Alice Schwarzer: Hat sie ihre Vorbild-Rolle in der Frauenbewegung verloren?

Alice Schwarzer: Hat sie ihre Vorbild-Rolle in der Frauenbewegung verloren?
© dpa, Rolf Vennenbernd

Alice Schwarzer bedauert die Steuerhinterziehung

Alice Schwarzers enthülltes Steuer-Hinterziehungs-Geheimnis erhitzt in diesen Tagen die Gemüter. Deutschlands berühmteste Feministin sieht sich als Opfer einer Rufmord-Kampagne, Kommentatoren und Politiker werfen ihr dagegen – ziemlich unisono – Scheinheiligkeit vor. Ist es Zeit, dass sie ihren Platz in der Öffentlichkeit für Nachfolgerinnen räumt?

Von Christiane Mitatselis

Hier erst einmal die Fakten, über die der 'Spiegel' in dieser Woche berichtet hat: Alice Schwarzer hatte seit den 80er Jahren ein Konto in der Schweiz, auf dem sie in Deutschland versteuertes Geld deponierte, ohne allerdings die damit erzielten Zinsen hierzulande zu versteuern. Im vergangenen Jahr holte sie dies nach, indem sie Selbstanzeige stellte und die Steuern nachzahlte. Das seien rund 200.000 Euro plus sechs Prozent Säumniszinsen gewesen, teilte sie auf ihrer Homepage in einem Beitrag "in eigener Sache" mit.

Sie habe das Konto in einer Zeit angelegt, "in der die Hatz gegen mich solche Ausmaße annahm, dass ich ernsthaft dachte: Vielleicht muss ich ins Ausland gehen." Schwarzer schreibt weiter, sie bedauere ihr Verhalten, sehe die Sache aber als erledigt an. Sie beruft sich auf das Steuergeheimnis, das auch für sie gelten müsse. Der 'Spiegel' hatte jedoch einen Tipp aus der Schweiz bekommen und berichtet. Schwarzer sieht sich so als Opfer einer Rufmordkampagne und ihre Persönlichkeitsrechte verletzt.

Juristisch ist der Fall tatsächlich erledigt, es gibt – anders als bei Uli Hoeneß - weder Ermittlungen noch ein Verfahren gegen die Frauenrechtlerin. Moralisch ist die Sache für ihre vielen Kritiker hingegen längst nicht abgeschlossen. Während Franz-Josef Wagner, Kolumnist der mit Schwarzer befreundeten 'Bild' (sie berichtete über den Kachelmann-Prozess und machte Werbung für das Blatt) ihr humorig unterstellt, sie habe endgültig die letzte Männerdomäne niedergerissen, geht zum Beispiel die 'taz' hart mit ihr ins Gericht. Schwarzer, die Selbstgerechte, schrecke nicht davon zurück, sich als politisch Verfolgte "aufzuplustern", heißt es.

Eine Kämpferin mit starker Tendenz zur Selbstdarstellung

Überhaupt ist die Aufregung auch in den sozialen Netzwerken sehr groß. Schwarzer, die immer hohe moralische Ansprüche an andere gestellt hat, bekommt die volle Breitseite. Wahrscheinlich hätte sie mehr Asche auf ihr Haupt streuen und sich kleinlauter geben sollen, vielleicht hätte sich die Entrüstung dann in Grenzen gehalten.

Aber so ist sie halt, eine Kämpferin mit starker Tendenz zur Selbst-darstellung – und natürlich auch sehr eitel. Vermutlich wird sie nun ein wenig abwarten und dann in einer Talkshow ein exklusives Interview geben. Wer weiß, wie die Stimmungslage sich danach entwickelt.

Wie üblich geht die Debatte zu einem guten Stück am Kern der Sache vorbei. Wenn es Politiker so furchtbar finden, dass das deutsche Steuergesetz die straffreie Selbstanzeige vorsieht von der Schwarzer Gebrauch machte, dann sollten sie sich zuallererst ernsthaft dafür einsetzen, dass Gesetz zu ändern. Aber natürlich ist es einfacher, auf jemanden einzuprügeln. Der 'Bund der Steuerzahler' ist übrigens dagegen, die Selbstanzeige abzuschaffen, da dem Fiskus dadurch Einnahmen entgingen.

Und sonst? In der Empörung klingt auch viel Verdruss über die schwarzer'sche Monobeschallung mit. Niemand kann bestreiten, dass die Kölnerin, Jahrgang 1942, viel für die Rechte der Frauen in Deutschland getan hat. Wortgewaltig wie sie ist, war sie bis dato erster Talkshowgast zu jedem Thema, das Feminismus nur irgendwie tangierte. Es könnte sicher nichts schaden, wenn sie einen Schritt zurück machte und mehr Platz für potenzielle Nachfolgerinnen einräumte.

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