lautstärke anzuhören, hat er ein Problem: In dem Alter sollten Kinder verstehen, dass die Lautstärke für die Nachbarn störend und folglich verboten ist. Das Berliner Urteil ist jedoch nur ein besonderer Einzelfall und kann deshalb nicht verallgemeinert werden. Letztlich sollten auch Familien mit kleinen Kindern versuchen, das Zusammenwohnen auch für die Nachbarn erträglich zu halten. 

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