"Appell gegen Prostituition": Damit Deutschland nicht länger Paradies für Sextouristen ist

"Appell gegen Prostituition": Damit Deutschland nicht länger Paradies für Sextouristen ist
© dpa, Malte Christians

Deutschland - ein Paradies für Sex-Touristen

Alice Schwarzer hat sich wieder ins Gespräch gebracht: Ihr "Appell gegen Prostitution" macht deutlich, wie katastrophal es um die Prostituierten steht, die seit 2002 legal in Deutschland arbeiten. Warum hat ein Gesetz, dass die Lage der Frauen verbessern sollte, so dramatisch versagt?

Von Jutta Rogge-Strang

Viele prominente Namen stehen auf der Unterschriftenliste des "Appells gegen Prostitution": Maria Furtwängler, Sonya Kraus, Dieter Nuhr, Frank Schätzing, Sarah Wiener, Ranga Yogeshwar, Senta Berger und viele mehr haben unterzeichnet. Aber worum geht es eigentlich in dem "Appell gegen Prostitution"?

Seit 2002 ist Prostitution in Deutschland legal: Sex-Arbeiterinnen können sich krankenversichern und ihren Lohn einklagen, auch die Gründung einer Ich-AG war möglich. Allerdings wurde neben der Tätigkeit als selbstständige Prostituierte auch der Betrieb von Bordellen legalisiert. Seitdem ist der Markt förmlich explodiert: In Deutschland, gibt es heute mehr als 3.000 Bordelle und Sexclubs, mit geschätzten 400.000 Prostituierten. Groß-Bordelle ziehen Sex-Touristen aus den USA und Asien an, die nirgendwo sonst an so günstige Dienstleistungen kommen. Laut "Appell gegen Prostitution" sind Frauenhandel und Prostitution weltweit "neben dem Waffen- und Drogenhandel das Geschäft mit den höchsten Profitraten (über 1.000 Prozent)." Ein Milliardengeschäft - allerdings nicht für die Frauen.

Dabei bedeutet die steigende Nachfrage nach willigen Frauen eine Vergrößerung des Marktes und damit eine noch größere Nachfrage nach Frauen - und die bekommt man billig am besten illegal. Neun von zehn Frauen werden zur Prostitution gezwungen, wissen Insider. Zwangsprostitution bedeutet wiederum unmenschliche Bedingungen: Frauen, die keinen Freier ablehnen dürfen, Sex-Sklavinnen, die weder fliehen noch zur Polizei gehen können, weil sie illegal in Deutschland sind. Häufig kommen die Frauen und Mädchen aus Osteuropa.

Nutznießer des Gesetzes sind die Bordellbetreiber und Zuhälter. Die Förderung der Prostitution, wegen der früher gegen Zuhälter ermittelt werden konnte, ist seit 2002 nicht mehr in jedem Fall strafbar. Damit hat die Polizei keine rechtliche Handhabe mehr, durch Kontrollen im Milieu Menschenhändler aufzuspüren.

Alice Schwarzer: "Dass Frauen sich freiwillig prostituieren, ist ein Mythos"

Der "Appell gegen Prostitution" fordert also eine längst überfällige Überarbeitung des Gesetzes von 2002: "Deutschland ist zu Europas Drehscheibe für Frauenhandel und zum Paradies der Sextouristen aus den Nachbarländern geworden", heißt es in dem Appell. Das von Rot-Grün verabschiedete Gesetz fördere "moderne Sklaverei". Außerdem seien Groß-Bordelle durch das Gesetz 2002 überhaupt erst möglich geworden.

In Schweden und Norwegen ist Prostitution verboten. Bestraft werden allerdings nur die Freier, um die Frauen zu schützen. Das so genannte „schwedische Modell“ wird auch in anderen Ländern diskutiert: Nun denken auch die Niederlande darüber nach, nachdem die Legalisierung der Prostitution von 2000 nicht die gewünschten Erfolge gebracht hat, um Prostituierte als mögliche Opfer von Menschenhandel oder erzwungener Prostitution zu schützen.

"Dass Frauen sich freiwillig prostituieren, ist ein Mythos", erklärt Alice Schwarzer in einem Spiegel-Interview: Ihrer Meinung nach sollen Freier künftig geächtet oder eventuell bestraft werden. Dass den vielen Zwangsprostituierten dringend geholfen werden muss, ist unstrittig. Immerhin: Die Diskussion ist wieder entfacht. Aber bis es zu einem politischen Ergebnis kommt, geht alles so weiter wie gewohnt.

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