FAMILIE FAMILIE

Auslandadoption: Mehr Probleme?

Adoption: Farm der zurückgegebenen Kinder
Nicht selten bleiben Adoptivkinder bis zur Volljährigkeit in der Farm für zurückgegebene Kinder. © picture-alliance / ZB, Patrick Pleul

Adoption: Farm der zurückgegebenen Kinder

Das Schicksal des kleinen Artyom, den seine Adoptivmutter zurück in sein Geburtsland Russland geschickt hatte, bewegt die Menschen. In einem Brief hatte die 34-Jährige gefordert, die Adoption zu annullieren. "Dieses Kind ist psychisch instabil, gewalttätig und hat ernste psychopathische Probleme", schrieb sie. Sie habe um ihr eigenes Leben, das ihrer Familie und ihrer Freunde gefürchtet: "Es tut mir leid es zu sagen, aber... ich will nicht mehr Mutter dieses Kindes sein."

Von Ursula Willimsky

Ein emotionaler Offenbarungseid, den offenbar einige Adoptiveltern leisten müssen: Ich will und kann nicht mehr die Mutter dieses Kindes sein. Für Adoptivkinder, die nicht mehr in ihren neuen Familien bleiben können, gibt es in den USA inzwischen sogar eine eigene "Auffangstation": Die Ranch for Kids. An die Farm für Kinder können sich Adoptiveltern wenden, wenn sie sich nicht mehr in der Lage sehen, ihre Kinder zu betreuen, weil diese zum Beispiel schon im Grundschulalter äußerst gewalttätig sind.

Wagnis Auslandsadoption: Kinder zurückgeben ist keine Lösung

30 Kinder und Jugendliche werden derzeit auf der Farm betreut. Für mehr ist kein Platz frei, immer wieder muss die Leiterin der Farm Eltern abweisen. Angeblich enden bis zu zehn Prozent der Auslandsadoptionen in den USA im Desaster. Für Deutschland gibt es keine Untersuchungen, wie erfolgreich Adoptionsverhältnisse funktionieren - oder wie oft sie scheitern. Claudia Flynn, die Leiterin der zentralen Adoptionsstelle im Bayerischen Landesjugendamt, weiß allerdings, dass Auslandsadoptionen für die Eltern oft eine größere Herausforderung darstellen als die Adoption eines Kindes aus Deutschland. Allein schon die "andere" Hautfarbe müsse von den Eltern kompensiert werden. Man falle einfach immer auf. Und später bekomme das Kind dann immer wieder zuhören: "Du sprichst aber gut deutsch!" Hinzu komme, dass häufig die Vorgeschichte des Kindes nicht vollständig dokumentiert sei. Oder dass von vorneherein nur behinderte, kranke oder ältere Kinder von ihrem Heimatland zur Auslandsadoption freigegeben würden. Besondere Aufgaben also, auf die die Adoptionswilligen in langen Gesprächen vorbereitet würden.

Ab dem Zeitpunkt der Adoption wird das Kind rein rechtlich wie ein leibliches Kind behandelt. In Deutschland stehen, falls es in der Familie Schwierigkeiten gibt, den Eltern dieselben Beratungs- und Hilfsangebote der Jugendämter zur Verfügung wie jeder Familie. Bis hin zur Unterbringung des Kindes in einer Pflegefamilie oder einem Heim.

Traumatisierte, misshandelte Kinder, denen durch eine Adoption ein neues, liebevolles Zuhause geschenkt werden soll. Zumindest aus den USA weiß man, dass dies nicht immer funktioniert. "Die Kinder dann wieder in ihr Geburtsland zurückzuschicken, ist wohl selten die beste Lösung", ist auf der Homepage der "Ranch for Kids" zu lesen. Die gemeinnützige Organisation will stattdessen mit intensiver Betreuung den Kindern - und den überforderten Eltern - helfen. Sie müssen sich mit Fünfjährigen auseinandersetzen, die versucht haben, zu töten. Mit Kindern, die sich selbst verletzen, die kein Mitgefühl für sich und andere kennen.

Manchmal genügen ein paar Monate auf der Ranch, und das Kind kann sogar wieder zurück zu seiner Adoptionsfamilie. Manchmal muss das Kind länger betreut werden - und es muss eine neue Familie gefunden werden. Denn nicht alle Eltern, die ihr Kind auf der Ranch abgeben, wollen es wieder aufnehmen - zu traumatisch war für sie die Zeit mit dem Kind. Etwa ein Drittel der Kinder gehen in ihre Familie zurück, ein Drittel wird erneut adoptiert - und ein Drittel bleibt bis zur Volljährigkeit auf der Ranch. Und nicht wenige von ihnen würden danach direkt ins Gefängnis kommen. Denn in den USA fehlen geschlossene psychiatrische Anstalten.

Für US-Eltern, deren Adoption derartig erschreckend endet, bedeutet die Unterbringung ihres Kindes auf der Farm nicht nur eine große emotionale Belastung. Die "Ranch for Kids", auch wenn sie nicht-kommerziell arbeitet, ist teuer. 2500 bis 3500 Dollar im Monat allein für die Betreuung. Dazu kommen noch Kleider-Pauschalen oder auch 180 Dollar im Monat für ein eigenes Pferd - falls gewünscht.

Das ganze mag ein bisschen nach "Unsere kleine Farm für reiche Adoptiveltern" klingen - aber für die Familien, denen es gelingt, einen Platz auf der Ranch zu ergattern, ist es oft die letzte Hoffnung. Darauf, dass ihrem Kind geholfen wird und es doch noch ein glückliches Mitglied der Gesellschaft wird.

Anzeige