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Alkohol: So verändert Alkoholismus das Leben

So verändert Alkoholismus das Leben
Alkohol: So verändert Alkoholismus das Leben © picture-alliance/ dpa, Lehtikuva Marja Airio

Der schwierige Weg aus der Alkohol-Sucht

Die Düsseldorfer Wohnung der 70-jährigen Rentnerin Hanna K.* ist liebevoll eingerichtet. Katzenfiguren zieren die Regale. "Meine Katze hat mich immer gemieden, wenn ich getrunken hatte." Hanna K. ist seit 26 Jahren trockene Alkoholikerin. Sie ist eine zierliche Person mit vielen Lachfalten - Ihre bewegende Geschichte sieht man ihr nicht an.

Von Sara Dörnemann

Hanna K. wuchs vaterlos auf. Ihre Mutter hatte alle Hände voll zu tun, Hanna und ihre vier Brüder zu ernähren. "Von ihr habe ich gelernt, wie wichtig es ist, selbstständig zu sein", erzählt Hanna. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte Hanna in Bremen. Aus dieser Zeit behält sie die Erinnerung an ihre erste, große Liebe. "Eine Weile habe ich geglaubt, dass hier der Auslöser für meine Sucht liegt", gesteht Hanna. Die Beziehung zerbricht nach fünf Jahren, ein Teil von Hanna auch. "Ich hätte nie gedacht, einmal süchtig zu werden." Hanna war eine normale junge Frau, deren Trinkverhalten nicht ungewöhnlich erschien: Sekt an Geburtstagen, Bier am Wochenende und unter Freunden eine Flasche Wein. Hanna war immer dabei, wollte dazu gehören. Auch ihren Ehemann lernte sie "natürlich im Lokal" kennen. Die alte Dame schmunzelt, aber ihre Augen bleiben ernst, während sie sich erinnert.

Einsamkeit in der fremden Heimat

Plötzlich war Hanna schwanger und zu dieser Zeit war es undenkbar, das Kind alleine großzuziehen. Das junge Paar musste heiraten, obwohl von Anfang an keine Harmonie zwischen den beiden herrschte. Da ihr Mann aus Düsseldorf kam, musste Hanna in eine fremde Stadt ziehen, in der sie schnell Heimweh bekam. Die alte Dame betont, dass sie während der Schwangerschaft abstinent war, bleibt aber ehrlich. "Nach der Geburt meiner Tochter habe ich als erstes wieder getrunken." Zu dieser Zeit fiel Hannas Trinkverhalten auch auf Feiern auf. Die laute Art, Alkohol in Mengen, die Angst der anderen Frauen, Hanna würde im betrunkenen Zustand mit ihren Männern flirten. "Also habe ich vor den Feiern schon getrunken, damit die Leute dachten: "Die Hanna verträgt halt nicht so viel." Niemand sah, wie einsam sich die junge Mutter fühlte. Der Alkohol nahm eine immer größere Rolle in Hannas Leben ein, bis sie schließlich einen Entschluss fasste: "Als meine Tochter eingeschult wurde, brachte ich sie zu meiner Mutter nach Bremen. Ich wollte lieber trinken, als ihr bei den Hausarbeiten zu helfen."

"Ich war eine aggressive Trinkerin."

Alkohol: So verändert Alkoholismus das Leben

Als Außenstehender ist diese Entscheidung, das eigene Kind abzugeben, schwierig nachzuvollziehen. Die 70-Jährige beschreibt, dass der Alkohol bei ihr "einen Schalter umlegte". Rückblickend bezeichnet sie sich selbst als "aggressive Trinkerin“. Der Alkohol gab ihr Selbstbewusstsein. Durch ihn wurden ihr aber auch viele Dinge egal - wichtig war nur noch der nächste Rausch. Hanna besuchte ihre Tochter so oft es ging in Bremen, doch zwischen Mutter und Tochter war etwas zerbrochen. "Erst jetzt weiß ich, wie es für meine Tochter gewesen sein muss, wenn ich sie in den Arm nahm und sie die Fahne roch." Ihre Familie in Bremen distanzierte sich immer mehr von Hanna. Sowohl ihre Brüder als auch ihre Mutter wollten nichts mehr mit ihr zu tun haben. "Ich muss mich schämen, mit dir gesehen zu werden." Hanna erinnert sich noch heute an die schmerzenden Worte ihrer Mutter. Zu Hause in Düsseldorf wird die Kluft zwischen Hanna und ihrem Mann immer größer. Ihre Versprechen mit dem Trinken aufzuhören, konnten von der jungen Frau nicht eingehalten werden. Falsche Hoffnungen, Trinkpausen, erneute Rückschläge - die Ehe war ein einziges Auf und Ab. Hanna tauschte zu dieser Zeit ihren Halbtagsjob in einem Blumengeschäft gegen einen Ganztagsjob als Bürohilfe. Sie wollte unabhängig von ihrem Mann sein. Am Ende nimmt ihr dieser jedoch die Entscheidung ab - Nach einem zehnjährigen Kampf gibt Hannas Mann schließlich auf und geht.

Endlich frei?

"Ich war erleichtert, endlich konnte ich so leben wie ich wollte." sinniert die Rentnerin und weiß nun, dass die folgenden vier Jahre alles andere als frei waren. "Ich konnte das Problem nicht erkennen. In meinen Augen war ich eine anständige Frau. Ich trieb mich ja nicht herum." Die Rentnerin weiß noch, wie ihr Umfeld auf ihre Sucht reagierte. Ein Arbeitskollege sprach die unverblümte Wahrheit aus: "Jedes Mal, wenn ich mit Ihnen rede, haben Sie eine Fahne." Es sind Worte die weh tun, aber keine Wirkung zeigen. Die Sucht ist stärker. Hanna geriet immer tiefer in die Spirale aus Ausreden, Lügen und Scham. "Wenn es keinen Anlass zum Trinken gab, habe ich mir einen geschaffen." Die Rentnerin weiß noch genau, wie sie ihre Sucht verbergen wollte. "Eine Nachbarin kam immer regelmäßig zum Quatschen vorbei. Mein Bier habe ich dann in eine Kaffeetasse umgefüllt. Heute weiß ich, wie naiv das war. Die Fahne hat man trotzdem gerochen." Hanna war in dieser Zeit regelmäßig betrunken. Der Vollrausch kam in immer kürzeren  Abständen.“Wichtig war mir nur meine Arbeit. Ich wollte auf keinen Fall auf der Straße landen." Sie hielt die Fassade aufrecht, doch innerhalb ihrer vier Wände nahmen die Probleme zu. Mit Mühe versuchte sie Ordnung zu halten, hortete aber kistenweise Alkohol. "Ich redete mir ein, einen Vorrat  - zum Beispiel an Glühwein - zu brauchen. Doch der hielt nie lange." Bis Hanna eines Tages auf ihrem Wohnzimmerboden erwachte. (*Name von der Redaktion geändert)

Trinken bis zur Besinnungslosigkeit

Alkoholsucht bei Frauen
Trinken bis zum Blackout © picture-alliance/ dpa, Lehtikuva Tuomas Marttila

Um sie herum lagen Bierflaschen, sie konnte sich nicht erinnern, was die letzten drei Tage passiert war. "Ich hatte einen Blackout, war nicht zur Arbeit gegangen. Bei meinem Hausarzt versuchte ich für diese Zeit einen gelben Schein zu erhalten." Doch der Arzt lehnte ab. Als Hanna nach Hause kam, war sie so wütend auf ihren Arzt, dass sie sich erneut besinnungslos trank. Der Tag verschwand im Nichts."Und da merkte ich, dass all meine Probleme von dieser Trinkerei kamen." Mit dieser ersten Einsicht gestand Hanna ihre Sucht dem Hausarzt, der sie an die Anonymen Alkoholiker (AA) verwies. Noch am gleichen Abend besuchte Hanna ein Treffen. Sie musste sich den Mut dazu antrinken. "Ich dachte nur, das dürfen meine Geschwister nie erfahren, dass ich zu diesen Asozialen gehe." Hanna hatte Vorurteile gegen die AAs. In ihrem Kopf handelte es sich um verwahrloste Gestalten, die dem Staat auf der Tasche liegen.

"Dabei weiß ich heute, dass sich die Anonymen Alkoholiker selbst und aus Spenden finanzieren", lacht die Rentnerin. Bei ihrem ersten Besuch sollte sie eines besseren belehrt werden. Hanna traf auf feine Menschen, die gekämpft hatten und ihr helfen wollten, auch so stark zu werden. In Hannas erster Sitzung ist noch eine andere Frau zum ersten Mal dabei - völlig betrunken. Es war, als würde man Hanna einen Spiegel vorhalten. Doch für sie war es ein heilsamer Schrecken.

Nie wieder Alkohol

"Seit dem 28. April 1984 habe ich nicht mehr getrunken", erzählt die 70-jährige Hanna und man spürt ihren Stolz. "Alleine hätte ich das aber nie geschafft. Nach der ersten Sitzung kam ein Teilnehmer auf mich zu und sagte: "Hanna, egal was du tust, komm wieder." Von da an bin ich jede Woche zu den AAs gegangen." Hanna lernte hier Menschen kennen, die ihr vor Augen hielten, wie ihre Situation hätte enden können. "Ich hätte meinen Job verlieren können und mein Leben. Gerade dieser Punkt wurde mir zum ersten Mal bewusst."

Hanna sprach mit ihrem Chef über ihre Sucht und dieser versprach ihr, sie in der Firma zu behalten, wenn sie trocken bliebe. "Das war eine große Hilfe." Was zunächst wie ein Happyend klingt, war alles andere als einfach, um jetzt zu der Hanna zu gelangen, die mit solcher Ehrlichkeit ihre Geschichte erzählt. "Zunächst habe ich Gründe für meine Sucht gesucht, bis mir aufging, dass das Ausreden waren. Niemand hatte mich gezwungen zu trinken. Ursachen-Forschung brachte mich nicht weiter."

Hanna musste lernen mit ihrem neuen, trockenen Ich umzugehen. "Ich steckte voller Aggressionen." Doch nicht nur der seelische Entzug machte ihr zu schaffen: Schlaflosigkeit, Herz-Rhythmus-Störungen und Magenbeschwerden - der jahrelange Alkohol-Missbrauch forderte seinen Tribut. Oftmals verzweifelte Hanna und dachte in ihrer Wut, dass mit Alkohol alles leichter gewesen war. Mit der Zeit entdeckte sie jedoch eine ganz neue Welt. "Ich habe mich erst kennengelernt, als ich trocken war." Hanna findet in Schwimmen und Radfahren ein Ventil für ihre Aggressionen. Sie beginnt zu reisen und findet ihre innere Ruhe wieder.

Annährung mit der Familie

Alkohol: So verändert Alkoholismus das Leben
Nehmen Sie Hilfe an © picture-alliance/ ZB, Hans Wiedl

"Erst als ich trocken war, konnte ich wieder Kontakt zu meiner Familie aufnehmen." Die Annährung war mühsam. Zu groß war die Enttäuschung, speziell für Hannas Tochter. "Ich habe keine Ausrede für mein Verhalten. Ich kann mich nur entschuldigen", erklärt die alte Dame. Doch oftmals holt sie die Vergangenheit wieder ein: "Als ich mich mit meinen Brüdern über Früher unterhalten habe, meinte meine Schwägerin, das könne ich doch alles gar nicht wissen, ich sei doch immer betrunken gewesen. Solche Worte tun sehr weh." Die Wunden auf beiden Seiten heilen langsam.

Doch die alte Dame bleibt positiv. "Ich ernähre mich nun gesünder. Plötzlich interessierte ich mich für Bücher. Am liebsten lese ich Biographien." Die Rentnerin besucht noch immer die Anonymen Alkoholiker, diesmal aber als helfende Hand. Seit 15 Jahren betreut sie Informationsmeetings in Gefängnissen. Inzwischen hilft sie dabei auch jugendlichen Straftäter sich mit dem Thema Alkohol auseinander zusetzen. Die Öffentlichkeitsarbeit liegt ihr sehr am Herzen. Hanna überlegt: "Ich glaube nicht, dass jemand von alleine aufhören kann." Egal welche Art der Hilfe man wählt, entscheidend sei die Selbstinitiative.

"Niemand wird mit Absicht süchtig."

Heute wählt sie ihre Freunde ganz genau aus. "So überlege ich auch, wem ich von meiner Sucht erzähle. Wenn jemand ehrlich nachfragt, gebe ich gerne Auskunft." Aber normalerweise reagiert niemand seltsam, wenn Hanna auf Feiern ein Glas Sekt ablehnt. Doch Hanna weiß, dass man nicht immer auf Verständnis trifft und zum Außenseiter werden kann, wenn man "nicht mittrinkt".

Genau das wollte sie damals als junge Frau vermeiden. Alkohol gehört zum guten Ton dazu. Heute beobachtet Hanna dies mit Besorgnis bei jungen Frauen. "Die Sucht schleicht sich in dein Leben - niemand wird mit Absicht süchtig. Aber es fängt schon beim Missbrauch an." Die alte Dame mit den Lachfalten weiß, wovon sie spricht.  

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