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Brauchen Pubertierende einen Dresscode an Schulen als 'Orientierungshilfe'?

Dresscode im Klassenzimmer
Dresscode im Klassenzimmer Schüler beschließen selbst Kleiderordnung 00:02:26
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Bitte keine Leggings, Tanktops & Co. in der Schule!

Seit einigen Tagen gibt es im Netz eine aufgeregte Diskussion. Stein des Anstoßes ist der Dresscode, den ein Würzburger Gymnasium seinen Schülerinnen und Schülern auferlegt hat. So sind Leggings und Strumpfhosen mit längeren Oberteilen zu kombinieren, der Bauchnabel sollte nicht frei liegen und weit ausgeschnittene Tanktops sind auch für Jungs verboten - Nippelalarm. Wie immer bei solchen Themen kocht die Volksseele und jeder will sich mal mit seiner Meinung zu Wort melden. Von "Gängelung" ist da die Rede, vom "Angriff auf die persönliche Freiheit", den Schülern wird geraten, sich Rechtshilfe zu holen und überhaupt erinnere das alles schon sehr an die Naziherrschaft.

Brauchen Pubertierende einen Dresscode an Schulen als 'Orientierungshilfe'?
© Fotolia Deutschland

Von Alexandra Diemair

Da ich selbst im Besitz einer heranwachsenden Tochter bin, interessiert mich das Thema, bin ich doch täglich mit der Frage konfrontiert, wann ich welche Regeln aufstelle und wie ich sie durchsetze. Fakt ist ja: Heranwachsende Kinder sind seltsam. Sie sprechen seltsam. Sie benehmen sich seltsam. Sie hören seltsame Musik und ja sie tragen seltsame Kleidung. Zumindest in den Augen der Erwachsenen. Das haben sie schon immer getan und werden es vermutlich auch immer tun. Ich glaube, man nennt das Pubertät.

Die andere Seite ist die der Erwachsenen. Deren ureigene Aufgabe es doch sein sollte, genau diese seltsamen Wesen zu erziehen. Erziehen heißt in diesem Fall, auf ein Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. Einer Gesellschaft, in der es bestimmte Regeln und Normen gibt. Sei es, im Umgang mit anderen, sei es am Arbeitsplatz, im Kino, Theater oder im Fußballstadion. Es ist das gute Recht (oder vielleicht sogar die Pflicht?) der Pubertierenden, diese Regeln doof zu finden. Sie zu hinterfragen. Sich mit uns darüber zu streiten. Sie versuchen, zu umgehen.

Und es ist unsere Pflicht und Aufgabe als Erwachsene, Regeln aufzustellen und die Heranwachsenden immer und immer wieder an diese Regeln zu erinnern. Und sie durchzusetzen. Und ich muss sagen, ich finde es super, wenn eine Schule Position bezieht. Das wünsche ich mir viel häufiger. Und auch Menschen, die Position beziehen. Menschen, die Regeln für den sie betreffenden Bereich aufstellen. Denn ich habe mittlerweile das Gefühl, Schule ist oft nur noch ein basisdemokratisches Diskussionsforum, in dem jeder mal seine Meinung sagen darf und alle dürfen alles mitbestimmen.

Heranwachsende sind dankbar für Regeln

Und die Lehrer setzen nichts mehr durch. Weil sie keine Lust auf von Anwälten geführte Diskussionen mit übereifrigen Eltern haben. Weil mittlerweile die Sorge einer Rechte-Beschneidung des demokratischen Einzelnen so groß ist, dass am Schluss gar nichts mehr durchgesetzt wird, wenn nicht alle dafür sind. Man könnte sich in diesem Zusammenhang auch fragen, was eigentlich mit den Eltern los ist, die ihre Heranwachsenden in solchen Outfits in die Schule gehen lassen. Wer weiß, vielleicht sind sie ja auch ganz froh, wenn ihnen jemand die leidige Kleidungs-Diskussion am Morgen abnimmt.

Dabei habe ich den Eindruck, dass Teenager eigentlich ganz dankbar für ein paar Regeln sind. Und sei es nur, um sich darüber aufzuregen und so zu einer eigenen Meinung oder Haltung zu kommen. Denn letzten Endes gibt es ohnehin nur noch so wenig, woran sie sich reiben können. Weil alles erlaubt, möglich oder zur Diskussion steht. Und sich keiner mehr wirklich traut, Regeln aufzustellen. Um nicht als spießig, undemokratisch oder autoritär zu gelten.

In dem Fall des Würzburger Gymnasiums war die SMV (Schülermitverwaltung) sogar an dem Entstehungsprozess des Dresscodes beteiligt. Wobei die SMV betont, dass der Dresscode keine Kleiderordnung sei, sondern "eine Orientierungshilfe, die Styling-Tipps und modische No-Gos zeige" . Und hey, ein paar Styling-Tipps für die Vermeidung modischer No-Gos wünsche ich manchem. Nicht nur Heranwachsenden.

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