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'Alles steht Kopf' von Pixar: Was geht im Kopf meines Kindes vor?

Was geht bloß da drinnen vor?

Kinofilme bieten mitunter eine wunderbare Möglichkeit mit seinen Kindern ins Gespräch zu kommen. Über Gefühle, Ängste und das eigene Sein. Der Film 'Alles steht Kopf' ist so ein Film. Kunterbunter Kinospaß, der so viel mehr ist, als bloßes Unterhaltungskino. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, sich gemeinsam mit seinen Kindern Gedanken zu machen .

Von Alexandra Diemair

Ich liebe es, mit meinen Töchtern ins Kino zu gehen. Wir haben gemeinsam Tränen gelacht bei 'Madagaskar', geschmachtet bei 'Bibi und Tina', hemmungslos geschluchzt bei 'Honig im Kopf'. Immer wieder bieten Filme - nicht alle aber einige - die Möglichkeit, sich gemeinsam mit seinen Kindern Gedanken zu machen. Gedanken über uns selbst. Und über das Leben. Wie wir sind. Wie wir sein wollen. Oder auch nicht. Der Animationsfilm 'Alles steht Kopf' stellt sich genau diese Frage. Der knallbunte Animationsfilm über die elfjährige Riley, die in eine andere Stadt ziehen muss und in deren Kopf ab diesem Moment die Gefühle Achternbahn fahren, macht Rileys Gefühle zu den Hauptakteuren des Films. Handlungsort des Films ist Riley Andersons Kopf. In diesem sitzen Freude, Kummer, Ekel, Angst und Wut an der Schaltzentrale und steuern das Bewusstsein der kleinen Riley. Und auch ihre Erinnerungen. Dabei kommen sie sich oft genug gegenseitig in die Quere. Wer bin ich? Wie funktioniere ich? Was machen meine Emotionen mit mir? Das sind einige der zentralen Fragen des Films.

Fragen, die sich mir als Mutter zweier vor-, bzw. pubertierender Töchter tagtäglich immer wieder neu stellen. Besonders der Teil mit den Emotionen. Denn heranwachsende Mädchen haben es schwer. Und ihre Mütter auch. Die Emotionen kochen hoch, schwappen hin und her, wie die Titanic in Seenot. Wir verfluchen sie, diese Emotionen. Die eigenen und die der Kinder. Und dann kommt dieser Film. Und gibt all diesen Emotionen ein Gesicht. Beziehungsweise viele Gesichter. Und jedes einzelne kommt so sympathisch, lustig und charmant daher, dass wir uns richtig anfreunden mit den knallbunten Figuren. Und mit unseren Gefühlen. Mit dem dicken blauen Kummer, der sich bei jeder bietenden Gelegenheit verzweifelt auf den Boden schmeißt. Mit der dürren Angst im Pullunder, dem bulligen roten Ärger mit seiner Autohändlerkrawatte, dem arroganten, grünen Ekel mit der klimpernden Wimpern und natürlich Joy, der ständig gut gelaunten Freude.

„Die Freude alleine war mir zu anstrengend“

Meine Töchter sind restlos begeistert und es entwickelt sich das, was ich mir schon im Vorfeld von dem Film erhofft hatte. Zahlreiche kleine und große Gesprächsanlässe und Gedanken über Gefühle und Erinnerungen. Die eigenen und die der anderen. Die Erkenntnis beispielsweise, dass Freude allein nicht alles ist und manchmal auch Kummer zu neuen Einsichten führt. "Ich mochte den Kummer am liebsten", stellt eine meiner Töchter fest. "Die Freude alleine war mir zu anstrengend". Die Trauer über den Verlust von 'Ding Dong', dem alten Zuckerwatte-Elefanten aus Kleinkindertagen führt zu Überlegungen, an wen oder was aus Kindertagen man sich selbst noch erinnern kann. Und welche Erinnerungen vielleicht schon längst vom Staubsauger des Vergessens aufgesaugt worden sind. Inwieweit man die Farbe seiner Erinnerungen selbst bestimmen kann. Und welche der Gefühlsfiguren einem die liebste ist. Plötzlich ist es auch gar nicht mehr so frustrierend, wenn die Tochter am Abend mit mauligem Gesicht am Abendessenstisch sitzt. "Ich glaube, bei ihr hat gerade Ekel das Kommando übernommen," flüstert mir meine andere Tochter zu.

Und meine sonst so verschlossene, pubertäre Tochter schafft es, über die Brücke des Films mit mir über Gefühle zu sprechen. Ihre. Meine. Über den Verlust der Familien- und der Spielinsel. "Weißt du, Mama, wahrscheinlich müssen diese Inseln untergehen, damit sich neue buntere überhaupt entwickeln können". Über das Durcheinander ihrer eigenen Gefühlswelt scheint auf einmal für einen kurzen Augenblick nicht mehr ganz so schlimm.

'Alles steht Kopf' ist kein Film für kleinere Kinder. Die Zuschauer müssen zu einem gewissen Maße in der Lage sein, sich über sich selbst und ihre eigene Gefühlswelt Gedanken zu machen, zu abstrahieren. Wenn die Kinder aber in dem Alter sind (ich würde sagen, keinesfalls jünger als sieben oder acht), bietet der Film unendlich viele Möglichkeiten zu lachen, zu weinen und zu sprechen. Für Erwachsene. Und ihre Kinder.

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