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Angst in Deutschland: Warum fürchten wir uns SO sehr?

Zunehmende Angst in Deutschland
Zunehmende Angst in Deutschland SO kriegen die Sorgen uns nicht unter 00:02:20
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Müssen Frauen mehr Angst haben?

Die Nachrichten über Terroranschläge verfolgen uns fast täglich, die sexuellen Übergriffe der Kölner Silvesternacht sind nicht vergessen, Einbruch, Diebstahl und Überfälle passieren jeden Tag. Müssen besonders wir Frauen heute mehr Angst haben?

Von Jutta Rogge-Strang

Wir haben alle Angst. Das ist auch gut so, denn Angst dient als Schutzmechanismus. Sie ist ein Urinstinkt. Vor Millionen Jahren sicherte die Angst unser Überleben, etwa durch Flucht vor wilden Tieren. Tatsächlich nehmen in Deutschland die Angst-Erkrankungen zu, mittlerweile leiden mehr als 10 Millionen Deutsche daran. Weltweit wird keine andere psychische Störung häufiger diagnostiziert. Generell erkranken Frauen fast doppelt so oft an Angst-Störungen als Männer, jede fünfte Deutsche war bei einer Untersuchung 2010 betroffen. Theoretisch kann es aber jeden treffen, einen speziellen Angst-Typ gibt es nicht.

Was genau eine Angststörung auslöst, ist nicht bekannt. Aber oft sind es äußere Umstände, die die Seele angreifen: Arbeitslosigkeit oder Trennung, Krankheiten oder Unwetter. Experten vermuten auch einen Zusammenhang zwischen zu schneller Medienwelt und der Angst, zu versagen. Auch die Sorge, persönlich durch Kriminalität gefährdet zu sein nimmt zu: Dabei sind Frauen wieder besonders betroffen. Mehr als die Hälfte aller Frauen können mittlerweile eine Gegend nennen, in der sie sich nachts alleine nicht aufhalten möchten.

Auch bei Kindern und Jugendlichen stellen US-Wissenschaftler zunehmend Ängste fest. Besonders belastend empfinden die Kinder und Jugendlichen soziale Isolation. Wenn sich die Eltern scheiden lassen, steigt die Isolation, und das kann Dauerangst auslösen. Auch die Angst vor einem nuklearen Krieg, Umweltkatastrophen, Krankheiten wie Aids, Bedrohung durch Gewalt und Kriminalität und die ausführliche Berichterstattung darüber belasten Kinder und Jugendliche.

Wie kann man der Angst begegnen?

Viele Frauen spüren ein Unwohlsein, ein diffuses Gefühl der Angst: Vor Raub, vor sexuellen Übergriffen, auf öffentlichen Plätzen und besonders nachts. "Mit der Angst geht es so weit, dass viele Leute, besonders Frauen gar nicht mehr aus dem Haus gehen, dass sie versuchen, sich nicht mehr alleine in der Gesellschaft zu bewegen. Und das ist dann wirklich eine Einschränkung der Lebensqualität, und die ist nicht gerechtfertigt“, so Psychologin Dr. Katharina Ohana zu RTL.

Gerade nach der Silvesternacht in Köln und Hamburg wurde klar, dass auch die Polizei an ihre Grenzen stößt. Auf die insgesamt 1200 Frauen, die zu Opfern wurden, kommen 120 Verdächtige, nur vier Männer konnten verurteilt werden. Auch beim Thema Einbruch sieht es düster aus: Hier liegt die Aufklärungsquote bei gerade mal 15 Prozent. Dass die Polizei hier so hinterher hinkt, schürt ebenfalls Ängste.

Dabei ist es völlig in Ordnung, Angst zu haben, sie gehört zum menschlichen Leben dazu. Wer ein selbstbestimmtes Leben führen will, sollte seine Gefühle nicht verdrängen und bekämpfen, sondern genau hinsehen. Jede Angst hat einen Ursprung, den man ergründen kann. Man muss (manchmal mühsam) lernen, dass die befürchteten Katastrophen eben nicht eintreten, auch wenn man sich noch so sehr fürchtet. Auch die Angst vor der Angst lähmt unser freies Leben, denn dann wird aus einem eigentlich lebensrettenden Alarmsignal eine Blockade, die Körper, Gefühle, Gedanken und Verhalten boykottiert.

Objektiv gesehen geht es uns in Deutschland gut, wir leben in relativem Frieden und Wohlstand. Dass die Angst trotzdem aus dem Ruder laufen kann, liegt an der Art und Weise, wie eine einzelne Person Dinge sieht und bewertet. Menschen mit einer Angststörung schätzen Ereignisse als bedrohlich ein, die Gesunde für risikolos halten. Politik und Polizei könnten helfen, dass sich das subjektive Sicherheitsgefühl wieder verbessert. Denn tatsächlich leben wir immer noch in einem der sichersten Länder der Welt.

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