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Biologe Richard Dawkins fordert Abtreibung von Kindern mit Down-Syndrom

Downsyndrom-Kinder abreiben
Wenn es nach dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins ginge, sollten alle Föten mit Downsyndrom abgetrieben werden. © dpa, Peter Endig

Biologe spricht sich für Abtreibung bei Kindern mit Down-Syndrom aus

Der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins (71) hat sich bereits in der Vergangenheit mit umstrittenen Äußerungen in die Kritik gebracht. Jetzt versucht er es erneut. Er hatte einer Frau, die sich unsicher war, ob sie einen Fötus mit Down-Syndrom zur Welt bringen sollte, per Twitter geraten: "Treib es ab und versuch es nochmal. Es wäre unmoralisch, es auf die Welt zu bringen, wenn du die Wahl hast."

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Seitdem weht dem umstrittenen Ex-Oxford-Professor weltweit der Wind ins Gesicht. Aber hat er nicht einfach nur das ausgesprochen, was gängige Praxis ist? Immerhin entscheiden sich 9 von 10 werdenden Müttern mit einem Down-Syndrom-Baby für einen Schwangerschaftsabbruch. Und seitdem es den pränatalen Bluttest fürs Down-Syndrom gibt, ist die Diagnose noch viel einfacher geworden. Rational und ganz pragmatisch betrachtet: Wenn der Wert eines Menschen ausschließlich von seiner Leistungsfähigkeit und von seinem wirtschaftlichen Nutzen abhängt, dann ist ein Mensch mit Down-Syndrom wertlos für die Gesellschaft. Aber was ist mit den Kranken, den Alten, den Schwachen? Wer zieht die Grenze, wo fängt sie an, wo hört sie auf? Gibt es noch eine menschliche Würde?

Der renommierte Humangenetiker Professor Wolfram Henn von der Uniklinik des Saarlandes beschäftigt sich seit vielen Jahren mit gesellschaftlicher Vielfalt: "Jeder von uns besitzt eine große Zahl von Körperzellen mit Trisomien der verschiedensten Chromosomen, darunter auch Chromosom 21. Überspitzt, aber biologisch korrekt formuliert hat folglich jeder Mensch ein Mosaik-Down-Syndrom." Er warnt eindringlich davor, die menschliche Artenvielfalt zu reduzieren: "Ganz pragmatisch können wir sagen, dass die Natur aus guten Gründen keine Einheitskinder produziert - genetische Vielfalt ist für jede Spezies überlebenswichtig."

Wohin menschliche Selektion führen kann, hat bereits die gängige Abtreibungspraxis weiblicher Föten zum Beispiel in Indien gezeigt: "Die Möglichkeit vorgeburtlicher Geschlechtswahl hat schon zu erheblichem Überschuss neugeborener Jungen geführt. In zwanzig Jahren werden diese partnerlosen Männer eine ziemliche soziale Sprengkraft entfalten", so Henn.

Ist der Mensch schlauer als die Natur? Oder schlauer als Gott? Wie viel darf eine Schwangere über ihr ungeborenes Kind wissen? Noch nie hatten Menschen mit Down-Syndrom so große Entwicklungschancen wie heute, und noch nie war es für sie so schwer, überhaupt das Licht der Welt zu erblicken.

Der Traum vom perfekten Kind kann schnell zum Alptraum werden

Wolfram Henn sieht auf werdende Mütter riesige ethische Probleme zukommen: "Zum einen wird das Down-Syndrom noch mehr zur Zielscheibe vorgeburtlicher Suchstrategie (...). Zum anderen erhöht sich der Druck, Pränataldiagnostik mit der Option eines Schwangerschaftsabbruchs in Anspruch zu nehmen. Es fällt immer schwerer, sich aus persönlichen, auch religiösen Gründen vorbehaltlos zu seinem werdenden Kind zu bekennen. Dass es wohl schon bald eine Ausweitung dieser Methoden auf andere genetische Auffälligkeiten geben wird, macht es nicht einfacher." Da kann der Traum vom perfekten Kind schnell zum Alptraum werden.

Noch leben in Deutschland etwa 50.000 Menschen mit Down-Syndrom, und es werden ständig weniger. Dabei genießen diese Menschen zunehmend gesellschaftliche Akzeptanz. "Allgemein wird oft übersehen, dass das geistige Entwicklungspotenzial eines behinderten Menschen, genauso wie das jedes anderen, nicht bloß vom Funktionszustand eines einzelnen Gens oder der Kopienzahl eines bestimmten Chromosoms abhängt, sondern vom Zusammenwirken einer Vielzahl von genetischen und sozialen Faktoren", so Wolfram Henn in seinem Buch "Warum Frauen nicht schwach, Schwarze nicht dumm und Behinderte nicht arm dran sind. Der Mythos von den guten Genen".

Die Regisseurin Gisela Höhne arbeitet seit vielen Jahren im Berliner Theater Rambazamba mit Menschen mit Down-Syndrom zusammen. In einem Interview mit der ARD fasst sie ihre Erfahrungen zusammen: "Dass gerade diese Menschen, die so freundlich und auch so offen anderen Menschen entgegen kommen, und die auch so witzig sind, dass die gerade nicht mehr existieren sollen. Die Welt ist so viel ärmer ohne diese Menschen. Davon macht man sich noch gar kein Bild. Und ich finde das eine richtige Tragödie, dass diese Menschen, ich sage es wirklich so: ausgerottet werden sollen."

Wer hat das Recht dazu, eine Selektion vorzunehmen? Vielleicht ja ich selbst? Ich würde dann vielleicht künftig auf Leute wie Richard Dawkins verzichten wollen. Meine Kriterien lauten: Menschlichkeit, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Einfühlungsvermögen, Sympathie. Und damit wäre ein Richard Dawkins dann auch nur noch eine verzichtbare Randnotiz in der Geschichte der Menschheit. "Treibt Richard Dawkins ab!" – wie gefällt Ihnen das, Mr. Dawkins?

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