Baby-Illusion: Jüngste Kinder bleiben Nesthäkchen für die Eltern

Zwei Geschwister halten sich im Arm
Der kleinere Bruder wird wahrscheinlich für kleiner gehalten, als er ist © Alicia Shields

"Die kleinen brauchen mehr Fürsorge"

Es ist egal, wie alt das Nesthäkchen einer Familie ist, es kann längst die 40 überschritten haben, für die Mütter ist es immer der oder die Kleine. Psychologen haben dieses Phänomen untersucht und dafür auch einen hübschen Namen gefunden: die Baby-Illusion. Mitleid mit man mit den Kleinen allerdings nicht haben, meistens geht es ihnen ziemlich gut.

Von Christiane Mitatselis

Die Studie zur Baby-Illusion stammt aus Australien. Die Forscher fanden unter anderem heraus, dass sich Mütter bei der Körpergröße ihres letztgeborenen Kindes meistens deutlich vertun – und zwar nach unten. Sie schätzten ihr jüngstes Kind im Schnitt 7,5 Zentimeter kleiner ein als es in Wirklichkeit ist. Zudem braucht das Kleine immer besonders viel Fürsorge und Aufmerksamkeit. Nebeneffekt der Baby-Illusion: Ältere Geschwister erscheinen den Eltern nach der Geburt eines kleineren sofort größer. Dabei ist es egal, ob es sich um Jungen oder Mädchen handelt.

Mütter können nichts dafür, dieses Verhalten ist von der Natur vorgegeben. In der Wildnis brauchen die Kleinen schließlich mehr Schutz, da sie zum Beispiel noch nicht so schnell rennen können, wenn Gefahr droht, etwa eine Horde Wölfe oder Löwen.

Die Kehrseite der Medaille

Wer jüngere Geschwister hat, der weiß: Mitleid sollte man mit den Kleinen auf keinen Fall haben, sie führen, zumindest als Kinder und Jugendliche, meistens ein hochbequemes Leben. Einerseits wird von ihnen sowieso weniger verlangt, da sie ja so arm und klein sind. Und andererseits boxen die Älteren bei den Eltern wichtige Dinge durch: die Anschaffung eines Hundes, die Erlaubnis, Reitstunden zu nehmen oder Fußball zu spielen, Cola zu trinken, Schokolade zu konsumieren, bei Freunden zu übernachten, mit 16 bis Mitternacht ausgehen zu dürfen – und so weiter.

Von der Grundlagenarbeit der Älteren profitieren die Jüngeren. Sie müssen sich nicht streiten, nicht kämpfen – ihnen fallen die Dinge meist in den Schoß. Simpler geht es nicht. Manchmal funktioniert es zu einfach.

Schaut man sich die Kehrseite der Medaille an, so findet man dies. Werden die Kleinen von der Mami zu sehr verhätschelt und zu wenig gefordert, so entwickeln sie im Leben keine Wettkampfmentalität. Oder anders ausgedrückt: Sie können Opfer einer Illusion werden, die im Babyalter begann. Die verwöhnten Kleinen werden im echten Leben vergeblich darauf warten, dass jemand für sie kämpft, etwas für sie tut, sofort Hilfe leistet, wenn sie nur laut genug brüllen. Irgendwann ist das Nesthäkchen kein Baby mehr, auch wenn die Mutter da lebenslang anderer Meinung sein mag.

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