Anti-Missbrauch-Song: Lady Gaga setzt wichtiges Statement

Anti-Missbrauch-Song: Lady Gaga setzt wichtiges Statement
Lady Gaga sang bei der Oscarverleihung 2016 über die Initiative „It’s on us“, die sich vor allem gegen sexuelle Gewalt an den amerikanischen Universitäten richtet. © picture alliance / AP Images, Chris Pizzello

"It's on us" - die wichtige Mahnung eines Popstars

Dieses Statement war gewollt: Mit ihrem Song, der auf Missbrauchsopfer aufmerksam machen sollte, folgte Lady Gaga US-Vizepräsident Joe Biden auf die Bühne. Dieser hatte die Sängerin zuvor angekündigt und dabei auf die Initiative „It’s on us“ hingewiesen, die sich vor allem gegen sexuelle Gewalt an den amerikanischen Universitäten richtet. Da sich hier in den letzten Jahren die Übergriffe häufen, hat das Weiße Haus als Reaktion jetzt diese Kampagne ins Leben gerufen, die von vielen Prominenten unterstützt wird. Sie soll Menschen - Frauen wie Männer - vor sexuellem Missbrauch schützen und generell für das Thema sensibilisieren. So wird man aufgerufen eine Art Eid zu schwören, um andere zu schützen, aber auch um selbst nicht zum Täter zu werden.

Von Merle Wuttke

Soweit sind wir hierzulande leider immer noch nicht. Zwar hat seit den 90er Jahren das Thema sexueller Missbrauch endlich den Weg in die Öffentlichkeit gefunden und ist nicht länger mit einem Tabu belegt, das Aufklärung unmöglich macht, aber die Missbrauchsskandale der letzten Jahre - auch wenn der Missbrauch zum Teil Jahrzehnte zurückliegt, wie an der Odenwaldschule oder bei den Regensburger Domspatzen - zeigen, dass sich die betroffenen Institutionen nach wie vor mit einer wirklichen Aufarbeitung des Themas äußerst schwer tun. Was wiederum ein Schlag ins Gesicht der Opfer ist.

Auch geflüchtete Frauen und Kinder sind betroffen

In Deutschland wurde laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2004 jede siebte Frau zwischen 16 und 85 Jahren schon einmal Opfer sexueller Gewalt, die strafrechtlich relevant war und jede zweite Frau in dieser Altersgruppe war schon sexuellen Belästigungen ausgesetzt.

Und die Statistik zeigt, dass auch noch 2015 täglich etwa 40 Kinder sexuell missbraucht werden. Immer noch viel zu viel. Das Thema bekommt zudem eine weitere Brisanz - mit dem Zustrom der Flüchtlinge sind die mit- oder allein reisenden Frauen und Kinder in den Unterkünften aufgrund der Fülle und fehlenden sicheren Rückzugsorte ebenfalls möglichem Missbrauch ausgesetzt. In Hamburg registrierte man bereits halb so viele Fälle von sexueller Gewalt wie in ganz 2015.

Da die Frauen und Kinder oft aus Kulturkreisen stammen, in denen sexualisierte Gewalt meist nicht öffentlich diskutiert wird, trauen sich viele nicht die Täter anzuzeigen. Gerade hier ist daher Aufklärungsarbeit dringend notwendig. Das hat auch das Bundesfamilienministerium erkannt - und zusammen mit dem Zentralrat der Muslime einen Flyer in arabisch, türkisch und deutsch verfasst, in dem Hilfsangebote vorgestellt werden.

Seit fünf Jahren gibt es im Ministerium den Unabhängigen Beauftragen, im Moment füllt Johannes-Wilhelm Rörig das Amt aus. Diese Stelle wurde geschaffen, um verstärkt Skandale von Missbrauch aufzuklären und weiter über sexualisierte Gewalt zu informieren. Von hier aus werden auch verschiedene Kampagnen zum Thema Kinderschutz gestartet. Deutschland tut also tatsächlich mittlerweile etwas, um den Opfern zu helfen und andere gar nicht erst zu Opfer werden zu lassen.

Nichtsdestotrotz hat man den Eindruck, dass das Ganze nach wie vor nicht Priorität besitzt, sondern man das Thema in Gesellschaft und Medien lediglich dann behandelt, wenn wieder einmal ein Skandal aufflackert oder ein Tatort dazu gezeigt wird. Um das Thema wirklich in das Bewusstsein der Menschen zu bekommen, bräuchte es noch mehr öffentliche Durchschlagskraft - so wie die Kampagne des Weißen Hauses. Und das wäre eine Aufgabe für die Kanzlerin.

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