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Beziehung: Paare geben zu schnell auf

Geben Sie Ihre Beziehung nicht zu schnell auf!
Beziehung: Keine Lust mehr auf die Partnerschaft? © istockphoto

Beziehung: Geben Sie Ihre Liebe nicht zu schnell auf!

Muss er denn wieder zu spät kommen? Was nutzt ein Partner, wenn er ständig so unzuverlässig ist? Wenn er sich wenigstens mal entschuldigen würde. Sie ist es so leid! Am liebsten würde sie Schluss machen.

Von Sigrid Schulze

Egal, ob der Partner stets unzuverlässig ist, dauernd herum muffelt, die beste Freundin nicht leiden kann oder mit den Kindern nicht so umgeht, wie er es tun sollte: Gründe, sich zu ärgern, gibt es genug. Schwierig wird die Beziehung, wenn jeder Versuch, ihn zu ändern, missglückt. Wenn freundliche Kritik spurlos versickert. Wenn auf deutliche Worte stürmische Gegenangriffe folgen. Wenn nur noch beleidigtes Schweigen bleibt. Dann drängt sich langsam und allmählich der Gedanke auf, eine Trennung könne doch sehr befreiend wirken.

Am Anfang ist die rosarote Brille. Im Blickpunkt liegen ausschließlich die Gemeinsamkeiten. Doch im Laufe der Zeit werden auch andere Seiten am Partner sichtbar, Seiten, die befremdlich sind. "Sie braucht so ewig lang im Bad. Er räumt seine Schuhe nicht weg, wenn er heimgekommen ist. Solche Kleinigkeiten beginnen uns zu stören", sagt Hans Jellouschek, Autor des Buches 'Liebe auf Dauer. Was Partnerschaft lebendig hält’ (Herder 2010. 9,95 €). "Aus Rücksicht, und weil das ja Kleinigkeiten sind, sagen wir dann oft nichts zum anderen. Aber stören tut es uns doch. Damit beginnt unsere Aufmerksamkeit sich allmählich auf die Negativ-Seite zu verlagern. Irgendwann beginnen wir den anderen zu kritisieren."

Leider nutzt die Kritik oft wenig: Zu sehr sind die Kritikpunkte mit der Persönlichkeit des Partners verbunden - wie die Unpünktlichkeit mit seiner Spontaneität. Nun fängt man an, sich genau über diese Spontaneität zu ärgern. Das Paar gerät in Gegenpositionen: Ich bin besonnen, du bist (zu) spontan.

Was sich tun lässt, um die Beziehung zu verbessern, ist also: Wieder das Positive wahrnehmen. "Das haben wir nämlich weitgehend in der Hand. Ich kann daran denken, was mir heute am anderen gefallen hat, oder ich kann das unter den Tisch fallen lassen und mich nur bei dem aufhalten, was mir an ihm auf die Nerven gegangen ist", erklärt Jellouschek.

Längst wird fast jede zweite Ehe geschieden. Kein Wunder. Schließlich leben wir in einer Konsumgesellschaft: Und die vermittelt oft die trügerische Hoffnung, im Internet oder auf der nächsten Party lasse sich schnell ein neuer Partner finden, einer, der besser passt.

Doch: "Heutzutage rennen Paare viel zu schnell auseinander", berichtet Sandra Sopp-Ehlting von 'Results! Die Praxis für lösungsorientierte Beratung' in München. Chuck Spezzano, Autor des Buches 'Wie Sie herausfinden, wann Ihre Beziehung zu Ende ist und was Sie tun können, um sie zu retten' (Via Nova 2008. 9,95 €): "Die Chance, in einer bestehenden Beziehung zu echter Partnerschaft zu gelangen, wird oftmals voreilig und leichtfertig vergeben."

Schade. Denn: "Ehen und Beziehungen ohne Krisen hat es noch nie gegeben", so Sandra Sopp-Ehlting. Oft ist nicht unser Partner 'falsch', sondern die Art und Weise, wie wir mit ihm und der Beziehung umgehen. Mit einem neuen Partner besteht daher die große Gefahr, dass uns dieselben Probleme aufs Neue begegnen.

In der alten Beziehung sind die Positionen aber oft verhärtet. Keiner will den ersten Schritt machen. Doch so kann sich keine Beziehung verbessern. "Zum Beenden einer Krise ist zumindest die Bereitschaft eines Partners erforderlich, in Vorleistung zu gehen", sagt Sandra Sopp-Ehlting. Wer diesen Schritt macht, braucht Geduld - denn kurzfristig ist deshalb noch nicht damit zu rechnen, dass auch der Partner wieder mehr Mühe in die Beziehung steckt.

Chancen in bestehender Beziehung oftmals verspielt

Hans Jellouschek, der als Deutschlands bekanntester Paartherapeut gilt, berichtet von einem interessanten Forschungsergebnis aus den USA: "Negativität schadet einer Beziehung dann nicht, wenn die positiven Impulse die negativen stark überwiegen." So will der amerikanische Paar-Forscher John Gottman (2000) herausgefunden haben, dass fünf positive Impulse einen negativen in seiner Wirkung neutralisiert.

Das heißt: Das Positive, die Anerkennung, das Lob, die Zeichen der Zuneigung müssen - faire oder unfaire - Kritik ein gutes Stück überwiegen. "Ist das nicht der Fall, wird diese Kritik das Gegenteil bewirken", erklärt Jellouschek.

Was sich tun lässt, um die Beziehung zu verbessern, ist also: Den Partner loben und anerkennen - nicht aus Kalkül, sondern aus Achtsamkeit! "Wir sind darauf angewiesen, dass uns Menschen, die uns nahe stehen, wohlwollend begegnen. Dann vertragen wir auch Kritik und können sie uns zu Herzen nehmen."

Wieso verhält er sich so und nicht anders? Und warum reagiere ich darauf so? Paare verstricken sich oft in endlosen Grübeleien und Gesprächen. Sicher ist es oft sinnvoll, das ein oder andere Verhalten zu hinterfragen, um den Partner besser zu verstehen. Doch nicht jedes Detail muss in endlosen Sitzungen zerpflückt werden. Stattdessen macht es mehr Sinn, sich um die Lösungen für Konflikte als um ihre Entstehung zu kümmern.

Was sich tun lässt, um die Beziehung zu verbessern, ist also: Wie lässt sich Ordnung in der Wohnung verwirklichen? Vielleicht würden mehr Kästen und Körbe, Schubladen und Schränke, Haken und Aufhänger dem Partner helfen, die ersehnte Ordnung zu schaffen? Wie kann dem stets unpünktlichen Partner gelingen, seine Zeit besser zu strukturieren? Und wie schafft man es selbst, sich über sein Zu-Spät-Kommen weniger aufzuregen? Vielleicht benötigt der Alltag mehr Zeitpuffer, die die Unpünktlichkeit ausgleichen können? Das sind Fragen, die sich auf die oder andere Art kreativ lösen lassen.

Wie könnte die Beziehung in einigen Jahren sein? Von welchem gemeinsamen Abenteuer lässt sich heute schon träumen? "Es belebt die Liebe, wenn wir uns angewöhnen, uns immer wieder Bilder von dem zu machen, wie unsere Beziehung in drei, in fünf, vielleicht in zehn Jahren sein könnte", erklärt Paartherapeut Hans Jellouschek. "Das heißt: Wir fragen uns: Wohin geht meine Lebenssehnsucht, für mich persönlich und mit dir zusammen?"

Was sich tun lässt, um die Beziehung zu verbessern, ist also: Gemeinsam neue Perspektiven entwickeln. Wofür soll gespart werden? Für den Ausbau des Dachgeschosses, um dort ein Atelier zu errichten? Für die Abenteuertour mit einem Wohnmobil durch Neuseeland? Für das große Projekt Familie - den eigenen Nachwuchs also? Vorsicht: Nicht alle Träume lassen sich mit dem Partner verwirklichen. Für manche Sehnsüchte ist die beste Freundin einfach die bessere Partnerin.

"Es lohnt sich immer, für eine Beziehung und nicht in ihr zu kämpfen", sagt Chuck Spezzano. Wenn aus der Liebesbeziehung trotz aller Bemühungen aber immer wieder ein Schlachtfeld wird, dann benötigt das Paar Hilfe von einem unabhängigen Berater.

Sandra Sopp-Ehlting: "Ein kompetenter, neutraler 'Dritter' kann aus der Distanz heraus eingefahrene Verstrickungen und falsche Verhaltensmuster erkennen und aufdecken." Oft sind nur ein paar Beratungsstunden bei einem Beziehungscoach notwendig, um zu erkennen, ob die Beziehung noch Sinn macht - oder nicht.

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