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Arzneimittel-Report 2012: "Frauen werden in die Abhängigkeit therapiert"

Alarmierender Arzneimittel-Report 2012

Ist die Verordnung von Pillen immer streng medizinisch begründet? Das Fazit einer neuen Studie lautet: keineswegs. Auch werden Frauen oft ohne erkennbaren Grund anders behandelt als Männer. Ärzte in Deutschland verschreiben Frauen mehr Arzneimittel als Männern. Insbesondere der häufige Einsatz von Psychopharmaka ist medizinisch riskant. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht ein Heer von Abhängigen erzeugen“, sagte der Professor am Bremer Zentrum für Sozialpolitik.

Arzneimittel-Report 2012: "Frauen werden in die Abhängigkeit therapiert"
Arzneimittel-Report 2012: "Frauen werden in die Abhängigkeit therapiert" © dpa, Thomas Lehmann

Auf 100 Frauen entfielen im vergangenen Jahr im Schnitt 937 Verordnungen. Damit lagen sie 22,3 Prozent über den Männern, die auf 763 Verordnungen kamen. Das geht aus dem Arzneimittelreport 2012 der Krankenkasse Barmer GEK hervor.

Frauen bekommen dabei zwei- bis dreimal mehr Psychopharmaka als Männer. Medizinisch seien die Unterschiede kaum begründbar. Nach Angaben der Autoren der Studie bergen die Psychopharmaka zudem ein hohes Risiko, abhängig zu machen.

"Frauen gehen offener mit ihren psychischen Beschwerden um", sagte Glaeske. "Anstatt dass die Ärzte ihnen zu einer psychologischen Behandlung raten, verschreiben sie ihnen zu oft Arzneimittel. Frauen werden oft in die Abhängigkeit hineintherapiert."

Medikamentensucht beginnt oft ab 45

Typischerweise beginne so eine Karriere der Medikamentensucht im Alter zwischen 45 und 50 Jahren. Die Kinder seien aus dem Haus, eine neue Perspektive fehle oft. „Dann werden die ersten Präparate dieser Art verordnet.“ Im Laufe der Jahre ließen sich viele auch gesetzlich versicherte Patientinnen die umstrittenen Mittel auf Privatrezept verordnen. Für die Ärzte habe dies den Vorteil, dass ihr Verordnungsverhalten nicht auffalle.

Auch gegenüber Schmerzmitteln seien Frauen im deutschen Gesundheitssystem anfälliger. Oft fange die Verordnung dieser Mittel bereits in Jugendjahren an, wenn die ersten Menstruationsbeschwerden einsetzten. Ein Grund für die Probleme der Frauen mit Arzneimitteln sei auch schlicht: "Frauen haben mehr Arztkontakte." Sie gingen öfters in die Praxis.

Bei der Folgebehandlung von Herzinfarkten habe sich die Lage allerdings gebessert. Frauen bekämen - anders als früher - nach einem Infarkt heute in der Regel eine angemessene Therapie. Noch immer würden Infarkte bei Frauen aber im Schnitt später erkannt. So sterben laut Glaeske 32 Prozent der Männer, aber 38 Prozent der Frauen direkt in Folge eines Herzinfarktes noch vor Einlieferung in eine Klinik. "Hier müssen vor allem die Allgemeinmediziner weiter fortgebildet werden."

Auch ein vom Robert-Koch-Institut herausgegebener Bericht über ‚Gesundheit von Frauen und Männern in mittleren Lebenslagen‘ kam zu dem Ergebnis, dass Ärzte bei Frauen und Männern oft unterschiedliche Maßstäbe anlegten. So komme es vor, dass sie die gleichen Symptome bei Frauen und Männern unterschiedlich deuten.

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