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Bin ich hässlich? Trauriger Internet-Trend unter Mädchen

Bin ich hässlich? Trauriger Internet-Trend unter Mädchen
© picture alliance / Bildagentur-o

Warum fragen sich Mädchen "Bin ich häßlich?"

„Sag mal ganz ehrlich - bin ich schön, oder hässlich?“ Wem würden Sie diese sehr persönliche Frage stellen? Ihrer Familie? Ihrer besten Freundin? Junge Mädchen stellen diese Frage lieber wildfremden Menschen im Internet. „In der Schule haben sie gesagt, ich sehe scheiße aus, sagt mir bitte, stimmt das?“ Nervös flehen sie ausgerechnet im anonymen Netz um persönlichen Trost. Doch angeblich hat der vermeintliche ‚Trost‘ schon mindestens ein Mädchen in den Selbstmord getrieben. Warum dieser gefährliche Trend sich trotzdem so rasant verbreitet.

Von Dagmar Baumgarten

Wir alle brauchen Bestätigung. Insbesondere wenn wir jung sind. Um Selbstbewusstsein zu erlangen, stolpert das Gehirn ständig zwischen den Fragen Wer bin ich? - Wer will ich sein? Und verdammt - wie finde ich das heraus? Dafür muss man sich auch mal selbst produzieren. Früher setzte man sich dafür vor einen Spiegel. Man spielte mit einer Haarbürste als Mikrofon Super-Star. Krähte dabei mit viel zu pinken Lippenstift seine Lieblingssongs, und war sich mit der besten Freundin einig, dass man bestimmt bald den Durchbruch schafft.

Dann kamen die Smartphones. Die Selfie-Manie setzte ein. In jeder Situation wurden und werden Selbstportraits geschossen, um sie dann zu posten: „Guck mal: Ich vorm Spiegel“, „Hier ich mit offenen Haaren.“, „Ich am süß Gucken“, „Ich am blöd Gucken“ usw. Die Promis machen es ja nicht anders. Aus jeder Lebenslage gibt’s Portraits, oder Peinlichkeiten. Wer mal bei Google Chris Brown und Naked eingibt, findet da schnell ein Selfie, das auch ein Bewerbungsfoto für einen Job sein könnte, bei dem er seine Stimme dann wohl nicht mehr braucht… Eitelkeit, die ins Narzisstische geht, wird vorgelebt, die Teenies machen es gerne nach. Durchs Posten bei Facebook und Twitter bekommt man plötzlich Aufmerksamkeit und sofort Feedback. Diese Hecheln nach Likes und Kommentaren hat oft durchaus Suchtcharakter.

Doch selbst das reicht vielen Jugendlichen nicht mehr. Sie suchen noch mehr Bestätigung Das scheinbar Paradoxe: sie sprechen nicht ihre nahe Umgebung an - sie laden lieber ein Video bei YouTube hoch. Über eine halbe Millionen sind es mittlerweile. Tendenz steigend! Als ob sie mit einer eng Vertrauten zusammen sind, flüstern die Mädchen dabei in die Webcam, dass der Tag irgendwie nicht so cool war: „Die Leute in der Schule haben gesagt, dass ich eine hässliche Bitch bin“. Oft ringen sie dabei nach Worten, oder kämpfen mit den Tränen. Und dann fragen sie, mit verstohlenem Blick zur Tür, um zu checken, dass die Eltern auch nichts mitkriegen die für sie wichtigste Frage: „Was findet ihr denn? Findet ihr echt dass ich hässlich bin, oder doch hübsch. Sagt mal ganz ehrlich!“ Sie bitten die ganze Welt um Kommentare, und lassen sich freiwillig von Fremden wie Vieh bewerten. Ein heikles Spiel mit dem emotionalen Feuer.

Am schlimmsten sind ehrliche Kritiker

Denn es gibt dabei drei Antwortkategorien:

1) Die Netten: sie posten so was wie „Du Hübsche“- „Du bist voll süß“ – „Lass Dir nichts erzählen“. Sie sind der nahe liegende Grund, warum die oft sehr jungen Mädchen die Videos hochladen. Schnelle positive Bestätigung lässt sie sich kurz besser fühlen. Doch es gibt auch...

2) Die Hater: „Du bist hässlich“, „Du sieht doch voll scheiße aus“ sind dabei noch die netten Kommentare. Wer sehr labil ist, bezieht diese anonymen Negativ-Kommentare wirklich auf sich. Je nachdem wie geballt sie kommen, ist es auch schwer, das als Hate-Müll von irgendwelchen Frustrierten abzutun. Die allerschlimmsten aber sind die dritte Kategorie:

3) Es sind die „ehrlichen Kritiker“. Sie schimpfen nicht grobschlächtig drauf los, sondern schreiben der Fragerin ganz gezielt, dass sie ja nicht sooo hässlich sei. Allerdings ihre Augen ja schon etwas zu weit zusammenstehen, der Mund irgendwie doch zu klein, und die Pickel ja viel mehr abgedeckt werden müssten. Wenn dann noch die Haare ganz anders wären, und die Figur mindestens zehn Kilo leichter, würde sie doch vielleicht etwas besser aussehen. Diese Kommentare sind deshalb so schlimm, weil sie eben nicht wüste Beschimpfungen sind, die man als Assi-Geschwätz abtun kann. Automatisch gräbt sich so ein lapidar geschriebener Satz von einer Wildfremden als tiefe Kritik ins Selbstbewusstsein ein. Ärgerlich für jemanden, der aus purer Selbstdarstellung postete, Vernichtend für jemanden, der es aus echter Verzweiflung getan hat.

Warum setzen sich also die Mädchen dem Druck aus?

Ob sie sich danach wirklich hübscher oder hässlicher fühlen? Den Meisten geht es um was anderes: Es ist die ständige Suche nach Aufmerksamkeit. Und die bekommen sie: In einem Video die Hauptrolle zu spielen, das bei YouTube, hunderttausende Male gesehen und kommentiert wird, lässt sie sich ganz kurz wie ein Star fühlen. Gegen dieses verführerische Gefühl kommt auch kein vernünftiges Elterngespräch an. Allerdings: je mehr gesundes Feedback ein Kind von außen, also zum Beispiel von der Familie bekommt, umso weniger ist es anfällig, Aufmerksamkeit und Bestätigung bei Fremden zu suchen.

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