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Alkoholsucht: Wann und wie können Angehörige helfen?

Alkoholsucht: Wann und wie können Angehörige helfen?
© Patrick Hoffmann/WENN.com, PH3/HSS

Alkoholsucht kann für peinliche Situationen sorgen

Die lustige Jenny Elvers war auf Partys oft die letzte, die ging. Mit ihr konnte man richtig gut feiern. Nach außen war sie nie ein Kind von Traurigkeit. Traurigerweise gilt das für viele Alkoholabhängige, die ihre Probleme so lange mit Hochprozentigem zuschütten, bis die Sucht ihr Leben bestimmt. Jetzt konnte die ganze Welt dabei zusehen, wie Jenny sich um Kopf und Kragen lallte. Wie konnte es soweit kommen, dass ihr eigener Mann und Manager den peinlichen TV-Auftritt nicht verhinderte?

Von Dagmar Baumgarten

Kurz nachdem sich die offensichtlich benebelte Jenny ganze 45 Minuten lang durch die NDR-Sendung "Das!" durchgenuschelt hatte, hagelte es schon Häme im Internet. Dass sie ziemlich betrunken war, ließ sich nicht mehr verheimlichen. Auch wenn Jenny das hinterher noch versuchte: Ihr sei doch nur schlecht gewesen, versuchte sie ihren Auftritt nach der Sendung zu verharmlosen. Schon in der Vergangenheit hatte die Schauspielerin öfter von Magen-Darm-Infekten gesprochen, wenn sie in der Öffentlichkeit durch unsicheren Gang oder undeutliche Aussprache aufgefallen war. Ihr eigener Mann hat gestern als Erster öffentlich ausgesprochen, was schon lange Tuschel-Thema war: "Meine Frau ist krank - sie braucht dringend einen Entzug!"

Aber warum reagiert er erst jetzt? Warum schickte er sie in eine solche Sendung ? Hat er denn vorher nichts gemerkt? Dass die nächsten Angehörigen oft nicht sehen, oder nicht wahrhaben wollen, was für Außenstehende offensichtlich ist, ist nichts Ungewöhnliches. Sucht geschieht schleichend. Mal hier und da ein Gläschen zu viel. "Ach, ist doch nicht so schlimm, sie feiert halt gern", heißt es dann.

Wenn aus dem Gelegenheits-Gläschen dann schleichend ein "bei jeder Gelegenheit-Trinken" wird, verfallen Betroffene oft in ein Muster aus Verheimlichen und Verharmlosen. Es werden geheime Vorräte angelegt, der Mundwasser- Konsum steigt. Für den Kater oder auch den benebelten Zustand werden Grippe, Migräne und/oder Medikamente verantwortlich gemacht. Wenn ein Partner dann für das Thema Sucht nicht sensibilisiert ist, ist es zu diesem Zeitpunkt oft schwer, das Lügenkonstrukt zu durchschauen, mit dem sich Abhängige von Glas zu Glas hangeln.

Alkoholsucht ist eine ernste Erkrankung

Doch irgendwann lässt es sich nicht mehr verheimlichen. Wenn aus der Suche nach dem Rausch schleichend eine Sucht geworden ist. Und wenn der fehlende Alkohol Entzugserscheinungen auslöst. Dann wird aus dem "ich hab es nicht gesehen" der Angehörigen oft ein "ich wollte es nicht sehen". Nicht weil man dem Partner nicht helfen will. Sondern weil man aus Hilflosigkeit und Scham die Sucht des Partners genauso aktiv verdrängt wie der Betroffene selbst. Immer in der Hoffnung, dass sich das von selbst regelt.

Jeder, der schon mal mit Suchtkranken zu tun hatte, kennt die Beteuerungen, jederzeit aufhören zu können und die Verharmlosungen, warum alles doch gar nicht so schlimm ist. Aussetzer werden als Ausnahmen heruntergespielt. Und sollte jemand wirklich den Mut haben das Problem: „Du hast ein massives Alkohol-Problem!“ offen anzusprechen, schlägt ihm meist nicht Dankbarkeit, sondern Wut entgegen. Es wird von den Süchtigen oft als schlimme Beleidigung oder Diffamierung, im Arbeits-Umfeld gar als Mobbing empfunden.

Helfen will jeder - aber wie? Leider ist es nicht so einfach, wirklich zu erkennen, ob ein Mensch nur über die Stränge schlägt oder ein Problem hat, bei dem er oder sie dringend Hilfe braucht. Doch selbst wenn der eigene Partner das erkennt, ist es ja nicht getan. Götz Elbertzhagen ist seit sehr vielen Jahren in der Showbranche tätig. Das Problem Rauschmittel und deren Auswirkungen dürfte ihm nicht fremd sein. Aber es reicht eben nicht, seiner Frau zu sagen, was da gerade Schlimmes mit ihr passiert. Solange sie selbst das Problem verdrängt, wird sie keine Hilfe annehmen.

Und vielleicht musste es deshalb so weit kommen, dass Jenny in einen Auftritt stolpert, bei dem sie so offensichtlich nicht mehr Herrin ihrer Sinne war - und sie selber merkt, dass sie dringend Hilfe braucht. Jetzt begibt sie sich angeblich in eine professionelle Suchtklinik. Es klingt wie das Klischee von der Gosse, in der die Süchtigen erst landen müssen, bis sie Hilfe annehmen. Vielleicht ist es so. Umso wichtiger, dass man ein offensichtliches Suchtproblem in seinem Umfeld anspricht. Um das Lügenkonstrukt, dass den Betroffenen in seiner Sucht hält, zu durchbrechen. Dies ist oft der erste Schritt zu professioneller Hilfe.

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