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Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom: Einschulungsalter beeinflusst ADHS-Wahrscheinlichkeit

Vorsicht bei zu früher Einschulung
Vorsicht bei zu früher Einschulung Viele Kinder leiden unter ADHS 00:02:05
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September-Kinder haben häufiger ADHS

Kinder, die zum Tag der Einschulung noch nicht sechs Jahre alt sind und damit die Jüngsten in ihrer Klasse, erhalten häufiger die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) und eine entsprechende Medikation als ihre älteren Klassenkameraden.

Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom: Einschulungsalter beeinflusst ADHS-Wahrscheinlichkeit
© dpa, Julian Stratenschulte

Die Einschulung ist ein großer Tag für alle Kinder und auch ihre Eltern. Viele fiebern diesem Tag voller Erwartung entgegen. Sechs Jahre müssen Kinder in Deutschland sein, um in die Grundschule gehen zu können, aber einige sind am Tag ihrer Einschulung auch erst fünf Jahre alt. Diese Kinder feiern ihren sechsten Geburtstag erst nach der Einschulung, aber noch vor dem 30. September, dem Stichtag für die Einschulung.

Viele Eltern machen sich Gedanken, ob ihr Kind schon alt genug ist, ob es im Vergleich zu den teilweise fast ein Jahr älteren Klassenkameraden nicht noch zu jung und unreif ist. Ihre Sorge ist durchaus berechtigt, wie jetzt eine aktuelle Studie zeigt: Kinder, die im Monat vor dem Stichtag geboren wurden und daher bei der Einschulung sehr jung sind, erhalten häufiger einer ADHS-Diagnose – und eine medikamentöse Therapie – als jene Kinder, die im Monat nach diesem Stichtag geboren wurden und daher bei der Einschulung beinahe ein Jahr älter sind als die Jüngsten.

Zu diesem Ergebnis kommen die Wissenschaftler vom Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Zusammenarbeit mit Forschern der Ludwig-Maximilians-Universität München in einer neuen Studie.

Für diese Studie haben die Wissenschaftler erstmals bundesweite und kassenübergreifende ärztliche Abrechnungs- und Arzneiverordnungsdaten von rund sieben Millionen Kindern und Jugendlichen zwischen vier und 14 Jahren aus den Jahren 2008 bis 2011 analysiert.

Resultat: Von den jüngeren Kindern, die im Monat vor dem Stichtag geboren sind, erhielten im Schnitt im Laufe der nächsten Jahre 5,3 Prozent eine ADHS-Diagnose, bei den älteren Kindern, die im Monat nach dem Stichtag geboren, lag der Prozentsatz bei 4,3 Prozent.

Altersgemäße Unreife werde als ADHS interpretiert

Diese Erkenntnisse sind nicht neu und decken sich mit Ergebnissen vergleichbarer Studien aus anderen Ländern. Eine der Ursachen für das gehäufte ADHS-Aufkommen ist laut der Forscher der Vergleich mit den älteren Schülern in der Klasse. Impulsivität, Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit seien bei den jüngeren Kindern noch stärker ausgeprägt. Diese altersgemäße Unreife werde - im Vergleich zu den älteren Kindern im Klassenverband - möglicherweise als ADHS interpretiert.

Besonders in Klassenkonstellationen, in denen das Lernen erschwert ist, beispielsweise durch die Klassengröße oder einen höheren Anteil ausländischer Kinder, wird der Zusammenhang zwischen relativem Alter und ADHS-Diagnose besonders deutlich. "Möglicherweise fällt bei schwierigeren Unterrichtsbedingungen die relative Unreife jüngerer Kinder in der Klasse stärker auf", sagt Dr. med. Jörg Bätzing-Feigenbaum, Seniorautor und verantwortlich für den Versorgungsatlas.

Auch ein höherer Bildungshintergrund der Eltern verstärkt den Zusammenhang. Wenn diese Eltern merken, dass ihr Kind, nicht so konzentriert arbeitet und ruhig sitzen bleiben kann, wie die anderen, wächst nach Darstellung der Studienautoren offenbar ihre Sorge, das Kind werde abgehängt.

Auffällig in der Studie - und deckungsgleich mit vielen früheren Studien in anderen Ländern - sind die deutlichen Zusammenhänge zwischen Geburtsdatum und Einschulungsalter. "Unsere Studie zeigt, dass die traditionelle Einschulungspolitik, bei der die Schulpflicht an gegebene Stichtage geknüpft wird, die Diagnosehäufigkeit psychischer Erkrankungen bei Kindern beeinflussen kann", schreiben die Autoren der Studie.

Die Forscher rund um Studienleiterin Amelie Wuppermann fordern aus diesem Grund, über Änderungen in der Einschulungspolitik nachzudenken, etwa über eine Flexibilisierung der Schuleingangsphase.

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