Anne Sinclair: Zu Recht Frau des Jahres 2011?

Anne Sinclair steht zu ihrem Mann Dominique Strauss Kahn
Anne Sinclair steht zu ihrem Mann Dominique Strauss Kahn © picture alliance / dpa, Andrew Gombert

Anne Sinclair: Warum ist sie Frau des Jahres?

Anne Sinclair, die Gattin von Dominique Strauss-Kahn ist in Frankreich von den Userinnen eines Online-Magazins zur Frau des Jahres gewählt worden. Vor Christine Lagarde, der neuen Präsidentin des Internationalen Währungsfonds und Nachfolgerin Strauss-Kahns. Auf den ersten Blick ist es ein verrücktes Ergebnis. Sinclair hätte doch vielmehr den Titel der Gehörnten des Jahres verdient, werden viele Frauen denken. Es lohnt sich jedoch, genauer hinzuschauen. Denn es gibt viele Gründe, Madame Sinclair zu bewundern.

Von Christiane Mitatselis

Ihre Haltung war von Beginn an klar: Als ihr Mann Dominique Strauss-Kahn, damals noch IWF-Präsident, im Mai in New York in Handschallen abgeführt wurde, da er ein Zimmermädchen im Hotel Sofitel vergewaltigt haben sollte, glaubte sie an seine Unschuld. Sie wich auch keinen Zentimeter von ihr Position ab, als sich herausstellte, dass Strauss-Kahn tatsächlich sexuellen Kontakt mit der Hotelangestellten gehabt hatte.

Ist Anne Sinclair eine Heldin ihres Geschlechts?

Sinclair machte klar: Mein Mann mag untreu sei, sogar ein notorischer Schürzenjäger. Doch er ist kein Straftäter. Und sie bekam Recht. Gegen Strauss-Kahn konnte schließlich keine Anklage erhoben werden, da die Glaubwürdigkeit des Zimmermädchens erschüttert worden war. Sie hatte sich zu oft in Widersprüche verstrickt und taugte nicht mehr als Zeugin. In Frankreich sahen sich viele Menschen in ihrer Annahme bestätigt, Strauss-Kahn sei Opfer eines Komplotts geworden. Er war der designierte Kandidat der Sozialisten für die anstehenden Präsidentschaftswahlen - dieses Projekt wurde durch die New Yorker Affäre tatsächlich zerstört.

Zudem ist die Journalistin Anne Sinclair in Frankreich seit vielen Jahren eine Respektperson, die sowohl für ihre Klugheit als auch für ihre Eleganz bewundert wird. Seit 1991 ist die 63-Jährige mit dem ein Jahr jüngeren Strauss-Kahn verheiratet. Sie lernte ihn kennen, als er zu Gast war in einer politischen Sendung, die sie leitete. Für sie war es die zweite Ehe, für ihn die dritte. Am Anfang war sie bekannter als ihr Mann, der sich oft Monsieur Sinclair nennen lassen musste. Es sei von Beginn an Liebe gewesen, sagte sie einmal.

Anne Sinclair war beliebter als Carla Bruni

Erst als Strauss-Kahn 1997 französischer Minister für Finanzen und Wirtschaft wurde, zog sich Sinclair aus der politischen Berichterstattung zurück. Sie blieb aber im öffentlichen Leben präsent, auch durch einen espritvollen Internetblog, den sie seit ein paar Jahren betreibt. Vor der Affäre ihres Mannes sahen viele Franzosen in ihr die ideale erste Dame des Landes - klüger, erfahrener und französischer als Nicolas Sarkozys schillernde Gattin Carla Bruni.

Wenn sich eine so würdevolle Frau wie Sinclair entscheidet, ihren Mann zu unterstützen, dann zählt ihr Wort in Frankreich. Der Rest ist Privatsache. Niemand weiß, welche Abkommen es in ihrer Ehe gibt. Da Sinclair nicht dumm ist, dürfte es ihr nicht entgangen sein, dass Strauss-Kahn ein Frauenheld ist. Wer weiß aber, welche Freiheiten Sinclair in der Ehe hat, welchen Modus Vivendi die beiden gefunden haben - wie groß ihr Glück oder Unglück ist? Niemand hat das Recht, moralisch darüber zu urteilen. Es geht nur die beiden etwas an. Die Französinnen, die für Sinclair gestimmt haben, sind nicht verrückt. Für ihre Haltung kann man diese Frau tatsächlich bewundern.

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