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Backen, Stricken, Marmelade einkochen: Warum ist "Selbermachen" so im Trend?

Backen, Stricken, Marmelade einkochen
Retro ist im Trend © picture-alliance / Helga Lade Fo, Kurt Röhrig

Immer bloß kochen, backen, nähen? Wie cool!

Plötzlich macht alle Welt alles selber: backen, basteln, nähen, stricken, Marmelade kochen. Gestern noch abgrundtief spießig – heute völlig angesagt. Uns hat die große Lust am Häkeln und Dekorieren gepackt. Auch wenn wir das Know How dazu nicht mehr von der Großmutter überliefert bekommen, sondern es uns mühselig aus einem Youtube-Video abgucken müssen. Aber dafür ist es danach auch meins. Einzigartig. Und mit eigenen Händen und viel Liebe, Zeit und manchmal auch Flucherei erschaffen.

Von Ursula Willimsky

Fast scheint es so, als ob wir in einer Zeit voller Hektik und Termindruck die Handbremse ziehen: Jetzt stelle ich selber etwas her, und zwar in aller Ruhe. Auch wenn ich etwas Ähnliches kaufen könnte – mir geht es um die Arbeit an den Flauschsocken. Nicht um die Socken. Ein bisschen schwingt da vielleicht auch die Sehnsucht nach einer heilen Welt mit, in der man noch ohne Owners Manual über die Runden kam und am Abend sah, was man tagsüber geschaffen hatte. Aber das ganze natürlich gerne gepaart mit den Annehmlichkeiten des modernen Lebens.

Der Trend schlich sich ganz leise an: Jahrelang habe ich zum Beispiel im Spätsommer meinen Putzeimer geschrubbt, ihn an den Fahrradlenker gehängt und bin zu irgendeiner Industriebrache im inneren Bereich von Köln gefahren. Allein. Und dort habe ich dann geerntet: Brombeeren. Nicht im 125-Gramm-Schälchen für 2 Euro 30, sondern kiloweise. Und umsonst. Herrliche Beeren, direkt vom Strauch. Drei in den Eimer, eine in den Mund. Irgendwie bin ich mir dabei immer ein bisschen wie die Alte mit der Kittelschürze vorgekommen. Bis ich irgendwann nicht mehr allein war. Eines Tages standen immer mehr andere da und holten sich die Beeren. Familien, Männer, Frauen, viele davon in einem Outfit, dem man ansah, dass sie sich die 2 Euro 30 locker leisten könnten. Aber sie wollten nicht kaufen. Nein, sie wollten selber machen. Marmelade, oder noch besser Gelee, weil: Da sind keine fiesen Kerne drin.

Ab einen bestimmten Zeitpunkt wurde es dann sogar richtig schwer mit der Eigenproduktion: Freundinnen um leere Gläser zu bitten – sinnlos. Wo man früher höchstens einen irritierten Blick geerntet hätte, wurden jetzt die Gläser knallhart verweigert ("die brauch ich selber, ich hab da dieses neue Rezept für das Chutney aus grünen Tomaten").

Und heute? Wenn man heute sein Fahrrad an einen liebevoll umhäkelten Laternenmast lehnt, kann man nicht mehr sicher sein, ob nicht schon andere das Revier leergeräubert haben. Wenn sie sich ihre Ernte nicht ohnehin aus dem eigenen Schrebergarten holen. Das einstige Rentner- und Spießerparadies hat in den letzten Jahren einen flotten Wandel hingelegt: Immer mehr Familien, Singles, Studenten oder Berufstätige wollen die eigene Scholle. Um selbst anbauen zu können, was sie essen. Äcker zum Mieten, Kühe zum Leasen, Urban Gardening auf Flächen, die vielleicht schon nächstes Jahr der Keller eines Hochhauses sind: Garteln ist in. In der Kölner Südstadt lief mir kürzlich ein Wesen in kompletter Imkermontur über den Weg. Karneval hatte noch nicht angefangen – der oder die muss auf dem Weg zu seinen Bienenstöcken gewesen sein.

Auf Internetseiten kann man nachlesen, wo herrenlose Apfel-, Birnen-, Kirsch - oder Walnussbäume darauf warten, abgeerntet zu werden. Oft alte, leckere Sorten, die ansonsten tonnenweise am Baum verderben würden, weil keiner sie mehr will. Und stattdessen lieber unreifes Obst beim Discounter holt. Lebensmittel selbst ernten und weiterverarbeiten hat ja noch irgendwo eine politische Komponente. Nach all den Skandalen aus dem Lebensmittelregal wüsste man halt gerne, was da so drin ist im eigenen Essen, notfalls auch im selbstgemachen Ketchup. Und außerdem ist es irgendwie auch eine Sünde, dass so viel Essen einfach verdirbt.

Andere Freizeitbeschäftigungen, die da aus der Mottenkiste unserer Eltern plötzlich wieder in unser Leben drängen, sind schon eher sinnfreier. Nein! Sind sie nicht. Zum Beispiel stricken. In den 70er-Jahren ein politisches Statement von Kampfstrickerinnen, in den 90er-Jahren völlig muffig. Und jetzt? Jetzt strickt anscheinend die ganze Welt, gerne auch in Strickkreisen oder bei Strick-Flashmobs. Julia Roberts tut es, genauso wie Madonna, Jennifer Aniston, Cameron Diaz, Sandra Bullock und sogar Russell Crowe. Der Rest der coolen Hollywoodgang trifft sich vermutlich zum Klöppeln oder Häkeln. Und das Irritierende daran: Wo man früher Teenager nur mit Androhung von tagelangem Fernsehentzug in einen selbstgestrickten Pulli hätte zwingen können, gelten die oft eher groben Maschen wieder als modern. Vielleicht ja auch, weil es einfach nur schön ist, zwischen all den Wegwerf- und Billigklamotten ein paar Teile zu haben, die jemand mit viel Liebe und viel Zeit selbst gemacht hat. Und zwar nur für einen selbst.

Zudem gilt Stricken als gesund. Die Harvard Medical School hat schon vor einiger Zeit herausgefunden, dass es sogar gesünder und entspannender ist als Meditation. Die kann nämlich im Extremfall sogar Depressionen auslösen. Beim Stricken passiert nix. Außer natürlich totale Entspannung beim monotonen Klappern der Nadeln. Im Idealfall kommt sogar ein hübscher Pulli bei raus. Sofern man nicht – wie leider so oft - beim letzten Ärmel doch noch die Lust verliert.

Wer mit offenen Augen durch die Gegend fährt, entdeckt immer wieder Spuren der grassierenden Do-It-Yourself-Lust: Plötzlich steht auf jeder siebten Fensterbank genau so ein Engel, wie man ihn kürzlich auch selber gebastelt hat (da weiß man dann, dass auch da jemand wohnt, der dieselben Blogs und Zeitschriften abonniert hat). Die Wohnung mit eigenhändig gebasteltem Schnickschnack dekorieren. Selber backen. Einen Nähkurs belegen. Klingt alles ganz schön heimelig, aber auch fies nach 50er-Jahren: Mutti ist für anständiges Essen und ein behagliches Zuhause zuständig. Und findet darin ihre Erfüllung. Das mit der Erfüllung würden wir ja noch unterschreiben. Aber das mit dem 50er-Jahre-Mief nicht.

Erstens steht heutzutage einer erfolgreichen außerhäusigen Berufstätigkeit nichts im Wege, auch wenn man abends lieber einen Hagebutten-Kranz steckt als die Wiederholung der Sitcom zu gucken. Zweitens ist, was früher aus wirtschaftlicher Notwendigkeit getan werden musste, heute oft überraschend teuer. Schöne Wolle für einen Pulli kostet deutlich mehr als ein paar Pullis aus dem Laden. Und wer jemals an der Kasse eines Bastelladens fassungslos auf den Kassenzettel für ein paar Klebestifte, Silbermarker und Klammern, und Perlen, und Spezialmesser, und Steckkränze, und… gestarrt hat, weiß, dass es Deko in der Fußgängerzone billiger gibt.

Aber darum geht es nicht. Es geht eher darum, sich in einer hektischen, immer unüberschaubareren Welt ein Gefühl von Daheimsein zu schaffen. Etwas mit Muße (was für ein schönes, altmodisches Wort!) anzufertigen, was eben nicht nach kurzzeitigem Gebrauch in der Mülltonne landen sollte. Es geht darum, dass es genauso duften soll wie bei Mama an einem kalten Herbsttag. Und es geht darum, dass Selbermachen einfach total Spaß macht. Und einen stolz machen kann auf Dinge, die so wirklich niemand anderes hat.

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