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'Als Gott ein Kaninchen war': Fantasievolles Debüt von Sarah Winman

Sarah Winman: Als Gott ein Kaninchen war
Sarah Winman: 'Als Gott ein Kaninchen war' © Limes Verlag

Leseinfo zu 'Als Gott ein Kaninchen war'

Als Eleanor Maud, genannt Elly, ihr neues Kaninchen "Gott" nennt, ist die Welt für sie und ihren fünf Jahre älteren Bruder Joe in Ordnung. Wohlbehütet wachsen die beiden in einer britischen Kleinstadt auf und meistern zusammen die kleinen Widrigkeiten ihres jungen Lebens. Zwar ist ihr Alltag von allerhand skurrilen Ereignissen gesäumt, die Liebe und Unterstützung ihrer Eltern ist den beiden jedoch sicher. Als die Familie nach Cornwall zieht, um dort eine Frühstückspension zu eröffnen, muss Elly ihr bisheriges Leben, allen voran ihre beste Freundin Jenny Penny, zurücklassen.

Über 'Als Gott ein Kaninchen war'

'Als Gott ein Kaninchen war' erzählt die Lebensgeschichte von Elly und ihrer Familie, die neben ihren Eltern und Bruder Joe noch aus ihrer Tante Nancy, einer erfolgreichen Schauspielerin, besteht. Im Laufe der Jahre wird der Kreis der Vertrauten noch um einige Personen erweitert - es entsteht eine tolerante, moderne Gemeinschaft, in der die verschiedensten Formen der sexuellen Orientierung möglich sind und in der man ohne Kompromisse füreinander einsteht. Jenny Penny, einst Ellys beste Freundin, verschwindet plötzlich aus deren Leben und taucht erst Jahre später aus einer unerwarteten Richtung wieder auf.

Der Roman teilt sich in zwei Teile: Der erste Teil umfasst Ellys Kindheit und frühe Jugend, der zweite Teil greift die Handlung rund zwanzig Jahre später wieder auf. Elly ist mittlerweile erwachsen, wohnt in London und hat sich zu einer leicht psychotischen Einzelgängerin entwickelt. Ihr Bruder Joe lebt in New York, der Rest der Familie in Cornwall. Die Ereignisse des 11. September überschatten auch das Leben ihrer Familie: Joe, der schützende Schatten ihrer Kindertage, verschwindet spurlos und Elly reist nach New York, um ihren Bruder zu finden.

Im Laufe der Handlung greift die Autorin eine Vielzahl ernster Themen auf, die sie auf sehr sensible und einfühlsame Weise behandelt: Missbrauch, Gewalt, Verbrechen, Krankheit und eine große Katastrophe finden im Buch allesamt Platz - zu viele Schicksalsschläge, um jedem in angemessener Weise gerecht werden zu können. So wird einiges nur kurz angeschnitten und kommt im gesamten Kontext zu kurz. Dieses Problem zieht sich durch die gesamte Handlung: Die vielen Fäden, die im Laufe der Geschichte geknüpft werden, verlieren sich zu einem Großteil im Nichts, statt aufgelöst oder in einen Zusammenhang gebracht zu werden. Dem Leser bleibt viel Raum für Fantasie, die vielen Handlungsstränge sorgen mitunter aber für Verwirrung. Die stetigen Zeit- und Ortssprünge machen die Orientierung da nicht leichter.

Während der erste Teil des Romans eine Aneinanderreihung von teils skurrilen und seltsamen Episoden ist, bei dem sich der Lesefluss nicht so recht einstellen will, schafft es der zweite Teil dennoch, den Leser in einen regelrechten Sog zu ziehen: Da sich die Ereignisse überschlagen, mag man das Buch kaum noch aus der Hand legen und bangt vor allem um das Schicksal Joes. Elly dagegen, die ihre Lebensgeschichte im Buch aus der Ich-Perspektive erzählt, will dem Leser nicht mehr so wirklich nah kommen - zu wenig erfährt man über sie, ihren Werdegang und vor allem ihr Gefühlsleben. Die Figuren, die Elly durch ihr Leben begleiten, sind sehr interessant angelegt und hätten durchaus ausgebaut werden können: So trifft Elly im Laufe der Jahre vornehmlich auf skurrile Außenseiter, die die Handlung zwar bereichern, dem Leser jedoch nicht so recht ans Herz wachsen wollen.

Stilistisch ist das Buch sehr schön geschrieben, die fantasievolle und bildhafte Sprache kann das Manko des fehlenden roten Fadens zum Teil wieder wettmachen. Trotzdem kann man sich des Eindrucks einer gewissen Ziellosigkeit in der Erzählung nicht erwehren. Die einzelnen Szenen wechseln in rascher Folge, was das Lesen mitunter mühselig macht. Selbst das Kaninchen als Namensgeber des Buchtitels streift die Handlung nach seinem Tod nur hin und wieder. Klappentext, Titel und das hübsche, außergewöhnliche Buchcover machen neugierig und schüren hohe Erwartungen an die Geschichte, die leider nicht ganz erfüllt werden können.

Über die Autorin Sarah Winman

Sarah Winman ist in der Grafschaft Essex aufgewachsen und lebt heute in London. Hauptberuflich ist sie Schauspielerin. Nach ihrer Ausbildung trat sie vornehmlich im Theater auf, spielte jedoch auch in zahlreichen Filmen und Fernsehproduktionen mit. 'Als Gott ein Kaninchen war' ist ihr erster Roman.

(Text: Kira Heppner)

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