Allgemeinbildung: Lehrt die Schule wirklich das Falsche?

Lebensnaher Unterricht oder Gedichtsanalysen?

Der Tweet einer Schülerin, die sich Naina nennt, sorgt im Netz für Wirbel. „Ich bin fast 18 und hab‘ keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen. Aber ich kann ne Gedichts-Analyse schreiben. In 4 Sprachen“, teilte sie mit und fand damit so viel Zuspruch, dass die Zahl ihrer Follower drastisch in die Höhe stieg. Ist ihre Kritik berechtigt, brauchen wir tatsächlich anderen, lebensnäheren Unterricht?

So kritisiert die Schülerin via Twitter das deutsche Schulsystem
Hat die 17-jährige Schülerin Recht mit ihrer Kritik am deutschen Schulsystem? © Wörmann, Sarina [RTL interactiv

Von Christiane Mitatselis

Die junge Dame ist fast 18 Jahre alt und steht kurz vor ihrem Abitur. Sie tweetet außerdem: "Klar, wir lernen in der Schule wichtige Sachen. Aber niemand bringt uns bei, wie man später auf eigenen Beinen steht." Diese Kritik mag zwar unter Schülern populär sein, trotzdem ist sie ziemlich beschränkt. Sollte man mit Abitur nicht in der Lage sein, selbst auf eigenen Beinen zu stehen, ohne ein genaue Anleitung?

Der Abschluss, den Naina auf dem Gymnasium mit dem Abitur erlangt, nennt sich auch allgemeine Hochschulreife, es geht um die Befähigung, an einer Universität zu studieren – und um Allgemeinbildung, zu der Literatur und somit Gedichts-Analysen gehören.

Da sie, wie sie sagt, in vier Sprachen schreiben kann, hat sie schon vieles gelernt, das ihr im späteren Leben nutzen wird. Sprachkompetenz wird vielen Studiengängen und Berufen verlangt. Wenn sie sich eine praktische Ausbildung in Steuer- und Mietrecht wünscht, hindert sie niemand daran, eine Ausbildung in dieser Richtung einzuschlagen, etwa bei einem Steuerberater, einer Versicherung oder in einer Bank. Sie kann auch Betriebswirtschaftslehre studieren.

Das Gymnasium vermittels das intellektuelle Rüstzeug

Sie hätte sich nach der Mittleren Reife auch dafür entscheiden können, eine höhere Handelsschule zu besuchen. Sie hat das Ziel, Schüler auf Berufe im Bereich der Wirtschaft und Verwaltung vorzubereiten. Dort hätte sie die praktischen Dinge gelernt, die sie offenbar so sehr vermisst.

Das Gymnasium ist dafür nicht gemacht. Dort erhalten Schüler Allgemeinbildung und damit das intellektuelle Rüstzeug, sich praktische Sachverhalte zu erschließen. Oder anders ausgedrückt: Wer Abitur hat, sollte intellektuell in der Lage sein, die wichtigsten Punkte eines Mietvertrages zu verstehen. Oder eine Steuererklärung mit einer dafür gemachten Software zu erstellen.

Wie nützlich Allgemeinbildung im späteren Leben sein kann, erschließt sich Jugendlichen meist noch nicht. Erst später merkt man, dass das analytische Denken, das auf dem Gymnasium gelehrt wird, ein wichtiges Werkzeug ist, um im Leben zu bestehen. Dass Schülern dieser Weitblick fehlt, ist nichts Neues. Auch in früheren Zeiten hatten viele den Eindruck, in der Schule hauptsächlich Unfug eingetrichtert zu bekommen. Sie konnten ihre Kritik damals nur nicht auf so einfache Art weltweit verbreiten, da es noch kein Internet gab.

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