Babyleichen in Massengrab verscharrt: Die Geschichte von Philomena Lee rührt zu Tränen

Bis Anfang der 60er Jahre ließ die Kirche Kinder an Unterernährung sterben

Teddybären und Blumen sind das hilflose Andenken an fast 800 Babyleichen, die in einem Massengrab in Irland gefunden wurden. Geboren in einem Heim der katholischen Kirche sind sie kurz darauf geradezu krepiert – an Unterernährung und Krankheit. Und das nur, weil sie unehelich geboren wurden. John Rodgers und der Sohn von Philomena Lee sind ebenfalls dort zur Welt gekommen und haben die Torturen überlebt.

Ehemaliges Heim für gefallene Mädchen in Irland
In diesem Massengrab wurden 800 Babyleichen verscharrt

Mit gerade einmal 16 Jahren wurde Johns Mutter vergewaltigt und daraufhin schwanger. Es blieb ihr damals nichts anderes übrig, als sich mit ihrem ungeborenen Kind in das katholische Heim für gefallene Mädchen zu retten. Als er ein Jahr alt war, haben die Nonnen ihn seiner Mutter weggenommen und ihn zur Adoption freigegeben. Seine Rettung! Denn bis Anfang der 1960er Jahre ließ die Kirche dort Kinder an Unterernährung sterben, nur weil sie unehelich waren. Es gibt sogar die Vermutung, dass viele Kinder nach medizinischen Versuchen gestorben seien, für die die Kirche Geld bekommen haben soll.

John und seine Mutter erlebten Barmherzigkeit nur ein einziges Mal. Da waren sie schon getrennt, aber John war noch nicht adoptiert, sondern lebte in einem anderen kirchlichen Heim. „Eine der Nonnen machte damals im Kinderheim ein Foto von mir und sie wusste, dass meine Mutter in der Wäscherei untergekommen war. Eine der ganz wenigen Nonnen, die ein Herz hatte und ein Gespür für andere Menschen. Sie hat das Bild mit der Post geschickt, ohne Absender und ohne zu schreiben, wer auf dem Bild ist, sonst hätte der Brief sie sehr in Schwierigkeiten gebracht“, erinnert sich John Rogers.

Nur schätzungsweise die Hälfte der Kinder, die in dem irischen Heim geboren wurden, haben überlebt. Sie wurden in einem Abwassertank unter dem Rasen regelrecht verscharrt. Schon in den 70er Jahren hatte ein Junge beim Spielen hier Skelette entdeckt. Doch damals wurde alles noch vertuscht. Erst heute, 40 Jahre später, gibt die katholische Kirche endlich zu, dass hier großes Unrecht geschah. Die Überlebenden suchen teilweise bis heute ihre Angehörigen.

Auch Philomena Lee gebar hier ihren Sohn

Auch für Philomena Lee, über die es inzwischen sogar einen Kinofilm gibt, ist es eine lebenslange Suche nach ihrem unehelichen Sohn geworden. Im streng katholischen Irland wurde sie 1952 zur Geburt ins Kloster geschickt und ebenfalls gezwungen, ihren Sohn Anthony danach zur Adoption freizugeben. Wohin er gebracht wurde, wurde ihr nie erzählt. Wie Johns Mutter musste auch Philomena unterschreiben, dass sie nie nach ihrem Kind suchen würde. Doch das tat sie. Sie floh aus dem Kloster und machte sich auf die Suche. Kennenlernen sollte sie ihr Kind allerdings nie. Anthony, mittlerweile in Michael umgetauft, war nämlich 1995 an Aids gestorben: „Es war wie ihn nochmal zu verlieren“, erzählt Philomena. Und auch Michael hatte zu Lebzeiten nach seiner Mutter gesucht. Er fuhr sogar in das Kloster, doch sie war schon nicht mehr da. Also ließ er sich auf dem Gelände dort sein Grab anlegen, damit seine Mutter ihn endlich doch noch finden konnte – auch nach seinem Tod.

Philomenas Geschichte wiederholt sich in Irland hundertfach. Die Dunkelziffer der erzwungenen Adoptionen unehelicher Kinder ist bis in die 80er Jahre hinein hoch. Auch John Rodgers hat später lange nach seiner Mutter gesucht – und sie gefunden. Nach 33 Jahren. „Sie war eine wundervolle Frau. Sie war außergewöhnlich. Sie war mir ein Vorbild und sie war eine Siegerin. Und ich bin in diesem Spiel auch ein Sieger.“

John fühlt sich als Sieger, weil er seine Mutter noch treffen konnte, bevor sie vor zehn Jahren starb - in Frieden mit sich selbst und mit ihrem Kind. Viele andere Adoptivkinder suchen ein Leben lang vergeblich.

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