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Attachment Parenting: Jahrelanges Stillen für emotionalere Bindung zum Kind?

Wie lange sollte eine Mutter ihr Kind stillen?

Es gibt Zeitschriften-Cover, die einen geradezu zum Hinschauen zwingen. So wie die aktuelle Ausgabe des "Time-Magazins". Eine blonde junge Frau blickt da selbstbewusst in die Kamera. Den Arm hat sie um ihr Kind gelegt – dem sie gerade die Brust gibt. Bisher eigentlich noch kein Hingucker – doch das Kind ist fast vier Jahre alt, es ruht nicht mehr auf dem Arm der Mutter, sondern steht aufrecht auf einem kleinen Schemelchen, damit es an die Milchquelle kommt. Der Junge ist also eindeutig in einem Alter, in dem er nicht mehr auf Muttermilch angewiesen ist. Gestillt wird er trotzdem, genauso wie sein älterer Bruder, der fünf Jahre alt ist.

Attachment Parenting: Jahrelanges Stillen für emotionalere Bindung zum Kind?
Attachment Parenting: Jahrelanges Stillen für emotionalere Bindung zum Kind?

Von Ursula Willimsky

Jamie Lynne Grumet, so der Name der Langzeit-Stillenden, ist durch und durch Mutter. Sie ist ein Fan eines Erziehungsstils, der sich "attachment parenting" nennt, also einer Elternschaft, die sehr bindungsorientiert ist. Die wichtigsten Eckpfeiler: Enger Körperkontakt – zum Beispiel durch Tragetücher. Nächtliche Geborgenheit, indem das Kind bei den Eltern schläft. Und, ja, langes Stillen.

In den USA ist Stillen ohnehin zur Zeit ein großes Thema. Frauen treffen sich zu öffentlichen "Nurs-Ins", wo gemeinsam gestillt wird, um die amerikanische Öffentlichkeit an das Bild einer Frau zu gewöhnen, die ihrem Baby auch außerhalb der eigenen vier Wände die Brust gibt. Während in Deutschland, so haben viele Mütter den Eindruck, eher die schief angeguckt werden, die ihrem Baby ein Fläschchen geben.

Die Diskussion um das Stillen, darüber, wie lange man Stillen sollte, nimmt teilweise dogmatische Züge an. In Großbritannien zum Beispiel vergibt eine Supermarkt-Kette auf nahezu alle verkauften Produkte Bonus-Punkte. Nur nicht auf Babymilch-Pulver. In Aufklärungs-Kampagnen soll den Frauen die Mu-Mi schmackhaft gemacht werden. Länder werden nach Stillquoten beurteilt (Spitzenreiter: Norwegen. Dort werden etwa 80 Prozent der Babys mindestens sechs Monate lang gestillt).

Sollten Kinder mit sechs Jahren noch gestillt werden?

Und ab und an prescht eine Mutter eben ganz weit vor, so wie Jamie Grumet. Sie wurde von ihrer Mutter ebenfalls jahrelang gestillt, hat daran nach eigener Aussage nur die besten Erinnerungen – und will genau dieses Gefühl jetzt an ihre Kinder weitergeben. In einem Blog lässt sie alle an ihren Erfahrungen teilhaben. So hat sie ihren Sohn angeblich auch schon mal in der Playboy Mansion gestillt, weil ihr das als ein sehr passender Ort erschien. Und jetzt stillt sie ihn eben auf dem Cover des Time-Magazins. Was irgendwie, ja, befremdlich wirkt.

Man fragt sich unwillkürlich, wo sie ihr großes Kind sonst noch stillt. Vielleicht in der Spielpause beim Football-Turnier? Und später dann auf dem Schulfest? Oder ist es tatsächlich so, dass das Kind irgendwann sagt: "Nein, Mom! Ich will nicht mehr an die Brust. Kauf mir lieber ´ne Cola!" und damit selbst bestimmt, wann es Zeit ist, sich von der Brust abzunabeln?

In vielen Kulturen sei es ganz normal, dass Kinder übers zweite Lebensjahr hinaus gestillt würden, führen die Verfechterinnen des Langzeit-Stillens gerne als Argument an. Und für das Kind sei es das Beste, so lange wie möglich diesen intensiven körperlichen Kontakt zur Mutter zu haben. Mütter, die nicht stillen wollen oder nicht können, kommen da häufig schnell in eine Rechtfertigungsposition.

Die Frage, wann man am besten abstillt, kann zur Streitfrage werden. Zwischen "nach vier Monaten konnte ich es einfach nicht mehr ertragen" bis zu Grumet´schen Still-Dimensionen ist alles möglich. Und wie so oft auch mit diversen "wissenschaftlichen" Theorien zu belegen. Unstrittig scheint nur zu sein, dass Muttermilch tatsächlich wegen ihrer komplexen Inhaltsstoffe als sehr gesund fürs Baby gilt, weil alles drinsteckt, was so ein kleines Wesen braucht. Die Welt-Gesundheits-Organisation empfiehlt, zumindest sechs Monate lang zu stillen.

Wie viele Tage, Wochen, Monate oder Jahre Mama dann tatsächlich dem Kind die Brust anbietet, muss wohl jede für sich selbst entscheiden.

"Are You Mom Enough?" lautet die Schlagzeile neben dem Time-Titelbild. Und genau das würde uns auch interessieren: Glaubt Ihr, dass es die perfekte Ernährung fürs Baby gibt, die Kind und Mutter zufrieden macht? Wie sind Eure Erfahrungen rund ums Stillen? Oder eben als Mutter mit Thermoskanne und Milchpulver? Und was meint Ihr: Wann sollte Schluss sein mit der Muttermilch?

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