Behinderte Frauen sind häufig Opfer von Missbrauch

Sexuelle Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen
© deutsche presse agentur

Sexuelle Gewalt trifft häufig behinderte Frauen

"Das Gravierende ist, dass die Frauen in den Einrichtungen nicht einfach raus können und dass es viel schwerer ist, Zugang zu Hilfe und Unterstützung zu bekommen und dass die Einrichtung eigentlich dafür verantwortlich ist, dass sie keine Übergriffe erleben." Mit diesem Satz umreißt Monika Schröttle die fatale Lebenssituation vieler Frauen mit Beeinträchtigungen, die in Heimen leben oder in speziellen Einrichtungen arbeiten – und dort Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Schröttle ist Projektleiterin einer Studie über die Situation, die die Universität Bielefeld im Auftrag des Familienministeriums durchführte.

Von Ursula Willimsky

In einem TV-Magazin erinnerte sich noch einmal daran, dass „auf jeden Fall mehrere tausend Frauen" in deutschen Behindertenheimen und -einrichtungen sexuell missbraucht worden seien. Es sind häufig Frauen, die in einem relativen geschlossenen System leben – was es ihnen schwer macht, Hilfe zu finden. Die Suche der Befragten „nach Unterstützung war zum Teil auf mehr als eine Weise durch Abhängigkeiten und Selbstwertprobleme erschwert“, stellte die Studie fest.

Abhängigkeiten und Selbstwertprobleme – dahinter versteckt sich ein ganzes Spektrum an „Lebenssituationen“, mit denen diese Frauen zurecht kommen müssen. Sie klagten darüber, dass sie nicht entscheiden dürfen, mit wem sie zusammenleben. Sie klagten zum Beispiel darüber, dass sie bei Behörden, Mitmenschen oder auch Kollegen oft nicht ernst genommen werden. Dass schon bei der Körperpflege manchmal Intimitätsgrenzen überschritten würden. Insgesamt scheinen sie verletzbarer zu sein und häufiger verletzt zu werden.

Wo bekommen behinderte Frauen Hilfe?

Eine erste Kurzfassung der Studie erschien im November, wenige Tage vor dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Sie hat erschreckende Zahlen zu Tage gebracht. "Besonders alarmierend ist, dass Frauen mit Behinderung und Beeinträchtigung zwei- bis dreimal häufiger sexuellem Missbrauch in Kindheit und Jugend ausgesetzt waren als der weibliche Bevölkerungsdurchschnitt. Auch im Erwachsenenleben erfahren sie überdurchschnittlich häufig sexuelle Übergriffe und Gewalt. Frauen, die in Einrichtungen der Behindertenhilfe leben und arbeiten, sind in hohem Maße Gewalt ausgesetzt", sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, Dr. Hermann Kues, bei der Eröffnung der entsprechenden Fachtagung . "Wir müssen diesen Frauen deshalb besonderen Schutz und besondere Unterstützung geben."

Dem Umstand, dass Frauen mit Beeinträchtigungen eines besonderen Schutzes bedürfen, zollte das Familienministerium schon vor längerem Beachtung. So wurde vor etwa drei Jahren das Projekt „Frauenbeauftragte“ ins Leben gerufen. Sie sollten laut Familienministerium als direkte und verständnsivolle Ansprechpartnerinnen für Frauen mit Beeinträchtigungen wirken. Die Beauftragten hatten „selbst Behinderungen und haben gelernt, Mitbewohnerinnen oder Kolleginnen in Werkstätten oder Wohnheimen zur Seite zu stehen und ihnen als Ansprechpartnerin zu dienen, wenn diese Gewalt erlebt haben oder fürchten.“ Im Mai 2011 wurde dieses Projekt beendet. Mögliche Nachfolgeprojekte werden im Familienministerium derzeit erörtert.

Die Frauenbeauftragten agierten in Zusammenarbeit mit dem sogenannten „Weibernetz“, einem Verein von Frauen und Mädchen mit Behinderungen. Auf deren Seite www.weibernetz.de/frauenbeauftragte werden in sehr einfacher Sprache die Rechte von Frauen noch einmal ins Gedächtnis gerufen.

Außerdem will das Ministerium noch in diesem Jahr ein kostenloses Hilfetelefon anbieten. 24 Stunden am Tag soll dort Erstberatung möglich sein. Gerade für Frauen mit Behinderungen, die, so das Ministerium, „oftmals einen erschwerten Zugang zu den örtlichen Hilfeeinrichtungen haben, können von diesem Hilfeangebot besonders profitieren.“

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