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'Bericht über die menschliche Entwicklung': In 100 Ländern sind Frauen noch immer benachteiligt

Frau übt ihren Beruf aus
"Der Fortschritt von Frauen muss schneller werden als der allgemeine Fortschritt": Das findet zumindest Selim Jahan, vom 'Bericht über die menschliche Entwicklung'. © picture alliance / Bildagentur-o

Von Ursula Willimsky

"Wo Frauen und Mädchen gute Bildungschancen haben und wo sie in ihrer Entwicklung nicht gebremst werden, da geht es allen relativ gut." Zugegeben, die These ist sehr plakativ. Aber: Man kann durchaus zu diesem Schluss kommen, wenn man sich den aktuellen 'Bericht über die menschliche Entwicklung' durchliest, den die Vereinten Nationen vorgestellt haben. Zumindest Selim Jahan, der Mann, der den Bericht verantwortet, denkt auch in diese Richtung: "Der Fortschritt von Frauen muss schneller werden als der allgemeine Fortschritt.“

Deutschland landete 2016 auf dem vierten Platz in Sachen Lebensqualität

Der Wirtschaftswissenschaftler analysiert Jahr für Jahr im Auftrag der Vereinten Nationen den Entwicklungsstatus einzelner Staaten und der menschlichen Gesellschaft generell. Wie wohlhabend ist das Land? Welchen Entwicklungsstand hat es erreicht?

Seit 1990 wird auf Basis der Lebenserwartung, der Bildung und des Lebensstandards ein Index erstellt, der wiederum die Grundlage bildet für den 'Bericht über die menschliche Entwicklung' des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP). 2015 landete Deutschland weltweit auf dem sechsten Platz. 2016 erreichte es Platz vier, hinter der Schweiz, Australien und Norwegen. An der unteren Seite der Tabelle finden sich viele Länder unterhalb des Äquators, das Schlusslicht auf Platz 193 bildet Zentralafrika.

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Vom globalen Fortschritt ausgeschlossen

Auf den ersten Blick gab es dieses Jahr viel Positives zu berichten: Der Entwicklungsindex der ärmsten Länder ist um 45 Prozent gestiegen, global betrachtet kletterte der Index immer noch 20 Prozent nach oben. Was aber leider nicht bedeutet, dass es weltweit allen besser geht. Immer noch lebt jede und jeder Dritte "in einem Zustand niedriger menschlicher Entwicklung“. Sprich: Der wachsende Wohlstand kommt nicht allen zu Gute.

Die UNPD-Liste ist lang: Frauen und Mädchen, Menschen aus ländlicher Regionen, indigene Völker, ethnische Minderheiten, Menschen mit Behinderungen, Migrantinnen und Migranten und Flüchtlinge und die LGBTI-Gemeinschaft – zum Beispiel Lesben und Schwule - seien unter denen, die systematisch ausgeschlossen würden. Durch wirtschaftliche, politische, soziale und kulturelle Hindernisse.

Diese Barrieren können sich aber hinter positiven Zahlen verstecken. "Wir legen zu viel Aufmerksamkeit auf nationale Durchschnittswerte, die oft enorme Variationen in den Lebenswirklichkeiten der Menschen verdecken”, sagt Jahan. “Um voranzukommen, müssen wir nicht nur untersuchen, was erreicht worden ist, sondern auch, wer davon ausgeschlossen gewesen ist und warum.”

Denn trotz aller Fortschritte: Es muss sich noch einiges ändern auf dieser Welt, bis alle gleichberechtigt miteinander leben und wirken können. So stellten Jahan und sein Team fest, dass Frauen immer noch ärmer seien, weniger verdienten und in den meisten Lebensbereichen immer noch weniger Möglichkeiten hätten als Männer. "In 100 Ländern sind Frauen rechtlich aufgrund ihres Geschlechts von bestimmten Berufen ausgenommen, in 18 Ländern benötigen Frauen die Zustimmung ihres Ehemanns, um zu arbeiten, gefährliche Praktiken wie weibliche Genitalverstümmelung und Zwangsheiraten bestehen fort.“

"Das Verhalten von Männern bestimmt die Realität von Frauen."

Ein weiteres Beispiel: Weltweit hat sich zwar die Zahl der Mädchen erhöht, die wenigstens die Grundschule besuchen. In der Hälfte der 53 Entwicklungsländer, für die überhaupt Daten vorhanden sind, kann trotzdem die Mehrheit der erwachsenen Frauen, die zumindest für vier Jahre zur Schule ging, nicht lesen.

Die UNPD entdeckte einen signifikanten Zusammenhang: Die Staaten, in denen Frauen – um bei der größten Gruppe der häufig Benachteiligten zu bleiben - auf rechtliche, kulturelle und soziale Barrieren stoßen, sind zugleich auch die Länder, die den niedrigsten Entwicklungsstand haben.

Was ist die Ursache? Und was die Wirkung? Wird für Frauen und andere benachteiligte Gruppen alles besser, wenn ein Land sich weiterentwickelt? Oder entwickelt sich ein Land vor allem dann zum Positiven weiter, wenn alle gerechte Chancen haben?

UNPD-Administratorin Helen Clark zumindest hofft, dass "Armut ausgelöscht“ und eine "friedliche, gerechte und nachhaltige Entwicklung für alle erreicht werden kann“, wenn tief sitzende, hartnäckige, diskriminierende soziale Normen und Gesetze beseitigt werden und gegen einen ungleichen Zugang zu politischer Teilhabe angegangen werde.

Selim Jahan formuliert es anders: "Das Verhalten von Männern bestimmt die Realität von Frauen. Hier müssen wir ansetzen und es ändern.“

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