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Benching: Wer andere auf Abstand hält, der ist nicht verliebt

Benching: Wer andere auf Abstand hält, der ist nicht verliebt

Wer verliebt ist, der bencht nicht!

Eine meiner Lieblings-Lebensweisheiten ist, dass man nichts auf die lange Bank schieben möge. Dieser Satz gilt meines Erachtens besonders für sämtliche Belange in Beziehungen, vor allem für Beziehungen, die gerade im Erblühen sind.

Denn: Wer frisch verliebt ist, der gibt Gas, der kennt keinen Aufschub, der ist vom Eros inspiriert, das hat nichts mit Erotik zu tun, sondern mit Kraft und Willen. Platon hat die Bedeutung des Eros als erster erkannt, er versteht darunter quasi die Triebfeder der menschlichen Existenz, eine beflügelnde Energie, der Eros steht für Sehnsucht, für Begehren. Streng genommen ist Eros einfach Lebendigkeit, was heißt „einfach“ – Lebendigkeit ist alles.

Das Begehren strebt aber nun nicht schnöde nach körperlicher Erfüllung, wie die meisten modernen Menschen plump annehmen. Eros und Erotik – das sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe. Das Begehren strebt handfest danach, dass man das Objekt der Verliebtheit sehen will, sehen muss, dass man es datet.

So war es immer, jede Liebesgeschichte handelt von Sehnsucht, Verliebte stehen vor dem Haus der Angebeteten oder des Angebeteten und warten auf einen einzigen Blick. Diese schöne Art von Hingezogenheit stirbt jetzt offensichtlich aus. Es gibt einen Trend, der mich sehr besorgt. Der Trend ist: Komme ich heute nicht, komme ich morgen – vielleicht, vielleicht auch nicht. Selbst in der Kennenlern-Phase verspüren viele keinen Impuls, den neuen Menschen in ihrem Leben zu sehen. Das ist ein Skandal.

Aufgedeckt hat ihn mein Lieblings-Liebesexperte Eric Hegmann. Er spricht vom „Benching“, wer „bencht“, sagt Hegmann, der lässt seine neue Bekanntschaft – bildlich gesprochen – auf der langen Bank sitzen. Damit die arme Bekanntschaft beim Warten auf ein Wiedersehen nicht die Gefühle verliert, schickt man ihr ab und zu eine kleine Nachricht. Zum Beispiel: „Ich vermisse Dich!“

Dann klopft natürlich das Herz der Bekanntschaft wieder wie wild, die Hoffnung steigt, dass aus dieser Sache noch etwas wird, es wird weiter gewartet, man erklärt sich die Verzögerung irgendwie. Trotz dieser ganzen Aufwallungen kommt es nicht zu einem Treffen, die Hoffnung schwindet, dann kommt plötzlich wieder eine Meldung.

So verhältst du dich, wenn er sich nur sporadisch meldet
So verhältst du dich, wenn er sich nur sporadisch meldet Benching 00:00:54
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Der Melder macht allerdings immer wieder einen Rückzieher, er will sich nicht festlegen, möglicherweise hat er mehrere Eisen im Feuer oder er hat sadistische Neigungen oder er ist einfach dumm. Es sind übrigens Männer wie Frauen, die benchen, wobei Herr Hegmann meint, dass die Männer die schlimmeren Bencher sind.

Ob Männlein oder Weiblein – bei einer solchen laschen Haltung in Liebesdingen kriege ich eine Gänsehaut, Verbindlichkeit ist für mich der Urstoff, aus dem Liebe hervorgehen kann. Selbst wenn das Benching ein Ende hat und endlich ein Date dem anderen folgt, ist die Luft raus, da wächst nichts mehr, wenn das zarte Pflänzchen Liebe nicht gegossen worden ist.

Ich will nicht schimpfen, ich will die Liebe leicht machen und suche nach einem konstruktiven Umgang mit dem Benching-Trend.

Die Frage, die uns weiterbringt, ist: Müssen wir in einer Zeit, wo man alle naslang jemanden virtuell kennenlernt, neue Regeln aufstellen, was den Umgang miteinander angeht? Müssen wir alle sehr locker werden und nichts mehr erwarten, keine Entscheidungen von unserem Gegenüber einfordern?

Ich habe Herrn Hegmann gefragt, wie er sich das vorstellt. Seine Antwort ist klar wie ein Bergsee: Man soll einfach klipp und klar sagen, was man will. Selbst, wenn man unschlüssig ist, soll man das deutlich kommunizieren und keine Spielchen spielen auf der langen Bank. Wer auf der langen Bank sitzt, soll auch den Mund aufmachen und laut und deutlich vorbringen, dass man diesen Platz sehr doof findet und ihn umgehend verlässt.

Mit diesen Handlungen schafft man Platz auf der Bank – und Platz für die Liebe.

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