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Autorin Karin Slaughter im Portrait

Autorin Karin Slaughter im Portrait
Portrait: Das ist Autorin Karin Slaughter

Karin Slaughter - hochgelobte Autorin

Wie schafft sie das nur? Ein Roman pro Jahr scheint ihr nicht genug zu sein. Karin Slaughter, die 'Thriller-Queen', wie sie einst von der BILD-Zeitung gekrönt wurde, und laut Kollegin und SPIEGEL-Bestseller-Garantin Tess Gerritsen 'eine der mutigsten aller Thriller-Autorinnen', wagt in 'Bittere Wunden' ein mehrfaches Experiment. Sie verwebt nicht nur – und das meisterhaft! – drei Handlungsstränge miteinander. Eine dieser Handlungsebenen liegt überdies so weit in der Vergangenheit, dass Slaughter selbst sich an die Zeit gar nicht mehr erinnern kann.

Aufgewachsen im Südosten der USA in einer Kleinstadt in Georgia, konnte Slaughter den Schauplatz ihrer ersten Romane – Grant im gleichnamigen County – ihrem eigenen Wohnort nachempfinden. 'Ich kenne die Menschen, die in genau so einer Kleinstadt leben', sagt Slaughter, die den Lebensmittelpunkt ihrer Romanfiguren so anschaulich schildert, dass manch einer ihrer Leser schon meinte, sie darauf hinweisen zu müssen, sie habe 'von Atlanta aus die falsche Interstate' als Reiseroute für ihre Protagonisten gewählt. Aber einen Roman zu weiten Teilen in einer Großstadt anzusiedeln, die in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts kaum der heutigen Metropole Atlanta ähnelt?

Slaughter wurde 1971 geboren. Die Handlung ihres neusten Romans setzt im Sommer 1974 ein: als die 19-jährige drogensüchtige Prostituierte Lucy Bennett an der Edgewood Avenue steht, die düstere Straße entlangsieht und auf ihre noch düsterere 'Karriere' zurückblickt. Mit 15 fing sie an, Speed zu nehmen, um abzunehmen. Dann die falschen Freunde, Meth, Heroin als Gegengift – und schließlich der Abstieg in die Prostitution.

Lucy geht in einem Viertel anschaffen, das den Rand des Geschäftsbezirks markiert. Atlanta spielte bereits lange vor dem Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle in der US-Wirtschaft – zahlreiche große Industriebetriebe trugen zu einem schnellen Wachstum der Einwohnerzahl und zu deren Wohlstand bei, doch während der Speckgürtel immer breiter wurde, verkam der Innenstadtbereich zusehends.

In den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Atlanta zur Hauptstadt der Bürgerrechtsbewegung – nicht zuletzt, weil der bekannteste Sohn der Stadt, Dr. Martin Luther King, dort in der Kirche seines Vaters predigte. Doch auch in Atlanta war manches Rassengesetz noch bis Mitte der Siebzigerjahre wirksam. Erst die Wahl Maynard Jacksons zum ersten schwarzen Bürgermeister der Stadt 1973 stellte den entscheidenden Wendepunkt zur Gleichberechtigung der farbigen Bevölkerung dar. Es sollte jedoch noch ein gutes Vierteljahrhundert dauern, bis die erste Frau das Bürgermeisteramt der Metropole bekleiden würde: Shirley Franklin (2002-2010).

Karin Slaughter: Genaue Recherche ist das A und O

Im Nachwort zu 'Bittere Wunden' zitiert Karin Slaughter den Journalisten Ben Hecht mit den Worten: 'Zu erfahren, was in der Welt vor sich geht, indem man die Zeitung liest, wäre, als wollte man die Uhrzeit allein an einem Sekundenzähler ablesen.' Trotzdem tauchte Slaughter, um sich ein Bild ihrer Heimatstadt Atlanta und einen Überblick über die gesellschaftlichen Strömungen, über Meinungsbilder, Mode, Musik und vieles mehr zu verschaffen, mithilfe eines Recherche-Profis zunächst in Zeitungsarchive ein.

Doch Slaughter wäre nicht Slaughter – und ihre Leser wissen aus den ausführlichen Danksagungen im Anschluss an ihre Romane, dass sie stets das persönliche Gespräch sucht –, wenn sie nicht auch diesmal Zeitzeugen und Experten interviewt hätte, wenn sie nicht zwischen den Zeilen gelauscht, nachgehakt und nachgebohrt hätte. Vom Dokumentarfilmer bis hin zu einer ganzen Reihe von Frauen – und Männern –, die in den Siebzigerjahren selbst in einer der Polizeibehörden Karriere machten, standen ihr Menschen mit Rat und Tat zur Seite, die das Bild ihrer Heimatstadt und einen Eindruck von der Polizeiarbeit und der Gesellschaft an sich in einer radikalen Umbruchphase lebendig werden ließen.

Als Kind der Siebziger ist Karin Slaughter jedoch ebenso aufgeschlossen gegenüber dem Internet. Und sie hat nicht nur zu Recherchezwecken Fotos ihrer Heimatstadt aus früheren Jahrzehnten gesichtet. Sie ist darüber hinaus auch eine der umtriebigsten Autorinnen auf Facebook und beherrscht die Klaviatur der neuen Medien aus dem Effeff, lässt ihre Leserinnen und Leser an Footballspielen ihrer Lieblingsmannschaft, den Auburn Tigers, teilhaben, empfiehlt Bücher von Schriftstellerkollegen, die sie selbst gerade mit Genuss gelesen hat, und nimmt sich nicht selten selbst auf die Schippe: 'War gerade 45 Minuten auf dem Heimtrainer. Ich glaube, morgen schalte ich ihn sogar an.' Ein zwickender Hosenbund? Ein ungehorsames Haustier? Ein neues Cupcake-Rezept? Daten der bevorstehenden Lesereise?

Karin Slaughter gibt viel von sich selbst preis. Am meisten aber beeindrucken derzeit ihre Umtriebigkeit und ihr Arbeitseifer. Ein Roman pro Jahr scheint ihr, wie gesagt, nicht genug zu sein. Sie schreibt Kurzgeschichte, Prequels zu ihren Romanen, Sequels – Vorgeschichten, Übergänge, Zwischenepisoden, Nachbetrachtungen zu ihren 'großen' Texten, die sie mal exklusiv im Internet, mal als gedruckte Bücher veröffentlicht. Und zumindest ihre 'großen' Texte werden schon bald nicht mehr nur auf Buchseiten und Reader-Displays zu sehen sein: Die Verfilmung der Grant-County-Serie ist seit einigen Monaten in trockenen Tüchern. Die Filmrechte hat sich die Produktionsfirma Entertainment One gesichert – und Tausendsassa Slaughter wird am Drehbuch für den Pilotfilm mitarbeiten. 'Ich bin begeistert, mit denselben Produzenten arbeiten zu dürfen', so die Autorin, 'die auch schon ein paar Romane von Stephen King verfilmt haben!'

Wir dürfen gespannt sein, was die kleine Blondine aus den Südstaaten der USA noch ausheckt – spannend wird es allemal!

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