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Billige Medikamente: Leidet die Gesundheit?

Billige Medikamente: Leidet die Gesundheit?
© dpa, Z1003 Jens Büttner

Apotheke: Neue Pillen durch Rabattverträge

Das Medikament, das Ihnen gerade Ihr Apotheker ausgehändigt hat, sieht ganz anders aus als sonst? Dabei nehmen Sie es schon seit Jahren? Das liegt an den derzeit geltenden Rabattverträgen. Zahlreiche gesetzlich Krankenversicherte müssen sich nun auf Änderungen bei ihren gewohnten Medikamenten einstellen: Denn die Arzneimittelkosten sollen gesenkt werden. Federführend sind hier die AOK und die Techniker Krankenkasse (TK), aber auch 36 kleinere Kassen schließen sich den neuen Rabattverträgen mit den Pharmaherstellern an. RTLratgeber.de beantwortet die wichtigsten Fragen rund um die Änderung.

Rabattverträge Krankenkassen: Hauptwirkstoff immer identisch

Billige Medikamente: Leidet die Gesundheit?
© picture-alliance/ dpa/dpaweb, Ingo Wagner

Kann ich als Patient das neue Medikament ablehnen?

Njein. Zwar sind die Ärzte angehalten, nur noch Inhaltsstoffe zu verschreiben, die der Apotheker dann einem rabattierten Medikament zuordnet, allerdings kann in begründeten Ausnahmefällen auch das Ursprungsmittel verschrieben werden. Laut AOK muss dafür allerdings ein zwingender medizinischer Grund vorliegen.

Was ist mit der Qualität?

Entscheidend: Ein Rabattmedikament enthält exakt den gleichen Wirkstoff und die gleiche Wirkstoffmenge wie das Arzneimittel, das der Arzt verschrieben hat. Das Produkt stammt allerdings von einem anderen Hersteller. Es geht um eine qualitativ hochwertige, aber günstigere Versorgung. Wichtig: An der Therapiefreiheit des Arztes ändert sich nichts.

Wie viele Medikamente sind von der neuen AOK-Rabattierung betroffen?

Insgesamt wurden Rabatte für 80 Wirkstoffe mit den Herstellern vereinbart. Damit steigt die Zahl der Inhaltsstoffe, für die der AOK Bundesverband Rabatte ausgehandelt hat, auf insgesamt 143. Bereits 2007 waren die ersten Rabattverträge in Kraft getreten. Zusätzlich zu den bundesweit geltenden Arzneimittel-Rabattverträgen haben einige AOKs regionale Verträge mit Herstellern abgeschlossen. Diese können also innerhalb der Bundesland unterschiedlich sein.

Wie viele Medikamente und Wirkstoffe sind es bei der TK?

Betroffen sind 89 Wirkstoffe, für die der Patentschutz abgelaufen ist. Die Rabatte gelten für mehr als 900 Medikamente von 23 Herstellern, darunter Präparate gegen Bluthochdruck, Depressionen oder Infektionskrankheiten. TK-Chef Norbert Klusen erklärt, durch die Rabattverträge habe seine Krankenkasse bis zu hundert Millionen Euro sparen können. "Die Generika-Rabattverträge haben sich als ein wirksames Instrument erwiesen, mit dem die stetig steigenden Kosten für Medikamente zumindest gedämpft werden können."

Bei welchen Krankheiten werden die Medikamente teilweise ausgetauscht?

Unter anderem Medikamente gegen bakterielle Infektionen, aber auch Mittel gegen Übelkeit, gegen Muskelkrämpfe und Rheuma. Aber auch Krebsmedikamente finden sich in der Liste, darüber hinaus Mittel, die bei Osteoporose, Depressionen oder Angstzuständen zum Einsatz kommen. Auch Blutdrucksenker und Medikamente gegen Schlafstörungen finden sich in der AOK-Liste. Diese gibt es auch als Download bei RTLratgeber.de.

Billige Medikamente: Leidet die Gesundheit?

Planen weitere Kassen Rabattverträge?

Ja. Neben der AOK und der Techniker Krankenkasse (TK) müssen laut Deutschem Apothekerverband (DAV) auch zum 1. April 2010 weitere vier Millionen Versicherte von 36 kleineren Kassen auf Rabatt-Arzneien einstellen.

Ist die Versorgung garantiert?

Ja. Patienten erhalten in jedem Fall Ihre notwendige Arznei. Sollte bei einem Medikament die Nachfrage so deutlich steigen, dass es beim Hersteller kurzfristig zu einem Lieferengpass kommt, wählt der Apotheker ein anderes wirkstoffgleiches und damit gleich wirksames Mittel. Dieses Medikament wird selbstverständlich auch von der Krankenkasse voll übernommen.

Die AOK hat mit dem Deutschen Apothekerverband eine Rahmenvereinbarung zur Umsetzung der Rabattverträge geschlossen. Diese sieht vor, dass die Apotheken die Rabattverträge unterstützen.

Habe ich als Patient auch etwas von den Rabattverträgen?

Ja. Bei vielen Arzneimitteln entfällt oder verringert sich Ihre Zuzahlung.

Wird der Krankenkassenbeitrag nun auch gesenkt?

Mit Beitragssenkungen ist aufgrund des Sparkonzepts nicht zu rechnen. Denn auch bei den Arzthonoraren oder in den Krankenhäusern sind die Kosten gestiegen und belasten die Kassen durch zusätzliche Ausgaben. Eine Neuregelung gibt es aber bei Medikamenten, deren Erstattung die jeweilige Kasse bisher ablehnt, weil es ein anderes – wirkstoffgleiches – Medikament gibt, für das die Kasse wegen eines Rabattvertrages mit dem Hersteller weniger zahlen muss. In solchen Fällen sollen Patienten künftig weiterhin das Medikament ihrer Wahl erhalten und erstattet bekommen. Sie werden dann aber die entstehenden Mehrkosten selbst tragen müssen.

Was sind Rabattverträge?

Für die Rabattverträge werden von den Krankenkassen Wirkstoffe ausgeschrieben. Die Pharmahersteller können dann Gebote abgeben, der Günstigste bekommt in der Regel den Zuschlag. Damit sind Ärzte gehalten, nur noch die darin enthaltenen Arzneien - sogenannte Nachahmer-Präparate oder Generika - zu verschreiben.

Für den Bundesvorsitzenden des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, ermöglichen die Rabattverträge "eine preiswerte Arzneimittelversorgung ohne Qualitätsverlust". Dem Arzt komme eine Schlüsselfunktion zu, damit Patienten den Austausch akzeptierten.

Hintergrund

Bisher können die Pharmahersteller für NEUE Entwicklungen Preise nach ihrem Erachtens verlangen. Wenn das entsprechende Medikament zugelassen ist, müssen die Kassen die Kosten dafür übernehmen. Mit dieser Praxis soll Schluss sein.

Nun ist es so, dass innerhalb eines Jahres nach Zulassung sich die Hersteller mit dem Spitzenverband der Krankenkassen auf einen Preisrabatt einigen. In diesem ersten Jahr ist der Hersteller in seiner Preispolitik allerdings weiterhin frei. Wenn es in den Verhandlungen zwischen Pharmakonzern und Kassen keine Einigung gibt, entscheidet eine Schiedsstelle. Rösler beziffert den Einspareffekt in diesem Verfahren auf bis zu 1,8 Milliarden Euro.

Dies ist eine Verstärkung der seit 1. April 2007 in Kraft getretenen Gesundheitsreform. Diese hatte bereits Änderungen bei der Versorgung mit Arzneimitteln vorgesehen. Krankenkassen konnten mit einem Arzneimittelhersteller Verträge über Preisnachlässe für Medikamente abschließen. Seit 2007 müssen Apotheken also bei der Auswahl eines Medikamentes die Rabattverträge einer Krankenkasse beachten. Verschreibt der Arzt einen Wirkstoff und überlässt die Auswahl des Mittels der Apotheke (Aut idem-Regelung), gibt der Apotheker vorrangig ein Mittel ab, für das die Krankenkasse des Patienten eine Rabattregelung mit dem Hersteller vereinbart hat.

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