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Astronautinnen: Warum gibt es so wenig Frauen im All?

Frauen im All
"Es wird Zeit für mehr Frauen im All" © dpa, Alexander Gerst

„In Deutschland haben wir ein Henne-Ei-Problem“

Unser Mann im All ist zurück auf der Erde. Noch nie zuvor hatte ein Raumfahrer die Menschen so hautnah an seiner Mission teilhaben lassen: Tweets, Live-Schalten, unvergleichliche Bilder. Alexander Gersts Weltraumfahrt kennt jeder. Er ist der elfte deutsche Mann im All. „Und jetzt wird es Zeit, dass auch mal eine deutsche Frau diese Chance bekommt!“. Das findet Claudia Kessler. Sie ist Geschäftsführerin der Europäischen Firmenholding von HE Space. Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt. Und eine, die immer Astronautin werden wollte, es aber nicht durfte. Mal war sie zu jung für das Auswahlverfahren – und dann war sie zu alt. Der Branche ist sie trotz gescheitertem Kindheitstraum treu geblieben und fördert nun den weiblichen Nachwuchs, der nicht nur nach den Sternen greifen, sondern ihnen tatsächlich auch nahe kommen will.

Von: Ursula Willimsky

In der Luft- und Raumfahrttechnik ist das Verhältnis Mann/Frau ähnlich wie im Psychologie-Studium, nur umgekehrt: Man bleibt weitgehend unter sich. Das schlägt sich auch bei den Bewerbungen für Raumfahrtprogramme nieder. Beim letzten Aufruf der ESA im Jahr 2008 bewarben sich fast 10.000 Menschen um einen Platz in der Raumkapsel – davon waren nur 16 Prozent Frauen (ein Prozentsatz, der in etwa dem aktuellen Anteil der Frauen bei Maschinenbau- und Ingenieursstudiengängen entspricht). Kein Wunder also, dass statistisch gesehen nur alle 18 Jahre eine europäische Frau zu einer Mission startet, aber alle 1,05 Jahre ein europäischer Mann Richtung Mond geschossen wird.

„In Deutschland haben wir ein Henne-Ei-Problem“, sagt Kessler, „uns fehlen einfach die weiblichen Vorbilder, wenn es um Astronautinnen geht.“ Dabei spiele auch das Auswahlverfahren selbst eine Rolle: „In den USA haben sie alle zwei Jahre die Chance. Hier in Europa kann es noch zehn Jahre dauern, bis die Esa wieder jemanden braucht.“ Beim letzten Auswahlverfahren blieben von den 10.000 Bewerbern sechs übrig – unter ihnen Alexander Gerst und die Italienerin Samantha Cristoforetti, eine Kampfpilotin, die Ingenieurswissenschaften sowie Luft- und Raumfahrttechnik studierte.

Wenn sie Ende des Monats in den Orbit startet, wird sie dort Jelena Serowa treffen. 400 Kilometer über uns werden dann immerhin zwei Frauen gleichzeitig im All arbeiten. Eine Seltenheit. In der Regel ist die europäische Raumfahrt männlich, „so wie es leider bei allen technik-lastigen Studiengängen der Fall ist“, sagt auch Claas Olthoff vom Lehrstuhl für Raumfahrttechnik an der TU München. Dabei würden er und seine Kollegen sich mehr Frauen im Hörsaal wünschen: „Die haben andere Fähigkeiten und gehen oft aus einem anderen Blickwinkel an die Sache heran. Von einer besseren Mischung würde das Fachgebiet auf jeden Fall profitieren.“

Der Frauenanteil im Lehrgang Raumfahrttechnik ist gestiegen

Immerhin hat sich in den letzten Jahren schon einiges getan in Sachen Frauenanteil. Derzeit, schätzt Olthoff, liegt er in München bei etwa 10 Prozent. Als Kessler an der TU studierte, war sie im Bereich Luft- und Raumfahrttechnik die einzige Frau. Schon als Kind war sie vom Raumfahrt-Virus ergriffen, als sie als Vierjährige die Mondlandung im Fernsehen beobachtete. Von diesem Zeitpunkt an wollte sie Astronautin werden. Den Sprung ins All schaffte sie angesichts der nur sporadischen Auswahlverfahren nicht, aber heute will sie jungen Frauen helfen, einen ähnlichen Traum zu verwirklichen. Vor fünf Jahren gründete sie „Women in Aerospace Europe“. Ein international agierendes Netzwerk, das Frauen in der männlich dominierten Branche zusammenbringen und ihnen eine Tür öffnen will. Vielleicht sogar in Richtung Himmel.

Als Unternehmerin leitet sie die deutsche Niederlassung eines niederländischen Unternehmens, das sich auf die Vermittlung von Ingenieuren für die Luft- und Raumfahrt spezialisiert hat. „Wir suchen für spezielle Projekte den besten Ingenieur – und haben inzwischen einen Frauenanteil von 40 Prozent“, sagt Kessler, „das liegt ein bisschen auch daran, dass Frauen Frauen anziehen. Wo eine Chefin und viele Kolleginnen sind, bewerben sich Frauen lieber.“ Ihre Mitarbeiterinnen werden so schnell nicht von der Erdoberfläche verschwinden. Aber junge Mädchen, die in den kommenden Jahren die Schule beenden, könnten diese Chance bekommen. Und bis es soweit ist, können sie sich zum Beispiel auf der facebook-Seite der WEA („Die Astronautin“) einstimmen.

Das ideale Alter für Astronautinnen liegt bei Anfang 30. Bei den Eignungstests spielt die körperliche Leistungsfähigkeit eine Rolle, aber Bewerberinnen müssen unter anderem auch psychologische Tests bestehen, bei denen es um mathematisch-logisches Denken und Merkfähigkeit geht. Und sie müssen beweisen, dass sie mehrfach belastbar sind. Klingt fast ein bisschen wie die Berufsbeschreibung einer mehrfachen Mutter, die zwischen gleichzeitigen Büroschluss und Hortschließung noch schnell die Zutaten für 50 Geburtstagsmuffins berechnen muss. Sollte sich die Mutter tatsächlich dazu entschließen, Astronautin zu werden, sollte sie außerdem Hobbys wie Fallschirmspringen oder Bergsteigen aktiv ausüben, so ein Tipp von Kessler. Und ein technisch-orientiertes Studium schadet auch nicht. Genauso wenig schadet es, in diesem Fach sehr gut zu sein. Es muss ja nicht zwingend Luft- und Raumfahrttechnik sein. Gerst zum Beispiel hat Geowissenschaften studiert, alles aus dem Bereich Naturwissenschaften, Medizin und Technik hat eine Chance. Germanistinnen müssen aber leider auch in Zukunft auf dem Boden bleiben.

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