Angela Merkel wird 60: Wie die Bundeskanzlerin zur "Mutti der Nation" wurde

Die Abräumerin: Kanzlerin Angela Merkel feiert 60. Geburtstag

Früher war sie "Kohls Mädchen", heute ist sie die "Mutti der Nation": Angela Dorothea Merkel, geborene Kasner, gilt als die mächtigste Frau der Welt. Sie ist die erste deutsche Kanzlerin - ein Begriff, der erst für sie erfunden werden musste. Sie behauptet sich seit 14 Jahren an der CDU-Spitze und regiert seit neun Jahren das Land.

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Angela Merkel wird 60: Wie die Bundeskanzlerin zur "Mutti der Nation" wurde
© dpa, Maurizio Gambarini

Jutta Rogge-Strang

Das war nicht abzusehen, als Baby Angela am 17. Juli 1954 in Hamburg geboren wurde. Kurz nach ihrer Geburt zogen ihre Eltern (Vater Horst war Pfarrer) in die DDR, Bruder Marcus kam 1957, Schwester Irene 1964 zur Welt. Angela wuchs im brandenburgischen Templin auf und studierte in Leipzig Physik. Nach der ersten gescheiterten Ehe mit Ulrich Merkel, die 1982 geschieden wurde, lernte sie 1984 in Ost-Berlin den Quantenchemiker Joachim Sauer kennen, den sie am 30. Dezember 1998 heiratete. Sauer, der sich stets von öffentlichen Auftritten fernhält, brachte zwei Söhne mit in die Ehe.

Heute verhandelt Kanzlerin Angela Merkel mit den Großen dieser Welt, die Präsidenten der USA, Chinas oder Russlands rufen bei Merkel an, wenn sie mit Europa sprechen wollen. Gegen die männlichen Parteikollegen hat sie sich beharrlich durchgesetzt, genauso kühl, emotionslos und eisern wie Männer. Das bekamen nicht nur ihr Zieh- und Übervater Helmut Kohl zu spüren, auch Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) und die SPD-Kandidaten Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück hat sie überlebt. Merkel knüpft ihr Netzwerk strategisch: Parteikollegen, die ihr nicht nützen oder sie gar bedrohen, werden aus dem Weg geräumt oder weggelobt. Die Liste ist lang: Schäuble, Kohl, Merz, Koch, Wulff, usw, usw...

Dabei wägt sie ab, wechselt auch mal ihre Standpunkte und kalkuliert pragmatisch. "Jeder Schritt muss in seinen Folgen beherrschbar bleiben", so die Wissenschaftlerin Merkel. Ihre Kritiker nennen es zögerlich und opportunistisch, ihre Anhänger abwägend. Sie räumt nicht nur Widersacher, sondern auch Themen ab. Mal die der anderen, mal die eigenen. Aber sie räumt ab.

Ihr Arbeitspensum ist hoch, aber das macht ihr nichts: "Ich mag meine Arbeit. Ich denke mich gern in ganz unterschiedliche Themen ein und freue mich, mit sehr verschiedenen Menschen zusammenzukommen", so Merkel auf ihrer Website. Und sie mag es, von hinten zu führen, Meinungen und Positionen abzuwägen und erst dann zu entscheiden. Damit hat sie sich ihre Macht erhalten und dem Land eine seltsam unangreifbare Stabilität. Deutschland ist im Vergleich gut durch die internationale Finanzkrise gekommen, der Euro ist noch da, die Arbeitslosigkeit ist relativ niedrig, die Konjunktur läuft, das Land steht gut da. Fakten, die für Merkel sprechen.

Ganz nebenbei beherrscht sie längst die Kunst der unaufdringlichen Selbstinszenierung – auch dies eine Führungsqualität. Unscheinbar und schüchtern betritt Merkel 2000 zum ersten Mal als CDU-Vorsitzende und Oppositionsführerin die große politische Bühne und muss Häme und Spott wegen ihres Äußeren über sich ergehen lassen. Aber schon 2003 sucht sie sich professionelle Unterstützung und der Berliner Star-Friseur Udo Walz legt Hand an Angelas Topfschnitt. Als Merkel 2005 Deutschlands erste Kanzlerin wird, ist daraus längst ein Pagenkopf mit luftigem Pony geworden – und ist es bis heute.

Darum ist Angela Merkel die "Mutti der Nation"

Auch die Kleidung wurde der Bedeutung der Kanzlerin angepasst: Zu Geschäftsterminen kommt die Kanzlerin immer und ausschließlich in Hosenanzügen. Die besitzt sie nun in allen möglichen Farben, in kamera-tauglichen Materialien, taillierten schmeichelnden Schnitten. Zu besonderen Anlässen – etwa den Wagner-Festspielen in Bayreuth – darf es dann auch mal ein langes Abendkleid sein. Die Berliner Designerin Anna von Griesheim und die Hamburgerin Bettina Schoenbach kümmern sich seit Jahren um den textilen Aspekt der Macht. Natürlich zählt auch die dezente Deutschland-Kette, die Merkel beim WM-Finale trug, zum perfekten Staatsfrauen-Styling.

Bei alldem strahlt Angela Merkel Bodenständigkeit aus. Sie wohnt schon seit vielen Jahren in der Altbauwohnung in Berlin-Mitte, geht im Sommer Wandern und im Winter Langlaufen. Die Kanzlerin und ihr Ehemann mögen klassische Musik, besonders Opern. Sie mag Fußball und macht Selfies mit der Nationalmannschaft. Und manchmal lächelt sie so herzlich und offen, dass jeder glaubt, dass unsere Kanzlerin vielleicht doch ganz einfach ein richtig netter Mensch ist – die "Mutti" eben.

Wenn die Staatsfrau Merkel aus Washington, Peking oder Brüssel zurückkommt, zieht sie sich am liebsten mit Ehemann Joachim in das einfache Wochenendhaus in der Uckermark zurück. Dort pflanzt die „leidenschaftliche Gärtnerin“ Gemüse an, kocht am liebsten bodenständig: "Ich koche sehr gern, am liebsten Rouladen und Kartoffelsuppe. Mein Mann beschwert sich selten. Nur auf dem Kuchen sind ihm immer zu wenig Streusel. Er ist halt Konditorensohn." Wir dürfen getrost davon ausgehen, dass die Kanzlerin nach dem Essen auch noch diesen Tisch abräumt.