LEBEN LEBEN

Birgit Kelle polarisiert mit Anti-Feminismus-Buch: Rolle rückwärts für die Frauenbewegung?

Neuer Feminismus
Frauen wollen zurück an den Herd? © dpa, Jan Woitas

Buch von Birgit Kelle bedient sich altbackener Thesen

Frauen wollen zurück an den Herd! Nieder mit der Diktatur der Feministinnen! – So pöbelt kein ultraerzkonservativer Alt-Macho, sondern die Autorin Birgit Kelle. Angeblich jubeln ihr für ihre altbackenen Thesen so viele Leute zu, dass sie jetzt das Buch „Dann knöpf Dir doch die Bluse zu!“ veröffentlicht. Und ja es geht darin auch darum, dass die böse Frau ja irgendwie selber schuld ist, wenn der arme Mann sie angrabscht. Stehen wir vor einer neuen Revolution? Macht die Frauenbewegung gerade einen doppelten Salto rückwärts, oder was steckt dahinter?

Von Dagmar Baumgarten

Ehe man die Autorin aufgrund ihrer Aussagen vorschnell als unverbesserliche altmodische Gans abtut, muss man ihr zu Gute halten, dass sie diesen gequirlten Driss ja nicht grundlos verzapft. Denn überlegen Sie mal, wie schwer es heutzutage ist, ein nichtssagendes Buch zu verkaufen. Um die dringend nötige Aufmerksamkeit zu bekommen, muss man sich entweder nackig machen, und was von Sex faseln. Oder man macht es wie Birgit Kelle. Sie setzt halt auf das Eva-Herrmann-Prinzip:

1) Alice Schwarzer verteufeln

2) Feminismus als frauenfeindlich beschimpfen

3) auf die Einladung in Talkshows warten, um dann ihr Buch in die Kameras zu halten. Und immer wieder behaupten, dass sie ja Millionen Frauen aus der Seele sprechen würde.

Birgit Kelle ist der fleischgewordene Beweis: Man darf sich einfach nicht von Äußerlichkeiten blenden lassen. Das Auftreten der 38-jährigen, und ihre Hochglanzfotos schreien geradezu: „Seht her - ich bin eine moderne, unabhängige Powerfrau!“ Doch hinter der netten Fassade wohnt ein merkwürdiges und altbacken anmutendes Weltbild. Und das führte zu der unfreiwillig komischen Situation, dass sie ein Frauenbuch für Alt-Machos geschrieben hat. Obwohl der Titel „Dann knöpf Dir doch die Bluse zu!“ nicht gerade der üblichen Männer-Phantasie entspricht, wird sie von vielen Herren in diversen christlichen Foren bejubelt! Kein Wunder. Endlich spricht ihnen mal jemand aus der Seele, wenn es um diese blöde Sexismus-Debatte geht.

Für Frau Kelle sind da nämlich die wahren Opfer die Männer! Denn die Frauen sind ja auch irgendwie selber schuld, wenn sie da so attraktiv rumlaufen. Und eigentlich werden sie auch total gerne angeflirtet. „Ich bekomme jedenfalls gerne Komplimente!“ fasst sie ihre Verteidigung für Brüderle und Co. zusammen, und zeigt mit dieser dümmlichen Stammtisch- Verharmlosung, dass sie wirklich gar nicht verstanden hat, dass es bei der Sexismus Debatte um das Ausnutzen von Abhängigkeiten, und nicht um mehr oder weniger gute Anmachversuche geht.

Feminismus geht Birgit Kelle auf die Nerven

Die ewig Gestrigen können auch bei dem zweiten Thema, das der Dame am Herzen liegt, aufatmen. Das ist der böse Feminismus. Birgit Kelle fühlt sich von Alice Schwarzer verfolgt und bedroht. Sie verurteilt sie als eine Art Frauenrechts-Diktatorin. Dabei schreckt sie auch vor absurden Bildern nicht zurück. In ihrer Realität stellt sie sich todesmutig vor Millionen Hausfrauen, die sie tapfer vor zähnefletschenden Frauenrechtlerinnen beschützen muss. Denn die werden beleidigt und bedroht, obwohl sie doch nur ihrer Berufung als Frau folgen wollen, und sich an Heim und Herd um ihre zahlreichen Kinder kümmern möchten. Angeblich kamen ihr die Erkenntnisse in ihrer Schwangerschaft. Was auch immer die Hormone damals in ihrem Gehirn angestellt haben. Es ist offensichtlich durch die zweite, dritte und auch vierte Schwangerschaft nicht besser geworden. Plötzlich spürte sie, dass sie nicht mehr arbeiten wollte. Stattdessen reichte sie drei Jahre Erziehungsurlaub ein. Soweit so normal.

Doch seitdem fühlt sie sich von marodierenden Karriereschicksen verfolgt. Diese verurteilen sie angeblich dafür, dass sie lieber bei ihren Kindern bleiben möchte. Und sie will sich als Hausfrau nicht mehr beschimpfen lassen, sagt sie trotzig.

Ist das nur billige Polemik, die provozieren soll, um Aufmerksamkeit zu erregen? Oder meint sie diese seltsamen Ergüsse, die schwer an Frau Hermann erinnern, tatsächlich ernst? Mit der Frage konfrontiert, antwortet Birgit Kelle lapidar: „Mir ist es völlig egal, was andere Frauen machen. Sie dürfen von mir aus leben wie sie wollen. Mir geht es darum, dass Frauen, die den Lebensweg Hausfrau Mutter wählen, auch das Recht haben, dafür respektiert zu werden und unterstützt zu werden. Daran fehlt es...“ Gefolgt von einem: „Sie müssen mein Buch lesen, dann werden Sie es verstehen!“

Und so wird klar: Es ist also doch nur viel Wind um wenig Inhalt, um ein eigentlich banales Buch bestmöglich zu verkaufen.

Anzeige