Australische Polizei betreibt Kinderporno-Seite, um Täter zu fassen

8.000 Missbrauchsfälle im letzten Jahr zu den Akten gelegt
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Australische Polizei: "Wir haben ein Ziel: den sexuellen Missbrauch von Kindern zu stoppen“

Ein Jahr lang betrieb eine australische Sondereinheit eine kinderpornographische Seite. Die Sonderermittler „sahen zu, wie Verbrechen geschehen“, so formuliert es der 'Stern'. Und sie veröffentlichten selbst Kinderpornographie, um „glaubwürdig“ zu bleiben. Welche Gewissenkonflikte müssen die Beamten in dieser Zeit durchlitten haben? Das Protokoll einer Ermittlung im Darknet.

Von Ursula Willimsky

Immer wieder sehen sich die Kinderporno-Ermittler gezwungen, eine Grenze zu überschreiten

Australische Polizei betreibt Kinderporno-Seite, um Täter zu fassen.
Reporter der norwegischen Zeitung 'Verdens Gang' kamen auf die Spur der Polizisten, einigten sich aber mit den Polizisten noch zu schweigen, um mehr Täter zu finden. © dpa, Uwe Zucchi

"Wir haben ein Ziel: den sexuellen Missbrauch von Kindern zu stoppen“, begründete der Leiter der Australischen Task Force dieses Vorgehen, dafür würden er und seine Mitarbeiter „alles tun, was innerhalb der Gesetzgebung nur möglich ist". Unter dem Decknamen 'Artemis' ermittelten sie in einer großangelegte Geheimoperation, in der seine Sondereinheit, das U.S. Department of Homeland Security sowie kanadische und europäische Polizeibehörden eng zusammenarbeiteten; schließlich kennt auch die Verbreitung von Kinderpornographie keine politischen Grenzen. Das Ziel: So viele Täter wie möglich zu identifizieren und zu fassen.

Möglich wurde die Geheimoperation durch eine Festnahme und ein Geständnis. Die Task Force konnte die Identität eines Plattform-Moderators übernehmen und mit seinem Account überwachen, wer auf dieser Website aktiv war. Ein erster Schritt. Die Betreiber der Plattform jedoch blieben zunächst unbekannt. 

Kinderporno-Ermittler übernehmen die Seite verdeckt

Die Beamten mussten weiter warten und beobachten. Als eine zweite Plattform im Netz auftaucht, gibt ein Geheimdienst einen entscheidenden Tipp: Beide Plattformen würden vermutlich von denselben Männern betrieben. Und diese Männer machten Fehler, die sie identifizierbar machten. Die Spuren führen zu einem jungen Mann in Tennessee und zu einem jungen Kanadier.

Wieder entschließt sich die Sondereinheit dazu, zu warten: Die Männer scheinen sich persönlich zu kennen. Würden sie nicht absolut zeitgleich verhaftet, hätte der andere die Chance, alle Beweise zu vernichten. Erst als die beiden sich treffen, schnappt die Falle zu. Beide Täter gestehen und verraten den Sonderermitteln Benutzernamen, Passwörter und Verschlüsselungscodes.

Nun können die Ermittler die Websites aktiv übernehmen. Sie transferieren die Seiten auf einen Server in Sidney, um nach australischem Recht handeln zu können. Dort werden Ermittlern weitgehende Rechte eingeräumt, auch das Verbreiten von kinderpornographischem Material. Und genau das taten die Ermittler der Task Force Argo. Monatelang.

Reporter deckten alles auf - und schwiegen, bis die Polizei zuschlagen konnte

Die Zahl der Konten steigt von 427.000 auf über eine Million, die Ermittler machen weiter - selbst als Reporter der norwegischen Zeitung  "Verdens Gang" aufdecken, dass eine der inzwischen größten kinderpornographischen Seiten der Welt von einer Polizeieinheit betrieben wird. Die Beamten überzeugen die Reporter zu schweigen. Solange, bis sie genug Beweise und Namen gesammelt haben, um möglichst viele Kinderschänder überführen zu können.

Frage 1 von 1:

Ist die Ermitllungs-Aktion der australischen Polizei moralisch vertretbar?

ODER

Wie oft mögen die Kinderporno-Ermittler in dieser Zeit an ihrem Tun gezweifelt haben?

Immer wieder sehen sich Ermittler gezwungen, eine Grenze zu überschreiten. Zum Beispiel, wenn sie – wie jüngst in Deutschland – Opferfotos veröffentlichen müssen, um das missbrauchte Kind und damit auch den Täter identifizieren zu können

Auch hier wurde eine Grenze überschritten und dadurch ein Kind gerettet. Als das FBI 2015 eine verdeckte Operation ähnlich der Operation „Artemis“ durchführte, konnten laut „Stern“ nach Angaben der US-Behörde 870 Menschen festgenommen und 259 Kinder gerettet werden.

Die australischen Sonderermittler nahmen nach einem Jahr des Beobachtens, Überwachens und Ermittelns die Seite aus dem Netz. Wie oft mögen sie in dieser Zeit an ihrem Tun gezweifelt haben und daran verzweifelt sein? Ihre Fahndungsmethode war durch die australischen Gesetze legitimiert, doch die Frage, bis zu welchem Punkt der übergeordnete Zweck die Mittel rechtfertigt, wird sich ihnen vermutlich immer wieder gestellt haben. Auch Ethiker, Juristen, Philosophen und Politiker beschäftigt die Suche nach dieser Antwort seit Jahrhunderten.

Angeblich kennen die „Artemis“-Ermittler nun bis zu 90 Namen, die „primäre Ziele“ sind. Die ursprünglichen Betreiber der Websites wurden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Laut "Verdens Gang" haben allein die Behörden eines Landes weitere 900 Personen im Visier. Die kanadische Polizei gab an, ein Dutzend Kinder identifiziert und gerettet zu haben. Die Task Force Argo selbst will laut 'Stern' keine Zahlen nennen.

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