Brigitte wird 60: Eine Frauenzeitschrift im Wandel der Zeit

Brigitte - Grande Dame des deutschen Blätterwaldes

"Und am achten Tag dürfen Sie sich nachmittags einen Keks gönnen!" Dieser Satz ist das erste, was mir einfällt, wenn das Gespräch auf die Zeitschrift "Brigitte" kommt. Und dabei weiß ich noch nicht einmal mehr sicher, ob er tatsächlich wortwörtlich so in einem der "Brigitte-Diät-Hefte" stand. Weil ich mir an besagtem achten Tag mehr als nur den einen Keks gönnte, sind damals die Pfunde geblieben. Der Satz blieb ebenfalls: Ich zitiere ihn immer noch, wenn ich mal wieder mit irgendetwas scheitere, was ich mir ganz fest vorgenommen hatte. Die "Brigitte" hat mir also eine prima Überschrift für mein Leben geliefert. Und nebenher noch spannende Reportagen, Tipps und Informationen. In diesem Monat wird die Grande Dame des deutschen Blätterwaldes 60. Ich wünsche ihr und mir, dass sie noch lange nicht in Rente geht.

Brigitte wird 60: Eine Frauenzeitschrift im Wandel der Zeit
© dpa, Christian Charisius

Von Ursula Willimsky

Im Durchschnitt werden alle zwei Wochen 544.271 Exemplare der "Brigitte" verkauft. Immer noch, trotz Internet und starker Print-Konkurrenz. Gerne übrigens auch von Männern – sie stellen etwa 10 Prozent der Brigitte-Leserschaft dar. Als Grund für den jahrzehntelangen Erfolg sehen viele vor allem den Qualitätsjournalismus, den die Brigitte betreibt. Angeblich werden dort sogar die Kochrezepte geprüft und gekocht, bevor sie ins Blatt kommen (was die nicht unberechtigte bange Frage aufwirft, ob das nicht überall selbstverständlich ist?).

Die "Brigitte" hat mich durch die Jahre begleitet: Ich habe irrwitzige Einkaufslisten abgearbeitet, um für die Brigitte-Diät gewappnet zu sein. Sündhaft teure Wolle gekauft, um einen Pulli nicht bis zum Ende fertig zustricken. Ich habe mir Hörbücher und Krimskrams bestellt. Laut gelacht und mich ertappt gefühlt. Und ich habe in den Reportagen und Dossiers spannende, erschütternde oder Mut machende Dinge und Menschen entdeckt, die ich auf anderem Wege wahrscheinlich nie kennengelernt hätte.

Immer wieder ist in der "Brigitte" zu lesen, worüber alle dann später sprechen. "Gespür für aktuelle und gesellschaftlich relevante Themen" nennt sich das in der Jubiläums-Pressemeldung der Zeitschrift. Diesen Riecher hatte die Redaktion schon immer – als das Blatt vor 60 Jahren als Blättchen für die Hausfrau mit einer jungen Dame mit Häkelmütze auf dem Cover startete. Und noch heute, wo neben Beauty und Lifestyle immer auch kontroverse Themen aufgegriffen werden. Abtreibungsdebatte, Tagesmütter, die Situation der Frauen in Afrika – alles findet sich in der Zeitschrift. Sie gilt trotz üppiger Bastel-, Mode- und Beauty-Strecken als eines der Flaggschiffe des deutschen Qualitätsjournalismus.

"Der Brigitte bin ich treu geblieben"

Weshalb es um so mehr verstörte, dass "Brigitte" mit Häme überschüttet wurde, als sie tatsächlich eine Reporterin auf einen der raren Journalisten-Plätze im NSU-Prozess setzen wollte. Was hatten die Kritiker erwartet? Dass die Redakteurin sich über die Passform der Kleidung der Angeklagten auslässt? Solange einer Zeitschrift, die sich immer wieder in die politische Diskussion einbringt, die Fähigkeit zur kritischen Berichterstattung abgesprochen wird, nur weil sie als Zielgruppe hauptsächlich Frauen hat, gibt es in der Brigitte-Redaktion wohl noch viel zum Thema Gleichberechtigung zu schreiben.

Natürlich hat sich die "Brigitte" aber auch immer mal wieder selbst einen Keks gegönnt und ist gescheitert. Als sie zum Beispiel die Models aus ihrem Heft verbannte und stattdessen normale Frauen die Modestrecken präsentieren ließ. Das wollten die Leserinnen nicht so recht sehen – sie waren neidisch auf die angeblichen Normalo-Frauen. Jetzt modeln wieder Models.

Mich persönlich tiefer getroffen hatte das komplette Verschwinden der kleinen Maus, die sich jahrzehntelang irgendwo auf der Kinderseite versteckt hatte. Die hab ich schon als Kind gesucht, und die wollte ich auch als Erwachsene noch suchen. So wie viele andere Leserinnen übrigens auch – die Maus ist zurückgekehrt und versteckt sich wieder. Leserinnen-Blatt-Bindung vom Feinsten!

Bei uns zu Hause konkurrierten zwei Damen um die Gunst meiner Mutter: Die "Flotte Mädchenname xy" und die "Brigitte". Die "Flotte Mädchenname" punktete mit einem bis heute gern gekochten Hackfleisch-Paprika-Auflauf. Von der einen Zeitschrift blieb nur eine herausgerissene Rezept-Seite. Der "Brigitte" bin ich treu geblieben. Ab und zu bestelle ich das Abo ab, nur um ein paar Monate später doch wieder reumütig zurückzukehren. In einer der Abo-losen Zeiten wollte ich mir das aktuelle Heft an der Tankstelle kaufen. Es war aber vergriffen. Als die Tankwartin mir dann sagte "Dann nehmen Sie doch die "Frau im Spiegelbild", war ich fast schon persönlich beleidigt. Die beiden Illustrierten kann man doch nicht in einen Topf werfen! Auf den Schreck habe ich mir erst mal einen Keks gegönnt.

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