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Beruf und Familie: Der ganz normale Wahnsinn

Beruf und Familie: Der Alltag einer berufstätigen Mutter
Beruf und Familie: Der ganz normale Wahnsinn © deutsche presse agentur

Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Ein Zwischenruf

Warum ist es in Deutschland so schwer, berufstätig zu sein und Kinder zu haben? An sich ist das nicht schwer, mehr als 12 Millionen Frauen und natürlich auch 14,5 Millionen Männer in Deutschland schaffen das. Will heißen, es ist Normalität. In manchen Wochen ist es aber auch der ganz normale Wahnsinn. Von einer solchen Woche will ich hier einmal erzählen – mit den Stolpersteinen, die einer ganz normalen berufstätigen Mutter so in den Weg gelegt werden.

Eine ganz normale berufstätige Mutter, das bin ich. Mit Abitur, Hochschulabschluss und gutem Job. Teilzeit versteht sich – da ja zwei Kinder da sind. Teilzeit heißt in diesem Fall 87,5 Prozent – der Kindergartenöffnungszeiten wegen. Damit fängt es schon mal an: Welcher normale Job erlaubt es, um 16 Uhr auf der Matte zu stehen, um das Kind abzuholen? Acht Stunden plus Pause und Fahrtzeit kriegt man da irgendwie nicht hin. „Mein“ Kindergarten schließt um 16.30 Uhr seine Pforten, ich erscheine jeden Tag pünktlich um 16.27 Uhr zur Abholung. Zusammen mit einem Vater, der ebenso abgehetzt wie ich aussieht. Bemerkungen wie „Ach, da ist ja auch unsere Last-Minute-Mutter“ prallen mittlerweile an mir ab.

Eine ganz normale Woche...

Der Alltag einer berufstätigen Mutter
Eine ganz normale Woche im Leben einer berufstätigen Mutter © dpa, Britta Pedersen

Montag

Nun aber zur ganz normalen Woche. Es beginnt montags mit dem nachmittäglichen Fahrdienst – große Tochter zum Hockeytraining bringen, kleine Tochter zum Turnen und danach das Ganze wieder andersrum. Geschenkt. Abends werden Gäste erwartet, die Kinder müssen also vorher mit (selbst und mit Liebe zubereiteter) Nahrung versorgt und zeitig ins Bett gebracht werden. Bravourös gemeistert.

Dienstag

Am Dienstag feiert man den Abschied der jüngeren Tochter in der Kindergartengruppe ab 14.30 Uhr (wie bitte?) mit einem Picknick im Park. Selbstverständlich ist die Anwesenheit der Mutter (und nur der Mutter) zu diesem Event zwingend erforderlich.

Und ich will ja nicht wieder als Rabenmutter dastehen wie damals im November, als ich zum (wie ich dachte) fakultativen Laternenbasteln um 14 Uhr (wie bitte?) nicht erscheinen konnte und wenige Tage später mit offenem Mund dastand, als man mir verkündete: Tja, Frau A., dann wird Marie wohl als einzige keine Laterne für den Martinszug haben. Denn die Tochter kann selbstverständlich die Laterne nicht mit der Erzieherin basteln, sondern sie muss von der Mutter höchstpersönlich zusammengeklebt werden. Mit viel Liebe und selbstgemacht eben. Durch harte Verhandlungen konnte ich einen Alternativtermin aushandeln und bin dann an einem anderen Tag um 7 Uhr zur Arbeit gegangen, um um 15 Uhr (!) zum Laternenbasteln zu erscheinen.

Zurück zum Abschiedspicknick. Eine Woche zuvor war von der Erzieherin mit eindringlichem Blick mitgeteilt worden, Marie wünsche sich einen Erdbeerkuchen. Da ich ja keine Rabenmutter bin, bekommt das Kind selbstverständlich seinen Kuchen. Ja, Frau Herman, auch berufstätige Mütter backen Kuchen – und zwar abends! Zur Feier erscheine ich um 14.45 Uhr. Vorwurfsvolle Blicke. Da ich gerast bin, hat der Erdbeerkuchen gelitten. Immerhin, ich gebe mir doch wirklich Mühe.

Mittwoch

Schon ist es Mittwoch. Abgesehen von der Hockey-Turnen-Rallye zwischen zwei Kölner Stadtteilen habe ich heute frei. Als Mutter, meine ich.

Donnerstag

Das ist auch gut so, denn jetzt kommt der Donnerstag. Zunächst mal ist der Kindergarten geschlossen, woran ich glücklicherweise vergangene Woche bereits erinnert wurde. Und noch glücklicher war, dass mich eine Mutter, die mit Baby zu Hause und zur Zeit nicht berufstätig ist, daran erinnert hat und im gleichen Atemzug angeboten hat, dass Marie gerne an diesem Tag zu ihr kommen und mit ihrer Tochter spielen kann. Es lebe das soziale Netzwerk!

Für 15 Uhr (wie bitte?) ist dann ein Kennenlerntreffen der Pinguinklasse, in die die kleine Marie im August eingeschult wird, anberaumt. Also muss das Kind gegen 14 Uhr von eben jener hilfsbereiten Kindergartenmutter unter Dankesbezeugungen und Gewissensbissen (werde mich wohl nie revanchieren können) abgeholt werden und zum ersten Klassentreffen seines Lebens kutschiert werden.

Das Leben ist kein Ponyhof!

Zeitnot, wenn das eigene Kind zu einem Kindergeburtstag eingeladen ist
Kindergeburtstag © dpa, Karl-Josef Hildenbrand

Freitag

Freitag steht eine Einladung eines befreundeten Mädchens zur Geburtstagsfeier an. Es geht auf einen Ponyhof, juchhu. Um 14.30 Uhr (wie bitte?) geht’s los. Das wäre ja noch irgendwie machbar, ich könnte meine Mittagspause verlegen, in der Zeit das Kind abholen, zum Startpunkt für den Ponyhof-Event-Geburtstag bringen und danach wieder zurück und die restlichen Stunden arbeiten. Aber da ist ja noch die Theatervorführung meiner älteren Tochter, für die sie das ganze Jahr mit ihrer Klasse geprobt hat. Um 15 Uhr (genau: wie bitte??). Da muss ich wirklich hin, es führt kein Weg daran vorbei. Die Theatervorführung findet übrigens im Rahmen eines Schulfestes statt, zuvor hatte man sich in eine Liste eintragen können für Dienste am Waffelstand oder ähnliches. Ich habe mal davon Abstand genommen, denn ich muss ja die jüngere Tochter wieder vom Ponyhof abholen.

Berufstätige Mutter = Rabenmutter?

Nicht jede Woche ist so. Aber viele. Besonders im Dezember und vor den Sommerferien bricht der Wahnsinn aus.

Und für mich ist genau das der Grund, warum es in Deutschland so schwer ist, mit Kindern berufstätig zu sein. Als Frau zumindest. Weil alle so tun, als seien Frauen mindestens bis zum 10. Geburtstag ihres Kindes eben nicht berufstätig – oder höchstens bis 12 Uhr.

Weil man schief angeschaut wird, wenn man sein Kind erst kurz vor Schluss aus dem Kindergarten abholt, weil man nun mal bis 16 Uhr arbeitet.

Weil es unmöglich ist, einen Schwimmkurs zu finden, der erst um 17 Uhr beginnt. Wenn ich nicht eine befreundete Mutter hätte, die mein Kind mit ihrer Tochter mit zum Schwimmkurs genommen hat (selbstredend habe ich dann die Kleinen abgeholt), hätte meine Tochter heute noch kein Seepferdchen… was bin ich doch für eine Rabenmutter!

Weil es solche Horror-Wochen gibt, in denen man sich direkt Urlaub nehmen sollte – aber leider sind ja da noch die Sommerferien und die Herbstferien und die Osterferien und die Weihnachtsferien und die beweglichen Ferientage, die irgendwie überbrückt werden müssen…

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Laternenbasteln, aber muss es denn um 14 Uhr sein? Kann ich das nicht am Wochenende oder wenigstens am späten Nachmittag mit meinem Kind machen? Erleidet mein Kind einen seelischen Schaden, wenn es nicht mit einem Elternteil an der Seite die gleiche Fisch-Laterne bastelt wie alle anderen Kinder seiner Gruppe, und zwar zu einer vorgegebenen Zeit? Ich habe auch nichts gegen Kindergeburtstage auf dem Ponyhof, aber muss es am Freitag um 14.30 Uhr sein? Welcher berufstätige Mensch kann denn da? Väter jedenfalls nicht. Oder haben Sie einen Kollegen, der sich um 13.30 Uhr abmeldet mit den Worten: Ich gehe dann mal Laternen basteln, sonst erleidet mein Kind einen seelischen Schaden? Eben.

Den Geburtstag habe ich übrigens abgesagt. So geht die jüngere Tochter mit zur Theateraufführung ihrer Schwester. Das Leben ist nun mal kein Ponyhof, das kann man nicht früh genug lernen.

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