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Beckenbodenschwäche: So können Sie Inkontinenz vorbeugen

Inkontinent nach der Geburt?
Inkontinent nach der Geburt? DAS hilft bei Blasenschwäche nach der Geburt 00:02:09
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Eine Beckenbodenschwäche führt zu Inkontinenz

Mira ist 28 und glückliche Mutter einer zuckersüßen, sieben Monate alten Tochter. Luna ist ihr erstes Kind. Schwangerschaft und Geburt sind ganz normal verlaufen. Trotzdem hat Mira seit der Entbindung ein Problem. Eva ist 56, super schlank und sportlich. Die kinderlose Modedesignerin hat immer schon Wert auf ein perfektes Äußeres gelegt und tut viel dafür. Karriere und Privatleben, alles läuft super und dennoch gibt es da etwas, worüber sie kaum reden mag.

Beckenbodenschwäche: So können Sie Inkontinenz vorbeugen
Inkontinenz aufgrund von einer Beckenbodenschwäche kann bei jeder Frau auftreten und wird immer noch tabuisiert.

Von Daniele Erdorf

Mira und Eva - zwei ganz unterschiedliche Frauen, mit dem gleichen Problem: Beide haben einen schwachen Beckenboden und leiden unter Inkontinenz, können ihre Blase nicht richtig kontrollieren. 

"Ich hatte zwar in der Schwangerschaft schon mal ungewollt ein paar Tropfen Urin verloren, aber mir nicht viel dabei gedacht. Als es dann nach der Geburt von Luna richtig mit der Inkontinenz losging, war ich geschockt", erzählt Mira. "Beim Lachen, Husten oder Niesen habe ich mich heftig eingenässt und bin aus Angst vor Peinlichkeiten andauernd auf die Toilette gerannt." Blasenschwäche hatte Mira bis dahin nur mit alten Menschen in Verbindung gebracht. Bei Eva kam die Inkontinenz schleichend, wurde mit der Zeit immer schlimmer und schließlich zu einer schweren seelischen Belastung. Eva: "Ich hatte schon mit Anfang 50 Angst, für den Rest meines Lebens Windeln tragen zu müssen - eine grauenhafte Vorstellung. Erst recht, wenn man wie ich in der Mode-Branche arbeitet."

Beckenbodenschwäche tritt öfter bei Frauen als bei Männern auf

Inkontinenz ist ein Tabu-Thema, über das öffentlich selten gesprochen wird. Egal, ob es junge oder ältere Frauen trifft. "Die Dunkelziffer ist hoch", weiß Prof. Dr. Werner Bader, Chefarzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe im Klinikum Hannover Nordstadt. "Gesicherte Statistiken gibt es nicht. Da bei Frauen die Scheide die Beckenbodenmuskulatur zweiteilt, ist deren Struktur weniger stabil als bei Männern. Daher kann aufgrund der weiblichen Physiognomie davon ausgegangen werden, dass deutlich mehr Frauen als Männer betroffen sind."  

Doch was hat der Beckenboden mit unkontrolliertem Urin- oder gar Stuhlverlust zu tun? Prof. Dr. Thomas Dimpfl, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe im Klinikum Kassel: "Der Beckenboden ist ein komplexes Gebilde aus Muskeln und Bindegewebsstrukturen. Es regelt über Anspannung und Entspannung, wie sich Blase und Darm entleeren. Eine schwache Beckenbodenmuskulatur ist dabei kein Problem an sich. Doch wenn mehr als mal ein Tröpfchen Urin beim Lachen oder Husten verloren wird und es zu einer belastenden Inkontinenz kommt, sollte keine Frau zögern, mit ihrem Gynäkologen darüber zu sprechen." Prof. Dr. Thomas Dimpfl, der neben seiner Tätigkeit als Klinikdirektor auch erster Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) ist, macht betroffenen Frauen Mut: "Inkontinenz ist kein unabwendbares Schicksal. Es gibt heute sehr gute Behandlungs- und Operationsmethoden."

Beckenbodenschwäche in der Schwangerschaft

Beckenbodenschwäche: So können Sie Inkontinenz vorbeugen
Vor allem in und nach einer Schwangerschaft leiden Frauen häufig an einem schwachen Beckenboden. © detailblick - Fotolia

Die obere Muskelschicht des Beckenbodens umschließt den Gebärmutterhals und die Scheide. Sie ist die wichtigste Stütze für die Gebärmutter und das ungeborene Kind. Schwangerschaft und Geburt fordern dem Beckenboden insoweit Höchstleistungen ab, die sich in einer vorübergehenden Blasenschwäche bemerkbar machen können. Prof. Dr. Thomas Dimpfl: "Die postnatale Inkontinenz kommt sehr häufig vor und reguliert sich in der Regel nach wenigen Wochen von selbst." Außerdem fühlen sich Frauen, die eine Epidural- oder Spinalanästhesie hatten, direkt nach der Entbindung oftmals so taub, dass Sie in den ersten Tagen gar nicht genau sagen können, wann Sie auf die Toilette müssen. Doch Mira gehörte zu den Frauen, die auch noch Monate nach der Geburt ihre Blase nicht richtig kontrollieren konnten. Anfangs holte sie sich Rat bei ihrer Hebamme und hoffte, dass die Rückbildungsgymnastik helfen würde. Aber schließlich wurde sie skeptisch.

"Von postnataler Inkontinenz sind besonders oft Mütter betroffen, die bereits während der Schwangerschaft eine Beckenbodenschwäche hatten und schon da das Wasserlassen nicht richtig kontrollieren konnten", erklärt Prof. Dr. Thomas Dimpfl. Aber auch Komplikationen, selektive Verletzungen und Überdehnungen des Gewebes während der Geburt können dem Beckenboden schaden und zur Inkontinenz führen. Der Gynäkologe rät: "Falls sechs bis acht Wochen nach der Entbindung noch keine Besserung auftritt, sollte das Gespräch mit einem Arzt nicht länger aufgeschoben werden."

Risiken für eine Beckenbodenschwäche

Die Risiken, eine Beckenbodenschwäche zu entwickeln, sind vielfältig. Prof. Dr. Werner Bader, der neben seiner Chefarzttätigkeit in Hannover auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Urogynäkologie (AGUB) innerhalb der DGGG ist: "Auch eine erblich bedingte Bindegewebsschwäche oder Übergewicht belasten den gesamten Halteapparat und sind damit weitere Risikofaktoren." Zudem verändert sich etwa ab dem 30. Lebensjahr die hormonelle Situation. Besonders ausgeprägt ist dieser Prozess in den Wechseljahren. Prof. Dr. Werner Bader: "Die hormonelle Umstellung bringt eine verringerte Durchblutung und damit die Veränderung der Beschaffenheit des Gewebes mit sich. Dadurch kann die Beckenbodenmuskulatur geschwächt werden." Doch auch das muss nicht zwangsläufig zur Inkontinenz führen. Sport, kontrolliertes Beckenbodentraining und gezielte Behandlung helfen nicht nur vorzubeugen, sie können auch eine bestehende Blasenschwäche wieder rückgängig machen. Prof. Dr. Werner Bader: "Selbst 50 bis 80 Prozent aller Frauen, die in Altenpflegeheimen untergebracht und inkontinent sind, könnte mit der richtigen Therapie geholfen werden."    

Als Eva schließlich mit ihrem Gynäkologen über ihre Inkontinenz sprach und sich gründlich untersuchen ließ, wurde nicht nur eine Beckenbodenschwäche, sondern auch eine Gebärmuttersenkung diagnostiziert. Der Arzt empfahl ihr, sich an ein zertifiziertes Kontinenz- und Beckenboden-Zentrum zu wenden. Prof. Dr. Werner Bader: "In diesen Abteilungen arbeiten Gynäkologen und Urologen fachübergreifend zusammen. Sie sind qualifizierte Spezialisten für Beckenboden-Therapien und Operationsmethoden." Frauen, die auf der Suche nach zertifizierten Fachärzten sind finden Hilfe auf der Homepage der AGUB.  

Eva rieten die Ärzte aufgrund ihres Alters und der Gebärmuttersenkung zunächst zur Hysterektomie mit Sacropexie, also zur Entfernung der Gebärmutter und Straffung der körpereigenen Aufhängebänder. Diesen Eingriff hat sie nun vor sich. Eva: "Ich hoffe, dass sich meine Lage danach entscheidend verbessert". Mira hat inzwischen mit einem gezielten und kontrollierten Beckenbodentraining begonnen. Beide Frauen sind sich einig: Sie wollen wieder ein unbeschwertes Leben führen, in dem die Angst vor Inkontinenz keine Rolle mehr spielt.

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