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Barbara Streidl fragt: 'Kann ich gleich zurückrufen?'

Barbara Streidl: 'Kann ich gleich zurückrufen?'
Barbara Streidl: 'Kann ich gleich zurückrufen?' © Blanvalet

Leseinfo zu 'Kann ich gleich zurückrufen?'

Eltern haben es heutzutage schwer, vor allem aber Mütter. Mit diesem Satz könnte man ganz verallgemeinernd die Kernaussage von Barbara Streidls "Kann ich gleich zurückrufen?" zusammenfassen. Doch so ganz einfach ist es nicht, und das gibt das Buch auch wieder. Eine Woche lang begleitet die Autorin den Alltag einer berufstätigen Mutter. Ständig gehetzt und bemüht, es allen recht zu machen, eilt die Frau von Termin zu Termin und vergisst dabei häufig sich selbst und nicht zuletzt auch die Beziehung zu ihrem Ehemann.

Als wäre das nicht schon Stress genug, wird die Mutter der Protagonistin zum Pflegefall und fällt somit nicht nur als Babysitter aus, sondern wird zu einer weiteren Herausforderung für die junge Familie. Denn zieht sich der Ehemann jobbedingt bis zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich aus dem Familienalltag zurück, findet an dieser Stelle der unumgängliche Umbruch statt. Beide Partner sind sich nun einig, dass sie ihre Arbeitszeit insgesamt reduzieren müssen. Ein Kind lässt sich nun mal nicht "wegorganisieren", eine kranke Mutter will betreut und eine Ehe gepflegt werden.

Über 'Kann ich gleich zurückrufen?'

Jede junge Frau, die in vergleichbarer Situation ist, kennt dieses stressige Leben und kann sich mit der Mutter identifizieren. Dennoch lässt das Buch Aspekte vermissen. Das dreijährige Kind beispielsweise mutet herrlich brav und unkompliziert an. Der Kleine ist mal krank und die Mutter hat die eine oder andere schlaflose Nacht, und auch der Weg zur Kita gestaltet sich bei der Protagonistin nicht immer reibungslos. Dennoch fehlen die Wutausbrüche, das Nicht-zu-Bett-gehen-Wollen, ja, die kleinen Kämpfe, die Eltern von Kindern in diesem Alter regelmäßig bewältigen müssen und die zusätzlich Kraft rauben und den Alltag noch anstrengender machen.

Streidls exemplarische Mutter ist im Job sehr erfolgreich, muss aber dennoch gegen Vorurteile ihrer Kollegen und vor allem ihres Vorgesetzen kämpfen. Doch schlussendlich erntet sie regelmäßig Lob. Hier gelingt es der Autorin recht gut, den Büro-Alltag einer Mutter zu abzubilden. Der Spagat zwischen der Mutter-Rolle und der Rolle der Karrierefrau lässt sich gut nachvollziehen. Wie erfülle ich alle Anforderungen meines Chefs - auch über die Arbeitszeit hinaus - hne meinem Kind mit Aufmerksamkeitsentzug zu schaden? Das ist wohl die Grundsatzfrage, die sich alle arbeitenden Mütter stellen. Ständiger Feind ist hierbei, wieder einmal, die Zeit.

Leider kann sich das Buch nicht zwischen Dokumentation, Sachbuch und Roman entscheiden. Zu detailliert beschreibt Streidl mit großem Eifer jeden noch so kleinsten Handlungsschritt der jungen Mutter, sei er auch noch so unwichtig für das Geschehen. Auch wenn hiermit der Dokumentationscharakter unterstrichen wird, schadet dieser akribische Stil dem Buch eher. Zumal die Geschichte in der Ich-Perspektive erzählt wird und so die Erwartungen auf größeren Einblick in die Gefühlswelt der Figur geschürt werden. Einige mit Fußnoten gekennzeichnete Verweise auf wissenschaftliche Abhandlungen, Zitate aus Politik und Gesellschaft oder sogar auf Gesetze verleihen dem Buch den Charakter eines wissenschaftlichen Ratgebers. So sucht man nach einer Lösung, doch die wird man nicht finden. Es gibt höchstens Denkanstöße, doch auch diese sind nicht bahnbrechend und so außergewöhnlich, dass man nicht schon selbst drauf gekommen wäre.

Über die Autorin Barbara Streidl

Barbara Streidl wurde 1972 in München geboren. Sie studierte Germanistik und Komparatistik. Sie ist Co-Autorin des Buches 'Wir Alphamädchen - Warum Feminismus das Leben schöner Macht' und Gründerin des Blogs www.maedchenmannschaft.net.

(Text: Britta Dorn)

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