LEBEN LEBEN

Armutsbericht für Deutschland: Mehr Schulden, mehr Obdachlose, mehr Superreiche

2,05 Millionen deutsche Haushalte überschuldet
2,05 Millionen deutsche Haushalte überschuldet Armutsbericht 00:01:03
00:00 | 00:01:03

"Nur eine Kündigung oder eine schwere Krankheit von der Armut entfernt"

Über vier Millionen Erwachsene in Deutschland gelten als überschuldet - und das, obwohl viele Arbeit haben. Auch die restlichen Ergebnisse des Armutsberichts zeigen: Die gute Wirtschaftslage kommt nicht bei allen an.

2015 hätten 2,05 Millionen Haushalte als überschuldet gegolten - 2013 seien es 1,97 Millionen Haushalte gewesen. Für 2015 bedeute dies 4,17 Millionen Betroffene. Im Armutsbericht von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, der der 'Bild'-Zeitung vorliegt, heißt es demnach: "Ein Trend, nach dem seit 2006 ein stetiger Anstieg zu verzeichnen ist, setzt sich fort." Grund für die Überschuldung sei immer öfter Einkommensarmut. Das heißt, dass immer mehr Menschen trotz Arbeit finanziell nicht mehr über die Runden kommen. 

Dabei sind die Reallöhne seit Jahren gestiegen - allein 2015 um 2,4 Prozent. Profitiert haben davon allerdings vor allem die gut verdienenden Angestellten. Die schlechte Nachricht lautet nämlich: Knapp 21 Prozent der Arbeitnehmer verdienen nur maximal zehn Euro die Stunde. "Millionen Menschen in Deutschland sind nur eine Kündigung oder eine schwere Krankheit von der Armut entfernt", so der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge. Das müssten auch etablierte Politiker berücksichtigen, wenn sie davon sprächen, dass es Deutschland gut gehe.

Mehr als ein Fünftel aller Kinder sind von Armut bedroht

ARCHIV - ILLUSTRATION - Ein kleines Mädchen sitzt am 13.03.2012 allein auf einem rostigen Geländer im Innenhof eines Plattenbau-Wohngebiets in Frankfurt (Oder). Das Deutsche Kinderhilfswerk stellt am 14.01.2014 eine Umfrage zur Kinderarmut in Deutsch
Von den insgesamt 12,9 Millionen Kindern in Deutschland unterlägen aber bis zu 2,4 Millionen einem Armutsrisiko. © dpa, Patrick Pleul

"Nur wenige Kinder in Deutschland leiden unter materieller Not", heißt es demnach in dem Bericht. Wenn der Anteil der Haushalte "mit einem beschränkten Zugang zu einem gewissen Lebensstandard und den damit verbundenen Gütern" betrachtet werde, dann seien fünf Prozent der Kinder betroffen.

Das sei deutlich weniger als im EU-weiten Schnitt mit neun Prozent, heißt es dem Bericht zufolge. Von den insgesamt 12,9 Millionen Kindern in Deutschland unterlägen aber bis zu 2,4 Millionen - also mehr als ein Fünftel - einem Armutsrisiko, weil die Haushalte, in denen sie lebten, über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens verfügten.

Am höchsten sei das Armutsrisiko von Kindern, wenn beide Elternteile ohne Job seien. Es betrage dann etwa 60 Prozent. Betroffen davon seien rund eine Million Kinder. Ist jedoch ein Elternteil in Vollzeit erwerbstätig, fällt das Armutsrisiko für Kinder laut dem Berichtsentwurf "schon deutlich auf etwa 15 Prozent". Bei einer Vollerwerbstätigkeit beider Eltern seien es nur noch drei Prozent. Diese Konstellation komme in Deutschland allerdings nur bei knapp jeder siebten Paar-Familie vor.

Fast acht Millionen Bürger waren 2015 auf Hartz IV oder eine Grundsicherung im Alter angewiesen. Ein Anstieg von 800.000 in den vergangenen fünf Jahren. Gestiegen ist allerdings auch die Millionärsdichte in Deutschland: 16.495 Bundesbürger haben im Jahr mehr als eine Millionen Euro Einkommen, das sind rund 4.000 mehr als noch vor sieben Jahren. Dagegen hat die Zahl der Wohnungslosen zugenommen. Seit 2006 hat sich die Zahl um 80.000 Menschen auf 335.000 erhöht.

Anzeige