Alkohol in der Schule: Saufen unter Anleitung?

Alkohol in der Schule
Alkohol in der Schule © dpa, Jens Büttner

Alkohol in der Schule: „Lieber schlau als blau!“

Die einen müssen in der Schule ‚Faust, Teil 2‘ interpretieren, die anderen lernen Sinuskurven und eine kleine Minderheit am Rande der Republik lernt – zu trinken! In Schulen in Brandenburg besuchen Zehntklässler Workshops der etwas anderen Art: Trinken unter Aufsicht. Das Ziel: Die Jugendlichen sollen den richtigen Umgang mit Alkohol lernen. Ob es das bringt?

Von Merle Wuttke

Ganz schön mutig von den Lehrern, ihren Schülern vorzuschlagen, sich in der Schule und quasi im Unterricht volllaufen zu lassen. Darum geht es im so genannten „Trinkexperiment“, ein Präventionsprogramm, das den Missbrauch von Alkohol unter Jugendlichen eindämmen soll. Entwickelt wurde es von Psychologen und Sozialpädagogen, und zumindest in Brandenburg hat man es gewagt, das auch tatsächlich an Schulen durchzuführen. Mit Einverständnis der Eltern versteht sich. Da dürfen dann 15- oder 16-Jährige unter Aufsicht von Lehrern und Wissenschaftlern saufen. Bier, Alcopops, das Übliche. Alles wird protokolliert: Wie viel getrunken wurde, wie sich das Verhalten und die Konzentrationsfähigkeit verändert, Selbsteinschätzung. Kurze Zeit später findet dann die Nachbereitung in der Klasse statt – nüchtern natürlich. Die Schüler sollen so merken, ob sie tatsächlich schon eigenverantwortlich mit Alkohol umgehen können oder ob das meiste davon reine Selbstüberschätzung ist.

Seite an Seite mit dem Lehrer in den Rausch?

Was also auf den ersten Blick ziemlich absurd, ja fast schon kriminell wirkt, macht offenbar wirklich Sinn. Denn durch das gemeinsame Trinken werden die Schüler zwar zeitweilig tatsächlich „blau“, aber danach eben auch schlauer. Erstens wissen sie, was sie wirklich vertragen, zweitens sprechen sie darüber, warum sie überhaupt meinen, trinken zu müssen und drittens sehen sie, wie ein Rausch einen Menschen verändern kann. Suchtexperten befürworten jedenfalls diese Art von „Unterricht“: Besser als Alkohol strikt zu verbieten, sei es Jugendlichen die Möglichkeit zur Selbsterfahrung zu geben, aber eben unter Kontrolle. Denn merkwürdigerweise greifen zwar immer weniger junge Menschen zu Bierflasche und Co. – der regelmäßige Konsum geht zurück –, dafür gibt es jedoch nach wie vor eine feste Gruppe von Rauschtrinkern, die sich ins „Koma“ bzw. in die Klinik saufen. Und genau vor dem unkontrollierten Vollrausch sollen Angebote wie das schulische „Trinkexperiment“ schützen bzw. die Aufmerksamkeit der Kinder für diese Gefahr schärfen. So lange der Lehrer nicht selbst gerade dem Alkohol verfallen ist, ist das Ganze doch also eine ziemlich gute Idee. Warum sich jedenfalls die Berliner Schulbehörde entrüstet dagegen gestemmt hat und es für eine Schnapsidee hielt, erschließt sich nicht völlig. Vielleicht sollte man manchmal die Moral einfach mal einem Realitätscheck unterwerfen. Und die sieht nun mal so aus, dass die meisten Kinder irgendwann trinken. Besser sie sind darauf vorbereitet.

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