Andrea Nahles: Recht auf Abwesenheit statt besserer Kinderbetreuung?

Andrea Nahles: Recht auf Abwesenheit statt besserer Kinderbetreuung?
Andrea Nahles kämpft für Mindestlohn © imago stock&people

"Mit dem Anwesenheitswahn muss Schluss sein"

Kaum ist Andrea Nahles als Ministerin für Arbeit und Soziales vereidigt, da schwingt sie schon große Reden. Sie will sich für Familien stark machen, es müsse „Schluss sein mit dem Anwesenheitswahn, denn Familien brauchen auch Zeit“, verkündete die SPD-Politikerin in der „Bild“. Klingt interessant – ist aber nur heiße Luft.

Von Christiane Mitatselis

Andrea Nahles (43) ist 2011 Mutter geworden, sie hält sich deshalb offenbar für prädestiniert und kompetent, das Thema Familie und Arbeit in ihrem Ministerium anzugehen. Außerdem ist es ja modern, über dieses Thema zu fabulieren.

Vollzeit müsse neu definiert werden, sagte sie der „Bild“ weiter. In Unternehmen müsse teamorientierter gearbeitet werden, „dann ist es möglich, dass Mama und Papa auch mal nachmittags nach Hause gehen, um sich das Krippenspiel des Kindes anzuschauen.“

Wahnsinn! Mal früher nach Hause gehen, damit ist das Familienleben natürlich gerettet! Was Nahles ansonsten genau vorhat, verschwieg sie.

Will sie Heimarbeit fördern, will sie Jobsharing voranbringen, flexible Arbeitszeitkonten, vielleicht das Recht einführen, von Teilzeit wieder in Vollzeit zurückzukehren?

Alles schön und gut, das Problem ist nur: Die Arbeit muss irgendwann getan werden – ob nun von 7 bis 15 oder von 11 bis 19 Uhr. Und auch wer zu Hause arbeitet, kann nicht gleichzeitig die Kinder betreuen, denn dann würde die Arbeit empfindlich leiden – was nicht dem Sinn der Sache entspricht.

Es geht auch um Krippenplätze - und die sind teuer

Das eigentliche Problem hat Nahles aus Versehen angesprochen. Es geht um Krippen – nicht um -Spiele, sondern -Plätze. Kinder müssen betreut werden, solange die Eltern arbeiten. Und zwar kostengünstig, staatlich gefördert, damit es sich alle leisten können. Es gibt in Deutschland zwar ein Recht auf Krippenplätze für Kinder unter drei Jahren, aber nicht genug Einrichtungen.

Außerdem sind die Öffnungszeiten der Kindergärten und -Krippen für Berufstätige nach wie vor ein Alptraum. Wenn sie lange geöffnet sind, dann vielleicht bis 17 Uhr. Wie soll dazu eine Verkäuferin im Einzelhandel zurechtkommen? Eine Lehrerin in einer Ganztagsschule? Sie wird eine Tagesmutter bezahlen müssen, die flexibler ist als der Kindergarten. In Zeiten des allgemeinen Lohndumpings kann sich das nicht jeder leisten. Nur wenige Menschen verdienen so viel Geld wie die hochdotierte Politikerin Nahles.

Familienfreundliche Kinderkrippen müssten ungefähr von sechs Uhr bis 20 Uhr geöffnet sein und Achtstunden-Betreuung in Gleitzeit zu Preisen anbieten, die sich nach dem Gehalt der Eltern richten. Das würde Familien wirklich helfen.

Es wäre außerdem gut, die Erzieher besser zu bezahlen, sie bekommen selten mehr als 2000 Euro brutto im Monat. So wäre dieser Beruf attraktiver, letztlich würde das den Standard der Betreuung heben.

All das würde natürlich Geld Kosten – und wäre in Zeiten des allgemeinen Sozialabbaus schwer durchzusetzen. So quasselt Nahles lieber vom Ende des Anwesenheitswahns und Krippenspielen. Ihre Worte werden irgendwo verhallen - und Mütter weiter durch den Tag hetzen, damit die Tochter oder der Sohn nicht im Kindergarten warten muss.

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