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Aufwachsen ohne Vater: Ist ein "Leihvater" die Lösung?

Aufwachsen ohne Vater: Ist ein "Leihvater" die Lösung?
© dpa, Patrick Pleul

"Leihväter" für Kinder Alleinerziehender?

Kinder brauchen Väter – und wenn die immer weniger präsent sind oder sich verweigern, brauchen Kinder eben andere Männer. Männer, die Lust und Freude haben, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, die sie respektieren und sich gern kümmern. Immer mehr Eltern, vor allem Alleinerziehende, wünschen sich deshalb männliche Betreuer. Warum aber sind die so wichtig für die Entwicklung von Mädchen und Jungen?

Von Merle Wuttke

Kindererziehung? Ist immer noch – oder leider wieder – vor allem Frauensache. Gab es vor 30 Jahren an Grundschulen noch einen Männeranteil von ca. 40 Prozent, ist dieser mittlerweile auf klägliche zwölf Prozent gesunken. Kinder wachsen im Prinzip bis sie zehn, elf Jahre alt sind und auf weiterführende Schulen wechseln, nur unter Frauen auf – abgesehen vom eigenen Vater zu Hause. Nur wird auch der aufgrund von Trennungen immer seltener. So fehlen männliche Vorbilder, vor allem den Jungen alleinerziehender Mütter, deren Väter kein Interesse mehr haben sich um sie zu kümmern. Die Lösung? Leih- oder Tagesväter, wie es sie in Großstädten wie Hamburg oder Berlin bereits gibt. Man kann sie in Agenturen stundenweise buchen - für nur sieben Euro.

Gerade alleinerziehende Frauen entdecken mehr und mehr die Vorteile des männlichen Babysitters: Endlich müssen sie nicht länger beide Rollen – Mutter und Vater – ausfüllen. Ein Leihvater tut all die Dinge mit dem Kind, auf die man als Mutter meist weniger Lust hat: Spaßkämpfe, Fußballgespräche, Automarken erraten, Laubsägearbeiten, Blöde-Witze-Erzähl-Meisterschaften. Außerdem erfährt das Kind so ganz nebenbei, dass es eben doch Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt. Im Denken, im Handeln, in der Kommunikation.

Falschen Rollenbildern vorbeugen

Dass Kinder männliche Vorbilder brauchen, die zur Vaterfigur taugen, ist in der Forschung seit langem unbestritten. Gerade Jungs müssen lernen, sich mit dem eigenen Geschlecht zu identifizieren und sich dabei von der Mutter abgrenzen zu können, ohne sich auf verlorenem Posten zu fühlen.

Und sie müssen begreifen und erleben, dass die meisten Männer auch nur

Menschen sind und eben keine Superhelden oder knallharte Typen, wie es ihnen durch das immer noch viel zu überzogene Männerbild in den meisten Medien weisgemacht wird. Jungs, die ohne reales männliches Vorbild aufwachsen, entwickeln nämlich später häufig ein eher abwertendes Frauenbild. Aber auch Mädchen brauchen eine männliche Figur in ihrem Leben, damit sie sich selbstbewusst mit ihrem eigenen Geschlecht auseinander setzen können.

Das alles haben viele Kindergärten und Schulen natürlich schon längst erkannt und buhlen daher um männlichen Nachwuchs. In Bremen etwa gibt es die Aktion „Rent a Teacherman“, mit der man versucht, gezielt Männer an die Schulen zu holen, wenn auch nur stundenweise. Und in Hamburg, wo der Anteil von Männern in den Kitas bundesweit am höchsten liegt, startete man vor drei Jahren sehr erfolgreich eine Kampagne, in der junge coole Erzieher auf Werbeplakaten vorgestellt wurden. Dadurch wollte man mehr Männer für den Beruf gewinnen. In der Hansestadt gibt es auch etliche Tagesväter, die sogar Krippenplätze anbieten – und aufräumen mit dem Vorurteil, ein Mann könne nicht mit Kleinkindern umgehen.

Denn: Männer öffnen Kindern den Blick für eine andere, eine männlichere Welt. Und das ist im deutschen Pädagogikwesen dringend nötig.

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