Betrunken und vergewaltigt: Frauen selbst schuld?

Vergewaltigung durch Alkoholmissbrauch?
Vergewaltigung durch Alkoholmissbrauch? © picture-alliance/ dpa, Lehtikuva Tuomas Marttila

Vergewaltigt, weil sie betrunken sind

Es gibt wenige Dinge, an denen Menschen andere so großzügig teilhaben lassen, wie an Schuld. Ein besonders geschmackloses Beispiel dafür macht gerade in England Schlagzeilen: Im Auftrag der Polizei wurden Plakate ausgehängt, die in der oberen Bildhälfte eine fröhlich feiernde junge Frau zeigen und im unteren Teil dieselbe als zusammengekauertes Opfer eines Missbrauchs vorführen. Dazu der Text: "Lass eine verheißungsvolle Nacht nicht in einem Morgen voller Reue enden." Und: "Mach dich nicht verwundbar für Sex, den du bereust, oder sogar Vergewaltigung. Trinke mit Bedacht und komme sicher nach Hause!"

Von Karla Steuckmann

Das war von den Ordnungshüter sicher gut gemeint, ist aber das Gegenteil von gut gemacht. Denn im Umkehrschluss sagt uns diese Kampagne: Besoffene Frauen sind eine Aufforderung zum Missbrauch. Kein Paar Schuhe scheint eng genug, als dass sich nicht noch ein bisschen Schuld reinschieben ließe. Partypumps, Peeptoes und Riemchensandalen eignen sich offenbar ganz besonders.

Da wird mal eben die gute alte Autoknacker-Kampagne auf ein deutlich schwereres Delikt übertragen: Lassen sie keine Wertsachen liegen und schließen sie ab - Gelegenheit macht Diebe! Doch eine Frau ist kein Auto und Vergewaltigung kein Navi-Klau. Selbst wenn sie nackt und besoffen auf dem Tisch zu "Sexmaschine" tanzt, verliert sie dabei vielleicht etwas an Würde und zwei bis drei Freundinnen, aber sie behält ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit.

Männer sind schließlich stolz darauf, eben keine instinktgesteuerten Halbaffen zu sein, die willenlos auf Schlüsselreize mit Rammeln reagieren. Frauen sind ja keine Pavianweibchen, denen mit steigendem Alkoholspiegel ein auf roter Hintern anschwillt. Hinter der Kampagne steckt ein antiquiertes Frauenbild, dass bei mir Rötung und Schwellung oberhalb des Brustkorbs auslöst: Das "ewig lockende" Weib, das durch seine bloße Existenz den schwachen Mann in Versuchung führt.

Keine Frau riskiert es, vergewaltigt zu werden

Im viktorianischen England reichte dafür die Zurschaustellung eines bestrumpften Knöchels und man verhing Tischbeine. In den 70er Jahren galt erst der Minirock und später der Short als Aufforderung zur Vergewaltigung. Der Satz: "Wer so was trägt ist selbst schuld!" war damals gängige Volksmeinung. Das Delikt wurde auch gerne mal augenzwinkernd "Verge’wohl‘tätigung" genannt und ganze Herrenwitzsammlungen rankten sich darum. Deren Pointe lässt sich in einem Satz zusammenfassen: "Eigentlich willst du es doch auch, Baby!"

Nein, keine Frau riskiert willentlich vergewaltigt oder sexuell genötigt werden, so besoffen kann sie gar nicht sein. Dem Opfer auch nur den Hauch einer Mitschuld zuzuweisen verdreht die Tatsachen. Vergewaltigung unterscheidet sich von einvernehmlichem Sex dadurch, dass man es nicht wollte. Schuld ist ausschließlich der, der das "Nein" nicht akzeptiert hat, auch wenn es nur gelallt wurde. Und ganz besonders dann, wenn das Opfer so weggetreten war, dass es nichts mehr sagen, sich nicht mehr wehren und erst recht nichts mehr wollen konnte. Schuld trägt allein der, der sich entscheidet, die Tat trotzdem oder deswegen zu begehen. Dass der Zustand des Opfers den Übergriff erleichterte, gibt ihm keine Mitschuld, sondern vergrößert eher die des Täters.

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