FAMILIE FAMILIE

Bloß kein Förder-Stress: Gebt den Kindern Zeit zum Spielen

Mutter spielt mit ihrem Kind
Kinder sollten möglichst viel Zeit mit ihren Eltern verbringen - am besten spielerisch. © ATAMANENKO EVGENY, "Evgeny Atamanenko "

Eine Kindheit ist heute mit vielen Lernangeboten durchgetaktet

Wir hatten ja nichts! Und das war im Nachhinein betrachtet auch gut so. Es war zum Beispiel völlig okay, dass die eigene Mutter einen rausgeschickte mit Worten wie: "Such Dir jemanden zum Spielen." Dann hat man sich jemanden gesucht und zum Abendessen war man wieder zu Hause. Ohne vorher per WhatsApp herumzufragen, ob am Nachmittag jemand Zeit hat und ohne der Mutter mitzuteilen, mit wem man sich trifft. 

Heutzutage würde Mutter es sich wahrscheinlich zweimal überlegen, ob sie ihr Kind einfach so zum Spielen verdonnert. Allein was da alles passieren kann, wenn kein Erwachsener auf die Kinder aufpasst! Außerdem ist es gar nicht mehr selbstverständlich, dass überhaupt andere Kinder draußen unterwegs sind. Und schließlich muss man ja auch noch überlegen, ob es sich überhaupt noch rentiert, nach den Hausaufgaben mit Kästchenhüpfen auf dem Bürgersteig anzufangen. Um 16.45 muss das Kind ja los zum Schwimmtraining, zum Papier-Kreativ-Kurs oder zum Gesprächskreis unter Leitung eines Native Speakers.

Ja. Kinder werden heute gefördert und gefordert. Wer als Eltern was auf sich hält, tut vieles, um die gesunde Entwicklung der Brut voranzutreiben. Und abends auf dem Sofa liest man dann noch schnell den aktuellsten Erziehungsratgeber. Allein ein bekannter Online-Händler bietet davon derzeit (Stand: 14.November 2016) 7.851 Stück an, dazu 4.838 Titel aus der Rubrik 'Schule & Lernen' und ein paar Hundert Bücher in Regal-Nischen wie 'Babyratgeber' oder 'Eltern-Kind-Beziehung'.

Ob eine Kindheit, die mit vielen, vielen Lernangeboten durchgetaktet ist, die Kinder - um die geht es ja - wirklich glücklicher macht, weiß niemand. Ich hätte da aber so einen Verdacht… Und ob sie aus den Kindern tatsächlich erfolgreiche Erwachsene macht - da haben manche so ihre Zweifel. Zum Beispiel der Neurobiologe Gerald Hüther. Er hat ein Buch geschrieben mit dem flehentlichen Titel 'Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als Funktionieren ist'. 

Höchststrafe: Nsch-tschi

Eine der Kernthesen: Nur wenn das Kind die Chance bekommt, Dinge ganz allein herauszufinden, zündet in seinem Kopf ein Feuerwerk aus Ideen. Kreativität entsteht eben nicht unter Druck sondern dann, wenn die Gedanken ohne Aufsichtsperson im Park spazieren gehen und Kastanien sammeln.

Außerdem - so Hüther - lernen Kinder beim Spielen etwas sehr wichtiges: Nämlich Regeln. Da hat er Recht. Ich erinnere mich daran, dass bei uns im Hof gefühlt die Hälfte der Zeit erst einmal darauf verwendet wurde, zu klären, was die Indianer dürfen und was die Cowboys. Schön war´s - und wehe, eine hat sich nicht an die Regeln gehalten! Die musste beim nächsten Mal Nscho-tschi sein und sich vom Max küssen lassen! So etwas prägt das spätere Sozialverhalten!

Hüther sieht die Fähigkeit zu spielen übrigens auch als Zeichen von Intelligenz: Alle Tiere, deren Hirn lernfähig ist, spielen in ihrer Kindheit. Nur so entwickeln sie ihr Hirn und ihr Sozialverhalten weiter. Wer nur gefördert und beobachtet wird, hat für diese freien Entdecker- und Entwicklungstourten keine Zeit und keine Gelegenheit.

Was können wir Erwachsenen daraus lernen? Zum Beispiel, dass es nicht nur okay, sondern sogar wichtig ist, Kindern Zeit zum freien Spielen zu geben - ohne sich verpflichtet zu fühlen, das scheinbare Aktivitätsvakuum gleich mit einem pädagogisch wertvollen Spielset zu füllen. Vielleicht fördert man das Kind ja sogar optimal, wenn man es mal nicht fördert, sondern in Ruhe lässt!

Mach mal! Der Gedanke hat es tatsächlich in sich. Zum einen bedeutet er, dass man dem eigenen Kind vertraut und ihm zutraut, dass es alleine in der Lage ist, sich zu beschäftigen. Und zum anderen bringt "Mach mal!" auch der Mutter Vorteile: Jede Fördermaßnahme, die das Kind voran bringen soll, fordert ja auch von der Mutter/den Eltern etwas: Kurse kosten Geld. Wertvolle Lernmaterialien bekommt man auch nicht geschenkt.

Und dann erst die Zeit! Die Stunde, die man warten muss, bis man das Kind wieder abholen kann, ist immer zu kurz, um zwischendurch heimzufahren und immer zu lang, um es ohne Murren auszusitzen. Wer dem Kind zugesteht, einfach mal zu Hause oder draußen etwas zu machen, schenkt sich etwas Tolles: Selbstbestimmte Zeit.

Warum nicht auch dem Kind? Freizeit, die wirklich freie Zeit ist, sollte allen lieb und teuer sein. Und auch ihre nervige Schwester, die Langeweile, darf im Leben mitspielen. Gerne so lange, bis sie sich von selbst verzieht, weil für sie kein Platz mehr ist zwischen Legoturm und dem selbstentworfenen Mandala aus leeren Füllerpatronen (wie gesagt: wir hatten ja nichts anderes). 

Baby empört: Diese Reaktion ist zu herrlich!
Baby empört: Diese Reaktion ist zu herrlich! Mama hat Broccoli in den Brei geschmuggelt 00:00:36
00:00 | 00:00:36

Mehr Videos, spannende Informationen und Tipps aus dem Bereich Erziehung und Familie finden Sie hier. 

Anzeige